„Das ist wie eine Operation am offenen Herzen“, beschreibt Stadtarchäologe Andreas Schaub die laufenden Arbeiten auf dem Aachener Münsterplatz. Seit dem 25. Februar werden dort durch ihn und den Archäologischen Arbeitskreis Aachen (AAA) zwei Pflanzgruben archäologisch untersucht. Die Ausgrabung erfolgt vollständig in Handarbeit mit kleinem Werkzeug und reicht bis in eine Tiefe von etwa 1,50 Metern. Nach Abschluss der Arbeiten sollen die Gruben wieder mit neuen Linden bepflanzt werden.
Der Eingriff wurde notwendig, nachdem 2023 zwei Linden auf dem Münsterplatz nach Sturmschäden entfernt werden mussten. „In diesem Jahr soll das Baumensemble auf dem Münsterplatz mit zwei neuen Linden wieder so hergestellt werden, wie es vor dem Sturm war“, erläutert Sven Rachau vom Fachbereich Klima und Umwelt. Die damit verbundene Vorbereitung der Pflanzgruben ermöglicht den Archäologinnen und Archäologen einen seltenen Einblick in ein bislang kaum erforschtes Areal innerhalb der römischen Münsterthermen, der größten bekannten römischen Badeanlage Aachens.
Da auf dem Münsterplatz nur selten bauliche Eingriffe vorgenommen werden, bietet jede Maßnahme eine wertvolle Chance zur Erforschung der dortigen Bodendenkmäler. Bereits nach den ersten zwei Grabungstagen konnten ein Zahn, bemalte Keramikfragmente sowie zwei barocke Tabakpfeifen aus Pfeifenton geborgen werden. Diese Funde liefern erste Hinweise auf die Nutzungsgeschichte des Areals vom Barock bis in die römische Zeit.
© Stadt Aachen / Stefan Hermann
Historische Bezüge des Münsterplatzes
Der Münsterplatz liegt innerhalb eines archäologisch und historisch hochkomplexen Bereichs. Neben den römischen Thermen gehörte das Gelände in nachrömischer Zeit zum Pfalzbezirk Karls des Großen. Ein in der nahegelegenen Krämerstraße dokumentierter Graben der Karolingerzeit könnte als östliche Begrenzung der Pfalz fungiert haben. Sein Verlauf könnte auch den Münsterplatz berühren. Zusätzlich ist bekannt, dass der Münsterkirchhof in früheren Jahrhunderten als Friedhof diente, was den Nachweis menschlicher Bestattungen in den untersuchten Schichten möglich macht.
Methodik der Ausgrabung
Aufgrund der unmittelbaren Nähe zum UNESCO-Welterbe Aachener Dom erfolgt die archäologische Untersuchung ausschließlich in feinmechanischer Handarbeit. „Archäologen agieren manchmal wie Forensiker im Tatort: Wir tragen Schicht für Schicht ab, bis wir auf einer Tiefe von 1,50 Meter sind. Dort können wir bereits den Übergang zur Römerzeit entdecken“, erläutert Schaub. Das Vorgehen orientiert sich an den Richtlinien des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege, um eine vollständige und wissenschaftlich nachvollziehbare Dokumentation aller Befunde zu gewährleisten.
Jede Schicht wird systematisch erfasst, gezeichnet, beschrieben und fotografiert. Durch diese Methode soll sichergestellt werden, dass auch kleinste Funde und Befundzusammenhänge im archäologischen Kontext erhalten bleiben.
Die Dauer der Grabung hängt von den Befundbedingungen und der Wetterlage ab. „Bei intensiven Regentagen können wir Archäologen nicht arbeiten“, so Schaub. Nach derzeitiger Planung ist mit einer Grabungsdauer von rund drei Monaten zu rechnen.
Quelle Stadt Aachen