Bei Ausgrabungen in der antiken Stadt Sardes haben Archäologen eine monumentale Marmorstatue eines jungen Mannes entdeckt. Das 2,2 Meter hohe Werk wird in die Zeit zwischen 470 und 450 v. Chr. datiert.
Die Statue wurde in zwei großen Fragmenten geborgen; lediglich die Füße und einige kleinere Teile fehlen. Aufgrund ihrer überlebensgroßen Ausmaße und ihres bemerkenswert guten Erhaltungszustands gilt sie als außergewöhnliches Zeugnis der frühen klassischen Epoche im östlichen Mittelmeerraum.
Jahrhunderte im Straßenpflaster verborgen
Die Untersuchungen ergaben, dass die Skulptur in römischer Zeit als Spolie wiederverwendet wurde. Sie diente als Baumaterial im Pflaster der Säulenstraße am Eingang von Sardes.
Die zwei Fragmente der Marmorstatue bei der Auffindung, verbaut in einer römischen Straße.
© Türkisches Ministerium für Kultur und Tourismus
Nach Angaben der Forscher lag die Statue mit dem Gesicht nach unten im Straßenbelag. Diese ungewöhnliche Position schützte offenbar die Gesichtszüge sowie zahlreiche Details der Oberfläche über viele Jahrhunderte hinweg vor starker Beschädigung. Nach der Freilegung wurde das Kunstwerk von Spezialisten gesichert und für weitere Untersuchungen geborgen.
Kleidung verweist auf lokale lydische Traditionen
Besonders aufschlussreich sind die Darstellungen der Kleidung. Während die aufrechte Haltung und die langen Haare an Skulpturen des 6. Jahrhunderts v. Chr. erinnern, sprechen die Gesichtszüge und anatomischen Details für eine Entstehung im frühen 5. Jahrhundert v. Chr.
Der dargestellte junge Mann trägt einen dicken Himation, einen dünnen Chiton sowie ein darunter liegendes Gewand mit horizontalen Streifen. Nach Ansicht der Forscher unterscheiden sich diese Kleidungsmerkmale von vergleichbaren Skulpturen aus Anatolien und Griechenland. Sie sehen darin deutliche Hinweise auf lokale Traditionen und den kulturellen Hintergrund Lydiens.
Opfergabe in der Hand der Figur
In der rechten Hand hält die Figur eine Frucht. Die Wissenschaftler vermuten, dass diese als Opfergabe für eine Gottheit gedacht war. Nach gegenwärtigem Forschungsstand könnte es sich möglicherweise um eine Quitte handeln.
Die Darstellung liefert nach Ansicht der beteiligten Forscher wichtige Anhaltspunkte für religiöse Vorstellungen und kultische Praktiken in Sardes während der Achämenidenzeit.
Einblicke in die Elite einer bedeutenden Metropole
Die Statue entstand in einer Epoche, als Sardes als Satrapenhauptstadt der westlichen Provinz des Achämenidenreichs eine zentrale politische Rolle spielte. Nach Einschätzung der Forscher verbindet das Werk die klassische Formensprache der Ägäis mit lydischen Kleidungstraditionen und regionalen Bildmotiven.
Gerade diese Verbindung verschiedener kultureller Einflüsse macht den Fund wissenschaftlich besonders wertvoll. Die Archäologen erwarten, dass die Skulptur neue Erkenntnisse zur gesellschaftlichen Elite, zu kulturellen Kontakten sowie zu den Glaubensvorstellungen der Bewohner von Sardes im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. liefern wird.
Suche nach den Farben der Antike
Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchungen liegt auf möglichen Farbresten. Bekannt ist, dass viele antike Marmorstatuen ursprünglich bemalt waren. Die Sardes-Statue ist jedoch noch von einer dicken Sedimentschicht bedeckt, die sich während ihrer langen Lagerung im Boden gebildet hat.
Erste Untersuchungen an der Sardes-Skulptur
© Türkisches Ministerium für Kultur und Tourismus
Restauratoren werden die Oberfläche deshalb mit besonderen Verfahren reinigen, um eventuell erhaltene Pigmente nicht zu beschädigen. An den Arbeiten sind auch Spezialisten für antike Polychromie beteiligt. Sie werden sowohl die Oberfläche der Statue als auch die umgebenden Sedimente auf Farbreste untersuchen.
Sollten sich Spuren der ursprünglichen Bemalung nachweisen lassen, könnten diese zusätzliche Erkenntnisse über das ursprüngliche Erscheinungsbild des monumentalen Kunstwerks liefern.
Wissenschaftliche Untersuchungen laufen weiter
Die Forscher betrachten die Statue bereits jetzt als einen der bedeutendsten Funde der jüngeren Zeit in Sardes. Aufgrund ihrer Größe, ihres Erhaltungszustands und ihrer ungewöhnlichen Merkmale bietet sie die seltene Gelegenheit, Kunst, Identität und religiöse Vorstellungen im Lydien des frühen 5. Jahrhunderts v. Chr. genauer zu untersuchen.
Nach Abschluss der Restaurierungs- und Forschungsarbeiten soll die Statue im Manisa-Museum der Öffentlichkeit präsentiert werden.
Quelle: Türkisches Ministerium für Kultur und Tourismus