Europäische Waldelefanten vom Fundplatz Neumark-Nord: Neue Einblicke in Umweltnutzung und Großtierjagd der Neandertaler

Fossile Zähne fungieren als biologische Archive, die es ermöglichen, die Bewegungsmuster, die Ernährung und das Geschlecht ausgestorbener Tiere zu rekonstruieren. Eine neue Studie zeigt, dass Europäische Waldelefanten, die während der letzten Warmzeit vor rund 125.000 Jahren lebten, weite Strecken zurücklegten und gezielt von Neandertalern gejagt wurden.

Zeichnung mehrerer europäische Waldelefanten mit langen, gebogenen Stoßzähnen stehen in einer offenen, grünen Landschaft mit Bäumen und Büschen. Im Vordergrund hebt ein Elefant mit dem Rüssel einen großen Ast. Im Hintergrund sind weitere Elefanten, eine Herde kleiner Tiere  zu sehen. Einige kleinere Tiere, darunter ein Vogel und ein paar Säugetiere, befinden sich auf dem Boden. Die Szene vermittelt einen Eindruck von prähistorischer Natur.
© Hodari Nundu, CC-BY-4.0

Die Untersuchungen basieren auf Funden aus Neumark-Nord in Sachsen-Anhalt, einer ehemaligen Seenlandschaft, die durch Braunkohletagebau erschlossen wurde. Mit über 70 entdeckten Elefantenüberresten zählt die Fundstelle zu den bedeutendsten Europas dieser Art. Die außergewöhnlich hohe Anzahl der Funde ermöglicht detaillierte Einblicke in die Beziehung zwischen Neandertalern und Großfauna im Pleistozän. Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Tiere systematisch bejagt wurden.

Isotope und Proteine liefern neue Einblicke

Das Forschungsteam aus Deutschland, den Niederlanden und den USA kombinierte Isotopenanalysen (Kohlenstoff, Sauerstoff und Strontium) mit paläoproteomischen Methoden. Mit diesem innovativem Ansatz konnten Wanderbewegungen, Ernährungsweisen und das Geschlecht der Tiere bestimmt werden.

Die Strontium-Isotopenanalysen entlang der Zahnwachstumsachsen zeigen, dass sich die Elefanten über Jahre hinweg in unterschiedlichen Regionen Europas aufhielten. Die entsprechenden Daten wurden in Frankfurt unter Leitung von Prof. Wolfgang Müller erhoben, während Kohlenstoff- und Sauerstoffanalysen am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz stattfanden.

Elena Armaroli erklärt: „Dank Isotopenanalysen können wir die Bewegungen von Elefanten fast so nachvollziehen, als hätten wir ein Tagebuch ihrer Reisen, das über mehr als hunderttausend Jahre hinweg in ihren Zähnen konserviert worden ist.“

Weiträumige Wanderungen und Geschlechterunterschiede

Die Ergebnisse zeigen, dass einige Tiere große Distanzen zurücklegten. Federico Lugli erläutert: „Einige der untersuchten Elefanten waren Tiere, die sich nicht nur in einem Gebiet aufhielten. Ihre Zähne zeigen, dass sie sehr große Distanzen zurücklegten – bis zu 300 Kilometer –, bevor sie das heutige Neumark-Nord erreichten. Dadurch können wir ihre Aktionsräume in ihrem Lebensraum rekonstruieren und verstehen, wie diese Tiere die Landschaft nutzten.“

Zugleich ließ sich das Geschlecht der Tiere bestimmen: drei Bullen und vermutlich eine Kuh. Zwei der männlichen Tiere weisen Isotopensignaturen auf, die nicht mit den lokalen geologischen Bedingungen übereinstimmen. Dies spricht dafür, dass Bullen – ähnlich wie bei heutigen Elefanten – größere Streifgebiete nutzten als Weibchen.

