Erste wissenschaftliche Grabung im Bereich eines ehemaligen KZ-Außenlagers bei Walbeck, Landkreis Börde

Im Oktober 2025 fand in Walbeck (Landkreis Börde) die erste gezielte archäologische Forschungsgrabung auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslager-Außenlagers in Sachsen-Anhalt statt. Das Projekt wurde vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA) gemeinsam mit dem Verein für Walbecker Geschichte und Heimatpflege e. V. durchgeführt. Ziel war es, die Struktur des Lagers zu erfassen und Spuren des Alltags der Häftlinge zu dokumentieren.

Im Vordergrund verläuft ein länglicher, rechteckiger Graben mit mehreren quadratischen Öffnungen im Boden. Die Betonflächen sind von Moos und Erde bedeckt. Im Hintergrund stehen zwei Personen in orangefarbener Warnkleidung auf der Lichtung, umgeben von dichtem Mischwald mit herbstlich gefärbtem Laub.
Einmessung der Überreste eines ehemaligen Latrinenbaus© Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Lukas Augustat

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden infolge alliierter Luftangriffe zahlreiche Rüstungsbetriebe in den Untergrund verlagert. Auch im Gebiet um Walbeck entstanden im Zusammenhang mit solchen Verlagerungen neue Lagerkomplexe. Eines davon war das Außenlager Walbeck-Weferlingen des Konzentrationslagers Buchenwald, das im August 1944 eingerichtet wurde.

Unter dem Tarnnamen „Gazelle“ mussten rund 500 männliche Häftlinge im ehemaligen Kalischacht Buchberg bei Walbeck unter extremen Bedingungen Produktionsstätten für die Rüstungsindustrie ausbauen. Am 12. April 1945 befreiten amerikanische Truppen das Lager; die wenigen Überlebenden erhielten anschließend medizinische Versorgung.

Archäologische Untersuchung und Methodik

Das Lager Walbeck-Weferlingen steht exemplarisch für eine Reihe vergleichbarer Standorte in Sachsen-Anhalt, über die bislang kaum archäologische Forschung vorliegt. Da schriftliche Quellen nur eingeschränkte Informationen bieten und das Bodendenkmal durch Raubgrabungen gefährdet war, entschied sich das LDA zu einer systematischen Untersuchung.

Neben gezielten Grabungsschnitten wurde eine flächige Metallsondenprospektion durchgeführt, die von ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern unterstützt wurde. Studenten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg begleiteten die Arbeiten.

Ergebnisse der Grabung

Im Mittelpunkt der zweiwöchigen Untersuchungen standen die Standorte der ehemaligen Baracken, Reste der Lagerbegrenzung sowie das angrenzende Tagebaugelände. Dabei gelang es, die räumliche Struktur des Lagers genauer zu rekonstruieren.

Unter den geborgenen Funden befanden sich zahlreiche persönliche Gegenstände, die Hinweise auf den Alltag der Gefangenen liefern. Sie verdeutlichen den hohen Quellenwert archäologischer Zeugnisse für die Erforschung der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Zwangsarbeitssysteme.

Verbindung von Geschichte und Landschaft

Das ehemalige Lager liegt in unmittelbarer Nähe der früheren innerdeutschen Grenze, deren Verlauf heute als Nationales Naturmonument „Grünes Band“ geschützt ist. Diese Lage verdeutlicht die räumliche wie historische Verbindung zwischen den NS-Verbrechen und der späteren politischen Teilung Deutschlands.

Die Grabung in Walbeck markiert damit nicht nur einen wichtigen Schritt für die archäologische Erforschung von NS-Lagerstandorten, sondern eröffnet auch neue Perspektiven für die Erinnerungskultur und den Erhalt gefährdeter Bodendenkmale in Sachsen-Anhalt.

Archäologie der Moderne

Die Archäologie erforscht längst nicht mehr nur die weit zurückliegende Vergangenheit. Als Archäologie der Moderne betrachtet sie Fundplätze, die bis in die jüngste Vergangenheit reichen. Schriftquellen informieren zwar oft ausführlich über die großen Zusammenhänge historischer Abläufe. Weniger in ihrem Fokus stehen jedoch das Alltagsleben und individuelle Schicksale von Menschen. Hier kann die Archäologie eine erweiterte Perspektive bieten und ermöglicht es, die durch schriftliche Quellen nur unzureichend dokumentierten Ereignisse zu erfassen. Für die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs gewinnt die Archäologie insbesondere an Bedeutung, weil heute nur noch wenige Zeitzeugen vom Erlebten berichten können.

Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

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