Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Dr. Silvia Amicone (Universität Tübingen) hat an der Fundstätte Nuraghe Barru neue Hinweise auf die Nutzung sardischer Nuraghen über die Bronzezeit hinaus vorgelegt. Die monumentalen Steintürme, die zwischen 1700 und 1100 v. Chr. errichtet wurden, blieben demnach auch in der frühen Eisenzeit von zentraler Bedeutung.
Funde wie ein Votivschwert und mehrere Zeremonialgefäße belegen, dass die Anlage noch Jahrhunderte nach ihrer Errichtung aktiv genutzt wurde. Die Ergebnisse der Studie, die in der Fachzeitschrift Open Archaeology veröffentlicht wurde, unterstreichen die Rolle der Nuraghen als langlebige soziale und spirituelle Zentren.
„Ob sie als Verteidigungsanlage, Wohngebäude oder für rituelle Zwecke genutzt wurden, ist bis heute umstritten“, berichtet Silvia Amicone. „Sie dominierten die Landschaft der Insel für Jahrhunderte.“
Gesellschaftlicher Wandel in der Eisenzeit
Mit dem Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit veränderte sich die sardische Gesellschaft grundlegend. Neue religiöse Praktiken entstanden, und mit ihnen neue Kultorte wie heilige Brunnen. „Wir sind der Frage nachgegangen, ob die alten Nuraghen dadurch ihre Bedeutung verloren hatten“, sagt Amicone. Die Ergebnisse aus Barru sprechen jedoch gegen einen Bedeutungsverlust. Stattdessen zeigen sie eine Anpassung und Weiterentwicklung bestehender Strukturen im Kontext neuer religiöser Praktiken.
Der versiegelte Brunnen
Zentrale Bedeutung kommt einem innerhalb der Turmanlage freigelegten Zisternenbrunnen zu. Dieser war sorgfältig versiegelt worden und enthielt eine komplexe Deponierung von Objekten. „Ganz unten im Brunnen lag eine Sammlung zerschlagener keramischer Gefäße, darunter erkennbar Kannen, eine Miniaturamphore und ein seltenes Zeremonialgefäß mit vier Griffen“, sagt Chiara Pilo. „Außerdem fanden wir tierische und menschliche Überreste, die dorthin verbracht wurden.“ Nach der Niederlegung der Objekte wurde der Brunnen mit Kalksteinplatten verschlossen. Die Befunde deuten auf eine bewusst inszenierte rituelle Handlung hin.
Der nuraghische Komplex Barru mit dem Zisternenbrunnen. Die aus mehreren Türmen bestehende Nuraghe ist von mehrheitlich runden Hütten umgeben.
© Orthofoto: Amir Ahmadpour und Lars Heinze
Votivgaben und architektonische Eingriffe
In unmittelbarer Nähe des Brunnens fanden sich weitere Opfergaben entlang einer Treppe, darunter ein 94 Zentimeter langes Bronzeschwert, klingenartige Bronzeobjekte sowie ein Kupferklumpen.
„Insgesamt deuten die Funde eher auf eine Episode ritueller Handlungen hin als auf zufällig entsorgte Gegenstände“, sagt Pilo. „Dadurch wurde auch das Gebäude selbst verändert.“ Im Zuge dieser Handlungen wurde die Treppe blockiert und der Zugang zu Teilen der Anlage verschlossen. Die Architektur selbst wurde somit Bestandteil ritueller Praktiken.
Die Analyse der Funde erfolgte interdisziplinär unter Einsatz archäologischer, geologischer und materialwissenschaftlicher Methoden. Besonders aufschlussreich war die Untersuchung der Keramik mittels Dünnschliff-Petrografie. Die Ergebnisse zeigen, dass ein Großteil der Gefäße nicht lokal produziert wurde. Einige stammen aus Regionen, die mehr als 40 Kilometer entfernt liegen.
Diese Befunde weisen auf ein weitreichendes Netzwerk hin, das den Austausch von Gütern, Ideen und kulturellen Praktiken ermöglichte. „Menschen, Güter und Ideen bewegten sich über die Insel, Barru könnte ein wichtiger Knotenpunkt dieses Austausches gewesen sein.,“ so Silvia Amicone.
Lokale Produktion und externe Einflüsse
Auch die Metallanalysen liefern wichtige Erkenntnisse. Die untersuchten Objekte bestehen aus Bronze mit hohem Kupfer- und geringem Zinnanteil. „Solche Legierungen deuten im ersten Fall auf für in der Nuraghenkultur typische Votivschwerter hin. Sie wurden nicht für den Kampf gefertigt, sondern für symbolische oder rituelle Zwecke“, erklärt Amicone. Einige Objekte weisen stilistische Parallelen zum italienischen Festland auf. Dennoch spricht ihre Materialzusammensetzung eher für eine lokale Herstellung. „Doch die Zusammensetzung des Materials lässt eher auf eine lokale Herstellung schließen als auf einen Import dieser Gegenstände.“
Die Befunde zeichnen das Bild einer aktiven und bedeutenden Anlage in einer Phase gesellschaftlichen Wandels. „Die Nuraghe Barru ist ein gut dokumentierter Fall“, sagt Gianfranca Salis. „Es war in der Eisenzeit ein aktives Zentrum, in dem Rituale, Identität und soziale Macht in einer Zeit des Wandels verhandelt wurden. Als neue Kultstätten entstanden, wurden nicht alle alten Gebäude aufgegeben. Bestimmte Türme aus der Nuraghenkultur wurden für zeremonielle Zwecke neu genutzt.“ Die Studie zeigt damit, dass kultureller Wandel nicht zwangsläufig mit einem Bruch einhergeht, sondern häufig durch Transformation bestehender Strukturen geprägt ist.
Interdisziplinäre Perspektiven
Die Untersuchung verdeutlicht zudem den Wert interdisziplinärer Forschung in der Archäologie. „Diese Studie zeigt einmal mehr, dass interdisziplinäre Forschungsansätze zahlreiche sich ergänzende Informationen liefern, die beeindruckend umfassende Bilder vergangener Welten entstehen lassen“, sagt Karla Pollmann. Das Projekt wurde durch die Comune di Guamaggiore unterstützt, deren Engagement wesentlich zur Erforschung und zum Erhalt der Fundstätte beitrug.
Quelle Universität Tübingen
Originalpublikation:
Amicone, S., Tiezzi, V., Broisch-Höhner, M., Freund, K. P, Heinze, L., Morandi, L. F., Salis, G., Pilo, C.: Ritual and connectivity in Nuragic Sardinia: an interdisciplinary study of ceramics and metalwork from Nuraghe Barru. Open Archaeology, https://doi.org/10.1515/opar-2025-0078