Ausgrabungen im Nord-Sinai dokumentieren einen bislang unbekannten Tempel einer lokalen Gottheit

Nach sechsjährigen Ausgrabungen in der antiken Stadt Pelusium haben Archäologen eine bislang unbekannte Kultanlage freigelegt, die einer lokalen Gottheit gewidmet war. Die Anlage zeigt eine ungewöhnliche Verbindung ägyptischer, hellenistischer und römischer Architektur und unterstreicht die Rolle der Stadt als religiöses und kulturelles Zentrum der Antike.

Links ist eine Ausgrabungsstätte mit kreisförmigen Mauerresten und freigelegten Fundamenten zu sehen, die von Erdreich umgeben sind. Rechts zeigt eine Luftaufnahme die gleiche kreisförmige Struktur aus der Vogelperspektive, mit einem quadratischen Bereich in der Mitte. In der rechten Ecke befindet sich eine Maßstabsangabe und eine Kompassrose.
© Ministerium für Tourismus und Altertümer Ägypten

Nach sechs Jahren archäologischer Untersuchungen in Tell el-Farama, dem antiken Pelusium im Nord-Sinai, hat eine ägyptische Mission des Obersten Rates für Altertümer die Überreste eines außergewöhnlichen religiösen Bauwerks freigelegt. Die Anlage war dem lokalen Gott der Stadt gewidmet.

Dr. Hisham El-Leithy, Generalsekretär des Obersten Rates für Altertümer, bezeichnete diese Entdeckung als wichtig, da sie den Status der Stadt Pelusium und ihre zentrale Rolle bei der Vermittlung und Beeinflussung religiöser und kultureller Ideen in der gesamten antiken Welt verdeutliche.

Aufbau und Funktion der Anlage

Die freigelegten Baustrukturen weisen auf eine bemerkenswerte architektonische Synthese hin. Nach Einschätzung der Forscher verbindet das Gebäude altägyptische Traditionen mit hellenistischen und römischen Stilelementen. Damit liefert der Befund ein anschauliches Beispiel für kulturellen Austausch im östlichen Mittelmeerraum.

Professor Mohamed Abdel Badie, Leiter des Sektors für ägyptische Altertümer beim Obersten Rat für Altertümer, beschreibt den zentralen Bestandteil der Anlage als ein monumentales, kreisförmiges Becken mit einem Durchmesser von rund 35 Metern. Dieses war über Kanäle mit dem Pelusischen Nilarm verbunden und wurde mit schlammhaltigem Wasser gespeist. Das Becken ist von einem ausgeklügelten System aus Entwässerungskanälen umgeben. Im Zentrum befindet sich ein quadratischer Sockel, der vermutlich als Basis für eine Kolossalstatue diente.

Stratigrafische Funde belegen eine kontinuierliche Nutzung der Anlage vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis in das 6. Jahrhundert n. Chr. Trotz dieser langen Nutzungsdauer lassen sich nur geringe bauliche Veränderungen nachweisen, was auf eine stabile kultische Funktion hinweist.

Von der Fehldeutung zur Neubewertung

Die Entdeckungsgeschichte des Bauwerks verdeutlicht die Dynamik archäologischer Interpretation. Dr. Hisham Hussein, Leiter der Zentralen Altertumsverwaltung für Unterägypten und den Sinai sowie Missionsleiter, berichtet, dass die Anlage erstmals 2019 teilweise freigelegt wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren lediglich etwa 25 Prozent eines kreisförmigen Ziegelbaus bekannt, der zunächst als mögliches Senatsgebäude interpretiert wurde.

Erst die fortgesetzten Grabungen legten die gesamte Struktur frei: ein komplexes Bauwerk mit kreisförmigem Innenhof, mehreren Zugängen sowie einem System aus Wasserkanälen und Zisternen. Die Nordseite ist heute stark zerstört, während die übrigen Bereiche besser erhalten sind. Durch detaillierte Feldstudien und den Vergleich mit ähnlichen Anlagen aus hellenistischer und römischer Zeit außerhalb Ägyptens konnte die ursprüngliche Deutung revidiert werden.

In Zusammenarbeit mit internationalen Fachkollegen, darunter Jean-Yves Carré-Maratray, Professor für Klassische Archäologie an der Sorbonne Universität in Paris, wurde das Gebäude schließlich neu interpretiert. Die Analysen legen nahe, dass es sich nicht um ein ziviles Verwaltungsgebäude, sondern um eine heilige Wasseranlage im Kontext religiöser Rituale handelte.

Diese Neubewertung rückt Pelusium erneut in den Fokus der Forschung – als Ort, an dem sich religiöse Praktiken, symbolische Architektur und interkulturelle Einflüsse in besonderer Weise verdichteten.

Quelle Ministerium für Tourismus und Altertümer Ägypten

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