Forscher berechnen enorme Kosten für die Wandmalerei des blauen Raumes von Pompeji

Im sogenannten „Blauen Raum“ eines privaten Heiligtums in Regio IX, Insula 10 von Pompeji zeigen naturwissenschaftliche Analysen, dass dessen Wände großflächig mit dem kostspieligen Pigment Ägyptischblau gestaltet wurden. Die Forscher errechneten, dass allein die hierfür eingesetzte Pigmentmenge einem Wert von bis zu 90 Prozent eines Legionärsjahressoldes entsprach.

Blauer Raum mit Wandmalereien und roten Nischen. Die Wände sind mit feinen goldfarbenen Linien und kleinen Figuren verziert. Im Vordergrund stehen mehrere große, bauchige Tonkrüge nebeneinander. Der Boden ist dunkel, die Decke wirkt beschädigt und bröckelig.
© Parco archeologico di Pompei

Der „blaue Schrein“ in Regio IX, Insula 10 ist ein kleiner, etwa 2,7 × 3,3 Meter großer Raum in einem Privathaus im Süden des Häuserblocks, der als Heiligtum für rituelle Handlungen und Opfergaben diente. Die Ausgrabung wurde erst im Sommer 2024 abgeschlossen, sodass die polychromen Fresken ohne moderne Restaurierung vorliegen. Der Raum ist nahezu vollständig mit Ägyptischblau, von den Römern Caeruleum genannt, gefasst und gehört stilistisch zum Vierten Stil der römischen Wandmalerei, der für die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. typisch ist. Zentrale rote Nischen, flankiert von weiblichen Göttinnenfiguren und allegorischen Darstellungen der Jahreszeiten, Landwirtschaft und Weidewirtschaft, betonen den kultischen Charakter und die ideelle Aufladung des Raums.

Ägyptischblau: Herstellung, Eigenschaften, Geschichte

Ägyptischblau (EB) ist das erste bekannte synthetische Pigment der Menschheitsgeschichte und wurde bereits um 3200–3300 v. Chr. in Ägypten als günstigere Alternative zu Lapislazuli entwickelt. Es entsteht durch Brennen von Quarzsand, Calciumcarbonat, kupferhaltigen Mineralien und einem Alkaliflussmittel bei Temperaturen von etwa 850–950 °C. 

In der Antike wurde Ägyptischblau zunächst in Ägypten, Mesopotamien und der Ägäis hergestellt und entwickelte sich in den folgenden drei Jahrtausenden zum meistverwendeten blauen Pigment im Mittelmeerraum und in Westasien. Blaue Farbtöne waren insgesamt selten, aber kulturell stark aufgeladen und wurden häufig mit Reichtum, Status und Göttlichkeit assoziiert. 

Ägyptischblau in der pompejanischen Malerei

Ägyptischblau gehört zu den charakteristischen Pigmenten der pompejanischen Malerei; es ist in verschiedenen Häusern und Heiligtümern – etwa im Haus der farbigen Kapitelle, im Venustempel, im sogenannten Gartenhaus oder im Haus des Octavius Quartio – spektroskopisch nachgewiesen worden. Vor diesem Hintergrund sticht der Blaue Raum durch die außergewöhnlich großflächige Verwendung dieses Pigments hervor, die nahezu alle Wandflächen umfasst.

Pigmentmengen und ökonomischer Aufwand für den Blauen Raum

Auf Grundlage einer Kombination verschiedener naturwissenschaftlicher Analysen wird geschätzt, dass im Blauen Raum zwischen 2,7 und 4,9 Kilogramm Ägyptischblau in Freskotechnik aufgetragen wurden. Zur Kostenabschätzung stützten sich die Forscher auf Preisangaben bei Plinius dem Älteren, der in seiner „Naturalis Historia“ verschiedene Blaupigmente sowie deren Herkunft, Qualität und Preis differenziert beschreibt. Für das allgemeine Caeruleum nennt Plinius 8 Denare pro römischer Libra (327 g), doch handelt es sich dabei wohl eher um einen für Kalkfresken ungeeigneten Farbstoff. Für die im Kontext des Blauen Raumes relevante, hochwertige Variante Caeruleum Vestorianum, die bei Neapel aus den „feineren Teilen“ des Caeruleum Aegyptios hergestellt wurde, gibt Plinius einen Preis von 11 Denaren pro Libra an.

Für die konkrete Kostenabschätzung gehen die Forscher von 11 Denaren pro Libra Ägyptischblau und einem Gesamtgewicht des eingesetzten Pigments von 2767 bis 4984 Gramm aus. Daraus ergibt sich ein Kostenrahmen von etwa 93 bis 168 Denaren allein für das blaue Pigment der Wandmalereien. Setzt man diese Summe in Relation zum römischen Alltag, so kostete ein Laib Brot im 1.–2. Jahrhundert n. Chr. etwa 0,0625–0,125 Denare; in der Stadt wird mit rund 0,125 Denaren pro Laib gerechnet. Die Pigmentkosten des Blauen Raumes entsprachen damit dem Gegenwert von rund 744 bis 1344 Broten. Ein römischer Fußsoldat erhielt zur Zeit des Vesuvausbruchs etwa 187 Denare Jahreslohn, sodass die Investition in Ägyptischblau für diesen einen Raum konservativ auf etwa 50 bis 90 Prozent eines Legionärsjahressoldes geschätzt werden kann.

Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit integrierter diagnostischer Untersuchungen, um die antike Welt aus einer bildlichen und symbolischen Perspektive zu verstehen, ohne dabei die pragmatische und ökonomische Seite zu vernachlässigen.

Quellen: Parco archeologico di Pompei

Quraishi, M.A., Nicola, M., Weaver, J.C. et al. The Pompeiian ‘Blue Room’: in situ detection and economic estimation of Egyptian blue pigment in an ancient domestic sacrarium. npj Herit. Sci.14, 132 (2026). https://doi.org/10.1038/s40494-026-02349-2

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