Viele heutige Siedlungen in Mitteleuropa gehen auf Entwicklungen zurück, die sich nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches vollzogen. Lange dominierte die Vorstellung großräumiger Wanderbewegungen germanischer Gruppen diese Epoche. Die aktuelle Forschung hat sich jedoch deutlich von diesem Modell entfernt.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Prof. Dr. Joachim Burger (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) hat nun genomische Daten aus dem ehemaligen römischen Grenzgebiet zwischen 400 und 700 n. Chr. ausgewertet. Die in der Fachzeitschrift Nature publizierten Ergebnisse liefern neue Einblicke in diese Transformationsphase.
Genomdaten aus Reihengräberfeldern
Im Zentrum der Untersuchung standen 258 Genome aus Bayern und Hessen, die mit rund 2.900 weiteren antiken, frühmittelalterlichen und modernen Genomen aus Nord- und Süddeutschland verglichen wurden. Die analysierten Skelette stammen überwiegend aus Reihengräberfeldern – Friedhöfe, die ab der Mitte des 5. Jahrhunderts in Nordgallien, West- und Süddeutschland bis nach Ungarn weitverbreitet waren.
Die Ergebnisse zeigen, dass bereits in spätrömischer Zeit Menschen mit nordeuropäischer genetischer Herkunft im süddeutschen Raum lebten. „Das ist ein überraschender Befund. Auf den ersten Blick scheint er das etablierte Bild einer groß angelegten germanischen Wanderung zu bestätigen, doch unsere weiterführenden Analysen ergeben ein völlig anderes Bild“, erklärt Dr. Jens Blöcher.
Zwei Bevölkerungsgruppen im Grenzraum
Die Studie identifiziert zwei klar unterscheidbare Gruppen: eine lokal geprägte Bevölkerung mit römischem Hintergrund sowie Zuwanderer aus dem nördlichen Europa. Letztere waren offenbar schon lange vor dem politischen Zusammenbruch des Reiches in kleineren Gruppen eingewandert. „Menschen aus dem Norden waren bereits lange vor dem Ende des Weströmischen Reiches in kleinen Gruppen nach Süden gezogen und hatten dort schrittweise den römischen Lebensstil übernommen“, so Dr. Leonardo Vallini. „Viele von ihnen lebten offenbar getrennt von der übrigen Bevölkerung, vermutlich als Landarbeiter.“ Diese soziale Trennung könnte auf römische Verwaltungspraktiken zurückgehen, etwa kontrollierte Ansiedlung unter bestimmten Auflagen.
Erstmals wurde auch die Bevölkerung eines römischen Kastells genetisch untersucht. Die Ergebnisse zeigen eine hohe Diversität mit Einflüssen aus verschiedenen Teilen Europas und sogar aus Asien. Dies unterstreicht die kosmopolitische Struktur römischer Militär- und Zivilsiedlungen.
Ein Wendepunkt um 470 n. Chr.
Mit dem Zerfall der weströmischen Ordnung veränderten sich die sozialen Strukturen grundlegend. „Mit dem Zusammenbruch der weströmischen Staatsstrukturen nahm die Unsicherheit zu und damit auch die Mobilität der Bevölkerung. Die Menschen, die zuvor in Städten, Gutshöfen oder Militärsiedlungen gelebt hatten, zogen infolge des Verlusts ihrer vertrauten römischen Ordnung ins Umland, wo sie auf Gruppen mit nordeuropäischen Wurzeln trafen“, erklärt Joachim Burger.
Die zuvor getrennten Gruppen kamen verstärkt in Kontakt und bildeten neue Gemeinschaften. Ihre Toten bestatteten sie nun gemeinsam. „Es gibt also eine gewisse Kontinuität der Bevölkerungsteile aus der Spätantike, doch nun verschmelzen zuvor getrennte Gruppen miteinander.“
Abschied vom Modell der Völkerwanderung
Die Ergebnisse widersprechen klar der Vorstellung großräumiger, geschlossener Wanderbewegungen. „Unsere Ergebnisse bestätigen mit völlig neuen, naturwissenschaftlichen Daten, dass das traditionelle Bild einer germanischen Völkerwanderung mit großen, geschlossen wandernden Verbänden für unseren Untersuchungsraum schlichtweg falsch ist. Die genomischen Daten deuten vielmehr auf Bewegungen kleinerer Gruppen hin“, betont Prof. Dr. Steffen Patzold, Mediävist an der Eberhard Karls Universität Tübingen.
Die Entstehung frühmittelalterlicher Familienstrukturen
Besonders aufschlussreich sind die rekonstruierten Stammbäume. Sie zeigen, dass sich rasch neue Familienverbände bildeten. „Dass die beiden Gruppen so schnell begannen, untereinander zu heiraten und Kinder zu zeugen, deutet auf einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund hin“, erklärt Burger.
Die Haushalte bestanden überwiegend aus Kernfamilien, mit monogamen Ehen und klaren Abstammungslinien. „Diese Strukturen entsprechen Mustern, die wir bereits aus spätantiken Quellen kennen“, so Patzold. Sie markieren die Herausbildung eines europäischen Familiensystems.
Genetische Grundlagen der heutigen Bevölkerung
Ab dem 7. Jahrhundert entwickelte sich eine Bevölkerung, die genetisch bereits stark der heutigen süddeutschen Bevölkerung ähnelt. Beide zuvor getrennten Gruppen trugen dazu bei. „Hier lässt sich deutlich beobachten, wie aus den Umbrüchen der Spätantike allmählich die mitteleuropäische Bevölkerung hervorgeht“, resümiert Joachim Burger.
Quelle: Universität Mainz
Originalpublikation:
Blöcher, J., Vallini, L., Velte, M. et al. Demography and life histories across the Roman frontier in Germany 400–700 ce. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10437-3