Die Ausgrabung erfolgte im Rahmen einer Lehrgrabung von Studenten des Bachelor-Studiengangs Archäologie. Laut den Forschern könnte die Fundstelle aus einer Zeit stammen, in der Cambridgeshire als „Grenzzone“ zwischen dem sächsisch regierten Königreich Mercia und dem von Wikingern beherrschten East Anglia galt.
Die Mischung aus kompletten und fragmentierten Skeletten ist selbst für ein Massengrab ungewöhnlich. Zwischen den Skeletten fanden sich Schädel ohne entsprechende Körper sowie Körperteile, die in keiner erkennbaren Ordnung bestattet wurden. Offenbar handelte es sich bei den Individuen um relativ junge Männer, die achtlos in die Grube geworfen wurden. Die Archäologen vermuten daher, dass sie die Überreste eines Scharmützels, vielleicht auch einer Massenhinrichtung entdeckt haben.
Ein außergewöhnlich großer Mann mit Spuren einer Operation
Unter den Funden zieht ein etwa 1,95 Meter großer Mann besondere Aufmerksamkeit auf sich – außergewöhnlich groß für das frühe Mittelalter, als Männer im Durchschnitt etwa 1,68 Meter erreichten. Sein Skelett weist ein rund drei Zentimeter großes, ovales Loch am hinteren Schädel auf, das Anzeichen von Heilung zeigt. Dabei handelt es sich um eine Trepanation – eine chirurgische Öffnung des Schädels, die möglicherweise zur Linderung von Kopfschmerzen oder neurologischen Leiden vorgenommen wurde.
„Die Person könnte einen Tumor gehabt haben, der die Hirnanhangdrüse beeinträchtigte und zu einem Überschuss an Wachstumshormonen führte“, erklärt Dr. Trish Biers, Kuratorin der Duckworth Collections in Cambridge, wohin die Überreste zur weiteren Untersuchung gebracht wurden. „Das können wir an den einzigartigen Merkmalen der langen Schäfte der Gliedmaßenknochen und an anderen Stellen des Skeletts erkennen.“
Biers ergänzt: „Eine solche Hirnschädigung hätte zu erhöhtem Druck im Schädel geführt und Kopfschmerzen verursacht, die durch die Trepanation möglicherweise gelindert werden sollten. Das ist heutzutage bei Schädeltraumen nicht ungewöhnlich.“
Spuren der Gewalt – aber kein eindeutiges Schlachtfeld
Die Verletzungsmuster der Skelette sprechen teils für Kampfhandlungen, doch reichen sie nicht aus, um die Toten eindeutig als Gefallene einer Schlacht zu deuten. Vielmehr könnte es sich um eine Kombination aus Hinrichtung und nachträglicher Beisetzung handeln. In einigen Fällen fanden die Forscher Schädel mit Hiebspuren, die von einer Enthauptung stammen dürften, während andere Körperteile möglicherweise bereits verwest waren, bevor sie in die Grube gelangten.
Historischer Kontext: Zwischen Mercia und dem Danelaw
Im späten 8. Jahrhundert stand Cambridge unter der Herrschaft von König Offa von Mercia. Ein Jahrhundert später war das Gebiet mehrfach Schauplatz von Überfällen des sogenannten „Großen Heidnischen Heeres“, das um 874 n. Chr. in der Region lagerte und schließlich East Anglia unterwarf. Cambridgeshire fiel daraufhin unter die Kontrolle der Wikinger und blieb bis ins frühe 10. Jahrhundert Teil des Danelaw.
Erste Radiokohlenstoffdatierungen deuten darauf hin, dass die Knochen aus dieser Übergangszeit stammen könnten. Ob es sich bei den Toten um Sachsen oder Wikinger handelt, soll durch weitere Analysen – darunter DNA- und Isotopenuntersuchungen – ermittelt werden.
Historic England, die nationale Denkmalpflegebehörde, hat inzwischen eine geophysikalische Untersuchung des Geländes in Auftrag gegeben. Ziel ist es, das Umfeld der Grube besser zu verstehen und mögliche weitere archäologische Spuren zu lokalisieren.
Quelle University of Cambridge