Auf der Insel Leka im Norden Norwegens haben Archäologen einen außergewöhnlichen Fund neu bewertet: den monumentalen Grabhügel Herlaugshaugen. Er gilt als die Grabstätte des halbmythischen norwegischen Königs Herlaug, doch bis jetzt war nicht bestätigt, ob sich in dem Hügel auch ein Schiff befand. Bei Ausgrabungen am Hügel wurden nun Holzreste und Eisennieten freigelegt. Es handelt sich dabei vermutlich um Klinkernägel, die im Schiffbau zur Verbindung der Rumpfplanken verwendet wurden. Dies bestätigt die Existenz eines Schiffes in Herlaugshaugen.
Der Befund zeigt, dass das Schiffsgrab nicht erst in der Wikingerzeit entstand, sondern bereits um 680 bis 720 n. Chr. angelegt wurde. Damit rückt ein zentrales Element der nordischen Bestattungskultur zeitlich weiter zurück als bislang angenommen. Die Untersuchung verändert das Bild von den Ursprüngen der Schiffsbestattung in Skandinavien grundlegend.
Hinweise auf ein großes Schiff
Die Nieten erwiesen sich als Klinkernieten, wie sie für den Bau von Schiffsrümpfen typisch sind. Form, Größe und Anordnung sprechen für ein großes Schiff von etwa 20 Metern Länge oder mehr. Die Archäologen verglichen die Funde mit Nieten berühmter norwegischer Schiffe wie Gokstad, Oseberg und Tune. Mehrere Merkmale deuten darauf hin, dass die Nieten aus dem mittleren Bereich des Schiffsrumpfs stammen.
Klinkernägel aus Graben A
© Freia Beer, NTNU Universitätsmuseum, Norwegische Universität für Wissenschaft und Technologie
Entscheidend für die Neubewertung des Befunds waren die naturwissenschaftlichen Daten. Proben von Holz und Holzkohle aus dem Hügel wurden radiokarbondatiert und zusätzlich mit stratigrafischen Informationen statistisch ausgewertet. Das Ergebnis ist eindeutig: Das Schiff wurde nach 670 n. Chr. gebaut, und der Hügel entstand im späten 7. oder frühen 8. Jahrhundert. Herlaugshaugen ist damit deutlich älter als die bisher bekannten großen norwegischen Schiffsbestattungen.
Bedeutung für die Forschung
Der Fund schließt eine chronologische Lücke zwischen den frühesten Schiffsgräbern in England und den späteren monumentalen Bestattungen in Norwegen. In Ostengland sind mit Snape und Sutton Hoo bereits deutlich ältere Beispiele bekannt, während in Norwegen bislang Funde vom späten 8. Jahrhundert als früh galten.
Herlaugshaugen zeigt nun, dass die Tradition in Norwegen früher einsetzte als bisher gedacht. Der Hügel belegt zugleich, dass monumentale Schiffsbestattungen nicht auf wenige Zentren beschränkt waren.
Leka als politischer Ort
Auch die Lage des Hügels spricht für seine Bedeutung. Herlaugshaugen liegt nahe dem Hafen und ist auf die Meerenge ausgerichtet. Damit war der Hügel für Seefahrer und Besucher weithin sichtbar. Die Insel Leka scheint ein Ort gewesen zu sein, an dem sich Verkehrswege, Begegnungen und politische Ordnung bündelten. Geologische Besonderheiten, Ortsnamen mit möglichem Versammlungscharakter und die Nähe zu einem Hafen deuten auf ein regionales Zentrum hin.
Die Forscher ordnen Herlaugshaugen in ein größeres Netzwerk ein, das Nord- und Südskandinavien sowie die britischen Inseln verband. Hinweise auf Handel, kulturellen Austausch und politische Verdichtung reichen dabei weit ins Frühmittelalter zurück.
Quelle: Antiquity
Originalpublikation:
Grønnesby G, Bryn H, Forseth L, et al. The Herlaugshaugen ship burial: closing the gap between the East Anglian and Scandinavian ship burial traditions. Antiquity. Published online 2026:1-18. doi:10.15184/aqy.2026.10330