Ein methodischer Fortschritt liegt in der Anwendung der Paläoproteomik. Federico Lugli betont: „Diese Studie markiert auch einen wichtigen methodischen Fortschritt. Zum ersten Mal wurde Paläoproteomik bei Europäischen Waldelefanten angewandt, wodurch wir das Geschlecht einzelner Tiere anhand von Proteinen bestimmen konnten, die im Zahnschmelz erhalten sind.“

Hinweise auf organisierte Jagd

Die Zusammensetzung der Funde liefert auch neue Hinweise auf das Verhalten der Neandertaler. Elena Armaroli schlussfolgert: „Die Konzentration der Überreste und das Profil der Tiere deuten darauf hin, dass die Neandertaler die Elefanten nicht erlegt haben, weil es gerade eine günstige Gelegenheit gab. Alles deutet auf eine organisierte Jagd hin, bei der sogar solch riesige Beutetiere gezielt erlegt werden konnten. Dafür mussten die Neandertaler die Landschaft gut kennen, zusammenarbeiten und planen.“

Neandertaler als aktive Gestalter ihrer Umwelt

Die Studie ist Teil eines größeren Forschungsprogramms zu Neumark-Nord, das vom Archäologischen Forschungszentrum MONREPOS, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Universität Leiden getragen wird.

Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild: Neandertaler agierten als anpassungsfähige Jäger und Sammler in einem ressourcenreichen Seeufer-Ökosystem. Sie zerlegten Tierkörper organisiert, nutzten tierische Fette in großem Umfang und ergänzten ihre Ernährung durch pflanzliche Ressourcen wie Haselnüsse und Eicheln. Hinweise deuten zudem darauf hin, dass sie durch Feuergebrauch aktiv in ihre Umwelt eingriffen und möglicherweise in größeren sozialen Gruppen organisiert waren.

Sabine Gaudzinski-Windheuser fasst dies zusammen: „Was wir in Neumark-Nord sehen, ist kein Bild bloßen Überlebens, sondern das einer Population, die ihre Umwelt verstand und über einen Zeitraum von mindestens 2.500 Jahren aktiv und auf komplexe Weise mit ihr interagierte“.

Offene Fragen und zukünftige Forschung

Trotz der neuen Erkenntnisse bleiben zentrale Fragen offen. Thomas Tütken erklärt: „Zumindest einige der männlichen Elefanten, die in Neumark entdeckt wurden, verbrachten einen Teil ihrer Adoleszenz und ihres frühen Erwachsenenalters außerhalb der Neumarker Seenlandschaft. Ob Neumark ein Anziehungspunkt für Elefanten aus verschiedenen Regionen war, die sich hier versammelten, oder ob das Gebiet um Neumark die Heimatpopulation von Elefanten darstellte, deren Individuen das Gebiet zeitweise verließen, lässt sich allein anhand von Isotopen nicht bestimmen“.

Um diese Fragen zu klären, wurden bereits genetische Analysen initiiert. Dr. Lutz Kindler ergänzt: „Um die Populationsdynamik der Neumarker Elefanten – und damit auch die neandertalerzeitliche Jagd in Neumark – besser zu verstehen, haben wir eine genetische Untersuchung der Neumarker Elefanten begonnen“.

Quelle Goethe Universität Frankfurt

Originalpublikation:

Elena Armaroli, Federico Lugli, Théo Tacail, Lutz Kindler, Sabine Gaudzinski-Windheuser, Fulco Scherjon, Wil Roebroeks, Glendon Parker, Hubert Vonhof, Anna Cipriani, Thomas Tütken, Wolfgang Müller: Life histories of straight-tusked elephants from the Last Interglacial Neanderthal site of Neumark-Nord (~125 ka). Science Advances (2026) https://doi.org/10.1126/sciadv.adz0114

Antike Welt

Das Jahresabonnement der ANTIKEN WELT

Nutzen Sie den Preisvorteil!

  • Abopreisvorteil (D):
    108,- € zzgl. 8,10 € Versand (D) statt 137,55 € im Einzelkauf
  • inkl. Digitalzugang
  • 12.- € pro Ausgabe im Abo
  • insgesamt 9 Ausgaben im Jahr: 6 reguläre Hefte und 3 Sonderhefte
  • ohne Risiko, jederzeit kündbar 
Jetzt gratis testen
AiD Magazin

Das Jahresabonnement der Archäologie in Deutschland

Nutzen Sie den Preisvorteil!

  • Abopreisvorteil (D):
    108.- € zzgl. 8,10 € Versand (D) statt 137,55 € im Einzelkauf
  • inkl. Digitalzugang
  • 12,- € pro Ausgabe im Abo
  • insgesamt 9 Ausgaben im Jahr: 6 reguläre Hefte und 3 Sonderhefte
  • ohne Risiko, jederzeit kündbar 
Jetzt gratis testen