Europas letzte Neandertaler: Forschung rekonstruiert ihre gemeinsame Herkunft

Eine neue Studie zeigt, dass die letzten Neandertaler Europas genetisch eng miteinander verwandt waren und von einer kleinen Population abstammten. Ein drastischer Bevölkerungsrückgang kurz vor ihrem Aussterben deutet auf tiefgreifende Umbrüche hin.

Mehrere Personen arbeiten in einer Ausgrabungsstätte im Freien, die sich am Rand einer Felswand befindet. Der Boden ist auf verschiedenen Ebenen abgetragen, Werkzeuge und Messgeräte liegen bereit. Im Hintergrund steht ein orangefarbenes Vermessungsstativ. Die Szene ist von grünem Laub umgeben, das auf einen bewaldeten Standort hinweist. Die Personen tragen praktische Kleidung und konzentrieren sich auf die Arbeit im Erdreich, das von Lampen beleuchtet wird.
Ausgrabungen in der Höhle von Tourtoirac in Frankreich, wo Überreste von drei in der Studie untersuchten Neandertalern gefunden wurden© Luc Doyon

Die letzten Neandertaler Europas verfügten über einen weitgehend einheitlichen Genpool. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Studie unter Leitung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Universität Tübingen. Die Untersuchung kombiniert neue genetische Daten mit archäologischen Befunden und zeichnet die demografische Entwicklung der Neandertaler bis zu ihrem Verschwinden vor rund 40.000 Jahren nach.

Die Ergebnisse weisen auf einen tiefgreifenden Einschnitt in der Populationsgeschichte hin. Frühere, genetisch vielfältigere Gruppen verschwanden weitgehend, bevor sich eine neue, deutlich homogenere Population durchsetzte.

Rückzug in ein eiszeitliches Refugium

Bereits zuvor gab es Hinweise auf einen Rückgang früher Neandertalerpopulationen. Die neue Analyse konkretisiert dieses Bild: Während einer besonders kalten Phase vor etwa 75.000 Jahren zog sich eine kleine Gruppe in ein Refugium im heutigen Südwestfrankreich zurück.

„Aus unseren Daten ließ sich geografisch rekonstruieren, dass sich die Neandertaler in das heutige Südwestfrankreich zurückgezogen hatten. Dort entstand vor rund 65.000 Jahren eine neue Population, die sich später über ganz Europa ausbreitete“, erklärt Studienleiter Cosimo Posth.

Die Nachkommen dieser Gruppe breiteten sich in den folgenden Jahrtausenden über den Kontinent aus. Genetische Analysen zeigen, dass nahezu alle späten Neandertaler dieser Linie angehörten – von der Iberischen Halbinsel bis zum Kaukasus.

Neue Einblicke durch mitochondriale DNA

Im Zentrum der Studie steht die Analyse mitochondrialer DNA, die sich besonders gut für Untersuchungen an fossilem Material eignet. Diese DNA wird unabhängig vom Zellkern vererbt und bleibt oft länger erhalten.

„Die Mitochondrien-DNA enthält lange nicht so viele genetische Informationen wie das gesamte Erbgut eines Menschen, aber sie bleibt in der Regel länger erhalten und kann leichter gewonnen werden“, erläutert Erstautorin Charoula Fotiadou.

Das Forschungsteam untersuchte die mitochondriale DNA von zehn bislang nicht analysierten Neandertalerindividuen aus Fundstätten in Belgien, Frankreich, Deutschland und Serbien. Ergänzt wurden diese Daten durch bereits veröffentlichte genetische Informationen sowie durch archäologische Datensätze aus der ROAD-Datenbank des ROCEEH-Projekts. „Auf diese Weise konnten wir die beiden Beweislinien kombinieren und die demografische Geschichte der Neandertaler räumlich und zeitlich rekonstruieren“, sagt Mitautor Jesper Borre Pedersen.

Dramatischer Bevölkerungsrückgang

Neben der genetischen Vereinheitlichung identifizierte das Forschungsteam einen weiteren entscheidenden Einschnitt: Zwischen etwa 45.000 und 42.000 Jahren vor heute schrumpfte die Population der Neandertaler rapide. Statistische Modelle zeigen, dass die genetischen Veränderungen nicht mit einer stabilen Bevölkerungsgröße vereinbar sind. Vielmehr deuten sie auf einen starken und schnellen Rückgang hin, der kurz vor dem endgültigen Verschwinden der Neandertaler einsetzte.

„Die späten Neandertaler bildeten genetisch gesehen eine sehr homogene Gruppe“, so Posth. „Denkbar ist, dass die geringe genetische Vielfalt – und möglicherweise auch die anschließende Isolation kleiner Gruppen – zum Verschwinden der Neandertaler beigetragen haben.“

Eine letzte Phase der Neandertaler-Geschichte

Die Studie liefert damit ein konsistentes Bild der letzten Phase der Neandertaler in Europa: Eine kleine, klimatisch bedingt isolierte Population wurde zum Ursprung aller späteren Gruppen, bevor ein erneuter demografischer Einbruch ihr endgültiges Aussterben einleitete. Zugleich verdeutlichen die Ergebnisse, wie eng genetische, klimatische und kulturelle Entwicklungen miteinander verflochten waren – und wie empfindlich menschliche Populationen auf Umweltveränderungen reagieren können.

Quelle Universität Tübingen

Originalpublikation:
Charoula M. Fotiadou, Jesper Borre Pedersen, Hélène Rougier, Mirjana Roksandic, Maria A. Spyrou, Kathrin Nägele, Ella Reiter, Hervé Bocherens, Andrew W. Kandel, Miriam N. Haidle, Timo P. Streicher, Nicholas J. Conard, Flora Schilt, Ricardo Miguel Godinho, Thorsten Uthmeier, Luc Doyon, Patrick Semal, Johannes Krause, Alvise Barbieri, Dušan Mihailović, Isabelle Crevecoeur, Cosimo Posth: Archaeogenetic insights into the demographic history of Late Neanderthals. PNAS, https://doi.org/10.1073/pnas.2520565123

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