Die jüngste archäologische Kampagne in Saepinum, nahe Altilia in der italienischen Provinz Campobasso, hat den Blick auf die antike Stadt deutlich erweitert. Die Untersuchungen zwischen 2023 und 2025 legten neue städtebauliche und monumentale Zusammenhänge frei, die für das Verständnis der historischen Entwicklung des Ortes von zentraler Bedeutung sind. Besonders aufschlussreich sind die Befunde im Bereich der Porta Bojano, wo nun ein Haus von außergewöhnlichem Ausmaß und mit komplexer Baugeschichte dokumentiert werden konnte.
Ursprünglich besiedelten die Samniten Saepinum ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. auf dem Berg Mutria. Im Jahr 293 v. Chr. eroberten die Römer unter Lucius Papirius Cursor die Siedlung und verlegten sie in die Tammaro-Ebene. Im Jahr 89 v. Chr. erhielt Saepinum das römische Stadtrecht als Municipium der Tribus Voltinia. Ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. wurde es zur Colonia.
Das freigelegte Wohngebäude
Im Mittelpunkt der aktuellen Entdeckung steht ein monumentaler Gebäudekomplex mit einem repräsentativen Eingang zum Decumanus, der wichtigsten Ost-West-Achse der römischen Stadt. Die Struktur reicht offenbar weit über die bisher untersuchte Fläche hinaus und bestätigt damit bereits vermutete monumentale Dimensionen. Ihre Bau- und Nutzungsphasen ziehen sich von der frühen Kaiserzeit bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. und machen das Gebäude zu einem Schlüsselbefund für die Stadtgeschichte.
Die architektonische Anlage verweist auf einen gehobenen Wohnstandard, wie er auch aus großen römischen Städten Mittelitaliens bekannt ist. Für die Forschung ist vor allem bedeutsam, dass die Residenz nicht nur architektonisch beeindruckt, sondern auch einen langen Wandel von Wohnnutzung hin zu späteren Funktionsänderungen erkennen lässt.
Befunde aus Alltag und Technik
Die frühesten Phasen des Hauses werden durch architektonische Antefixe und Keramikfunde aus augusteischer und tiberischer Zeit belegt. Für die Hochkaiserzeit und bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. sind vor allem importierte afrikanische Sigillata und Gebrauchskeramik nachgewiesen, was auf die Einbindung Saepinums in überregionale Handelsnetze des Mittelmeerraums hinweist. In der Spätantike verschiebt sich das Bild: Die Räume scheinen nun verstärkt für Produktion oder Lagerung genutzt worden zu sein.
Auch kleine Fundobjekte ergänzen dieses Bild des häuslichen Alltags. Terrakottalampen, ein seltenes Räuchergefäß aus Ton, kleine Keramikgefäße sowie persönliche Gegenstände aus Bronze wie Ringe und ein Truhenschlüssel geben Einblick in die Lebenswelt der Bewohner. Besonders bemerkenswert ist zudem ein großer Bleibehälter, der zu einer Wasserheizungsanlage gehörte und mit stilisierten Sonnenmotiven und Gorgonenköpfen verziert ist.
Bleibehälter, der zum antiken Heizungssystem der Domus gehörte
© Ministerio della cultura
Infrastruktur und Umbauten
Der Fund des Bleibehälters, zusammen mit Fragmenten von Rohren und Ventilen, bietet seltene Einblicke in die technische Ausstattung gehobener römischer Wohnhäuser. Solche Befunde sind archäologisch besonders wertvoll, weil sie nicht nur Architektur, sondern auch den Grad häuslicher Ausstattung und technischer Infrastruktur sichtbar machen. In Saepinum lässt sich damit ein Wohnbereich fassen, der offenbar über eine komplexe und hochwertig ausgeführte Haustechnik verfügte.
Die Entdeckung zeigt zugleich, dass der untersuchte Bereich nicht statisch war, sondern über lange Zeit wiederholt umgestaltet wurde. Gerade dieser Wandel macht die Anlage für die Forschung so bedeutsam, weil sich an ihr die Anpassung an neue Nutzungsformen und gesellschaftliche Bedingungen ablesen lässt.
Forum und städtischer Wandel
Auch die Untersuchungen im Forum, hinter dem sogenannten Nerazi-Bogen, haben wichtige Ergebnisse erbracht. Dort wurden nach mehr als zwanzig Jahren erneut Ausgrabungen aufgenommen, die zusammen mit dreidimensionalen Studien zahlreiche architektonische Elemente und etwa vierhundert Steinblöcke dokumentieren. Dadurch wird der monumentale Kern der Kaiserzeit ebenso besser verständlich wie die darunterliegenden älteren Strukturen.
Besonders wichtig ist der Befund eines Übergangs von der samnitischen Siedlung der hellenistischen Zeit zur allmählichen Ausbildung der römischen Stadt. Neben dem Abwassersystem traten Räume und Becken zutage, die auf eine wohl spätrepublikanische Werkstatt hindeuten, vermutlich für die Wollverarbeitung. Damit wird sichtbar, dass Saepinum nicht nur ein repräsentativer Stadtraum war, sondern auch Orte wirtschaftlicher Produktion umfasste.
Cardo Maximus und Nachantike
Weitere Erkenntnisse brachte das PNRR-Projekt am Cardo Maximus nahe der Porta Terravecchia. Ziel war die Freilegung und Wiederherstellung des Zugangs zu dieser zentralen Nord-Süd-Achse der Stadt. Die stratigrafische Abfolge der Straße konnte rekonstruiert werden und zeigt, dass der Verkehrsraum auch nach dem Ende der Antike weiterhin genutzt wurde.
Von besonderer Bedeutung ist ein kleiner Münzschatz aus dem 5. Jahrhundert n. Chr., der in einer byzantinischen Schicht entdeckt wurde. Solche Funde helfen, die Nutzungsgeschichte des urbanen Raums auch für die Zeit nach dem klassischen Antikenende genauer zu fassen. Sie erweitern das Bild einer Stadt, deren Entwicklung nicht abrupt endete, sondern in veränderten Formen weiterlief.
Bedeutung der Inschrift
Die Kampagne von 2025 brachte zudem Marmorfragmente und eine Ehreninschrift aus dem Jahr 139 n. Chr. ans Licht. Die Inschrift stammt aus der Regierungszeit von Kaiser Antoninus Pius und verweist auf das Engagement der kaiserlichen Familie für die Stadt. Damit erhält Saepinum eine neue Verbindung zur Zentralverwaltung des Reiches, die seinen politischen und repräsentativen Rang unterstreicht.
Wissenschaftlicher Mehrwert
In ihrer Gesamtheit zeichnen die neuen Funde ein deutlich komplexeres Bild des antiken Saepinum. Sichtbar werden nicht nur Architektur und Stadtplanung, sondern auch Wohnkultur, technische Ausstattung, wirtschaftliche Nutzung und langfristiger Wandel. Gerade darin liegt die eigentliche Entdeckung: Saepinum erscheint nun als Stadt, deren Entwicklung über Jahrhunderte hinweg in vielen Schichten lesbar ist.
Quelle Ministerio della cultura