Bronzezeitliche Küche im Südkaukasus: Neue Einblicke in die Kura-Araxes-Kultur

Neue biomolekulare Analysen aus dem Südkaukasus zeigen, dass die Kura-Araxes-Kultur über eine überraschend vielfältige und ausgewogene Ernährung verfügte. Milchprodukte, Früchte und traubenbasierte Getränke spielten eine zentrale Rolle – und waren offenbar für alle Mitglieder der Gesellschaft zugänglich.

Zwei große, bauchige Keramikgefäße mit jeweils einem Henkel stehen nebeneinander. Beide Gefäße sind beschädigt und zeigen Risse sowie Fehlstellen. Die Oberfläche ist dunkelbraun bis schwarz und weist helle Ablagerungen und Verfärbungen auf. Oberhalb der Gefäße sind zwei kleine, rundliche Objekte abgebildet, die eine raue Oberfläche besitzen. Am unteren Bildrand befindet sich eine Maßstabsleiste mit abwechselnd schwarzen und weißen Segmenten.
Oben: Traubenkern aus Qaraçinar, Aserbaidschan. - Unten: Rot-schwarze und schwarzpolierte Gefäße aus Qaraçinar, Aserbaidschan.© A. Decaix, ANR SWEED und Mission „Boyuk Kesik“ & ANR KUR(A)GAN

Welche Ernährungsweisen prägten die bronzezeitlichen Gesellschaften des Südkaukasus? Eine internationale Studie unter Beteiligung der Universitäten Bonn und Bari sowie weiterer Forschungseinrichtungen liefert nun differenzierte Einblicke in die kulinarischen Praktiken der Kura-Araxes-Kultur. Die Ergebnisse, veröffentlicht im Fachjournal PNAS, belegen eine bemerkenswert vielfältige Küche mit einem breiten Spektrum pflanzlicher und tierischer Produkte.

Die Kura-Araxes-Kultur, benannt nach den Flüssen Kura und Araxes, entstand Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. im Südkaukasus und breitete sich bis ins 3. Jahrtausend v. Chr. weit über Südwestasien aus. Charakteristisch für diese Kultur war ihre Organisation in kleineren, haushaltsbasierten Gemeinschaften – ein deutlicher Gegensatz zu den zeitgleichen urbanen Zentren Mesopotamiens.

Biomolekulare Analysen als Schlüssel

Im Zentrum der Untersuchung standen 52 Keramikgefäße aus der Siedlung Qaraçinar im heutigen Aserbaidschan, datiert auf etwa 2800–2600 v. Chr.

„Durch die Kombination von technologischen, morphologischen, nutzungsbedingten Abnutzungs- und biomolekularen Analysen von 52 Keramikgefäßen aus der Kura-Araxes-Siedlung Qaraçinar (Aserbaidschan), die auf ca. 2800–2600 v. Chr. datiert werden, und die Integration dieser Ergebnisse mit botanischen und faunistischen Daten haben wir ein breites Spektrum an materiellen Belegen untersucht, um die Ernährungsgewohnheiten und kulinarischen Praktiken der Kura-Araxes-Kultur zu rekonstruieren“, erklärt Prof. Maxime Rageot, Archäologe an der Universität Bonn.

Die außergewöhnlich gut erhaltenen organischen Rückstände ermöglichten den Nachweis von Milchprodukten, tierischen Fetten, Pflanzenölen, Fruchtbestandteilen sowie Harzen. Zudem identifizierten die Forscher Spuren wiederholter Erhitzung, die auf intensive Kochprozesse hinweisen. Keramik als kultureller Indikator

Neben ihrer funktionalen Bedeutung liefert die Keramik wichtige Hinweise auf kulturelle Praktiken und Austauschprozesse. „Die Keramik, die im Mittelpunkt dieser Forschung steht, war einer der charakteristischsten Ausdrucksformen der Kura-Araxes-Tradition und ein wesentlicher Indikator für deren Ausbreitung. Sie spielte eine entscheidende Rolle bei den Prozessen der sozialen Integration und bei der kulturellen Weitergabe der Kura-Araxes-Gemeinschaften über Raum und Zeit hinweg“, so Prof. Giulio Palumbi. Die Ausgrabungen in Qaraçinar, durchgeführt zwischen 2019 und 2024, unterstreichen die Bedeutung des Fundortes für das Verständnis dieser Kultur.

Milch, Früchte und fermentierte Getränke

Die Analyse zeigt deutlich: Milchprodukte und Wiederkäuerfette bildeten eine zentrale Grundlage der Ernährung. Hinweise auf weiterverarbeitete Milch deuten auf Techniken wie die Herstellung von Käse hin.

Auch Früchte – insbesondere Trauben – spielten eine bedeutende Rolle. Sie wurden sowohl roh als auch fermentiert genutzt und fanden sich in Koch-, Servier- und Vorratsgefäßen. Die Daten legen nahe, dass traubenbasierte Getränke, möglicherweise auch Wein, konsumiert wurden. Teilweise könnten diese mit Nadelbaumharzen aromatisiert worden sein.

Auffällig ist dabei die soziale Dimension: Anders als in Mesopotamien scheint der Konsum solcher Getränke nicht an elitäre Gruppen gebunden gewesen zu sein.

Funktionale Unterschiede in der Keramik

Erstmals konnten auch klare funktionale Unterschiede zwischen Keramiktypen nachgewiesen werden. Einfarbige Gefäße dienten offenbar überwiegend dem Kochen, während rot-schwarz polierte Keramik eher für den Verzehr von Milchprodukten und Getränken verwendet wurde.

Darüber hinaus deuten Nachweise von Hirse auf weitreichende Kontakte hin. Da diese Pflanze ursprünglich in Zentralasien kultiviert wurde, spricht ihr Auftreten im Südkaukasus für frühe Austauschbeziehungen über große Distanzen.

Ernährung ohne soziale Exklusivität

Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer Gesellschaft mit vergleichsweise geringer sozialer Differenzierung, in der vielfältige Nahrungsmittel breit zugänglich waren. „Die vielfältige Küche war allen zugänglich, in einer Gesellschaft mit geringen sozialen Hierarchien“, sagt Rageot. Gleichzeitig legen die Befunde nahe, dass sich mit der Ausbreitung der Kura-Araxes-Kultur auch spezifische kulinarische Praktiken verbreiteten – ein Aspekt, der künftig stärker in den Fokus archäologischer Forschung rücken dürfte.

Quelle Universität Bonn

Originalpublikation:

M. Rageot, M.B. D’Anna, M. Huseynov, B. Jalilov, A. Decaix, R. Berthon, Q. Zeng, J. Perez, F. Guliyev, L. Drieu, A. Mazuy, M. Regert, & G. Palumbi, Biomolecular analyses reveal grape-based beverages, dairy processing, and pottery function in Kura–Araxes culinary practices, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A.123 (18) e2529600123,https://doi.org/10.1073/pnas.2529600123 (2026).

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