Forscher der Universitäten Köln, Oxford und Lüttich sowie der Cape Breton University haben das antibakterielle Potenzial von Birkenpech untersucht, das mit rekonstruierten prähistorischen Verfahren hergestellt wurde. Die Ergebnisse wurden unter dem Titel „Antibacterial properties of experimentally produced birch tar and its medicinal affordances in the Pleistocene“ in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlicht.
Birkenpech, eine zähflüssige Substanz aus Birkenrinde, ist aus zahlreichen europäischen Fundstellen bekannt, die dem Neandertaler zugeschrieben werden. Da entsprechende Rückstände häufig direkt an Steinartefakten haften, wurde lange angenommen, dass es primär als Klebemittel bei der Schäftung diente, also zur Verbindung einzelner Werkzeugkomponenten. „Neue Studien deuten darauf hin, dass das Birkenpech jedoch auch für andere Zwecke genutzt worden sein könnte“, erklärt Tjaark Siemssen von den Universitäten Köln und Oxford, der die Studie leitete.
Ethnographische Befunde aus verschiedenen Regionen legen nahe, dass Birkenpech auch medizinisch verwendet wurde. „Da es neben diesen Befunden auch immer mehr Nachweise für medizinische Verhaltensweisen und Pflanzennutzung bei Neandertalern gibt, hat uns die Nutzung des Birkenpechs in diesem Kontext interessiert“, so Siemssen.
Experimentelle Herstellung
Für die Untersuchung stellten die Forscher Birkenpech aus Baumarten her, die bereits im Pleistozän verbreitet waren. Dabei kamen bewusst Verfahren zum Einsatz, die archäologisch für den Neandertaler belegt sind.
Ein Verfahren bestand darin, Birkenrinde unter Luftabschluss in einer Grube zu erhitzen, wodurch durch Trockendestillation Birkenpech entsteht. Eine alternative Methode nutzte die Verbrennung von Birkenrinde nahe einer festen Oberfläche wie Stein, an der das Pech während des Prozesses kondensierte.
Antibakterielle Wirkung
Die experimentell gewonnenen Proben wurden anschließend mikrobiologisch getestet. Dabei zeigte sich, dass sämtliche Varianten das Wachstum von Staphylococcus aureus hemmen konnten. Dieses Bakterium ist ein häufiger Erreger von Wundinfektionen und zählt heute zu den bedeutenden multiresistenten Krankenhauskeimen.
Die antibakterielle Wirkung war unabhängig von der Herstellungsmethode nachweisbar. „Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass antimikrobielle Eigenschaften schon zu Zeiten der frühen Neandertaler eine Rolle spielten und gezielt eingesetzt werden konnten“, erläutert Siemssen.
Bedeutung für Archäologie und Medizin
Die Ergebnisse erweitern das Bild der Neandertaler als technologisch und kulturell versiert. Sie deuten darauf hin, dass die Neandertaler pflanzliche Ressourcen möglicherweise auch zu therapeutischen Zwecken nutzten. Zugleich weisen sie auf ein bislang wenig erschlossenes Potenzial natürlicher Substanzen hin.
Angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen gewinnen solche Erkenntnisse auch für die moderne Forschung an Bedeutung. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es sich lohnen kann, sich intensiver mit gezielt wirkenden Antibiotika aus ethnographischen Kontexten oder, wie hier, auch prähistorischen Kontexten auseinanderzusetzen“, so Siemssen.
Quelle Universität Köln
Originalpublikation
Siemssen T, Oludare A, Schemmel M, Puschmann J, Bierenstiel M (2026) Antibacterial properties of experimentally produced birch tar and its medicinal affordances in the Pleistocene. PLoS One 21(3): e0343618. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0343618