Im Zuge der Erweiterung des Kieswerks Ottendorf-Okrilla wurden seit August des vergangenen Jahres archäologische Untersuchungen durchgeführt. Unter der Leitung von Dr. des. Matthias Conrad untersuchte ein siebenköpfiges Team eine Fläche von 7,2 Hektar. Die Arbeiten stehen nun kurz vor dem Abschluss und haben bedeutende neue Erkenntnisse zur prähistorischen Besiedlung der Region erbracht.
Ein bedeutender Bestattungsplatz aus der Zeit der Schnurkeramik
Freigelegt wurden mehrere Grabhügel, die in das ausgehende Neolithikum datieren. Der Fundplatz gehört mit zehn dokumentierten Hügelgräbern zu den größten seiner Art in Sachsen östlich der Elbe. Die Gräber entstanden im Zeitraum zwischen 2750 und 2200 v. Chr. und sind der sogenannten Schnurkeramischen Kultur zuzuordnen.
Diese Kultur war weiträumig verbreitet – von der Ukraine bis an den Niederrhein – und ist insbesondere durch ihre charakteristische Keramik bekannt. Die typischen Muster entstanden durch das Eindrücken gedrehter Schnüre in den noch feuchten Ton.
Bestattungssitten und archäologische Befunde
Die Menschen dieser Epoche lebten bereits sesshaft und betrieben Ackerbau sowie Viehzucht. Dennoch sind Siedlungen nur selten nachweisbar; das archäologische Wissen basiert vor allem auf Grabfunden.
Charakteristisch sind Bestattungen in Hockerlage unter Grabhügeln. Die Verstorbenen wurden seitlich mit angezogenen Beinen beigesetzt. Zudem zeigt sich eine klare geschlechtsspezifische Ausrichtung: Männer lagen rechtsseitig mit dem Kopf nach Westen, Frauen linksseitig mit dem Kopf nach Osten.
Erhaltene Grabhügel als Ausnahmebefund
Die Hügelgräber in der Laußnitzer Heide waren noch obertägig sichtbar – mit erhaltenen Aufschüttungen von bis zu 0,75 Metern Höhe. Dies stellt eine Besonderheit dar, da vergleichbare Befunde meist durch Erosion und landwirtschaftliche Nutzung eingeebnet sind.
Die Hügel hatten Durchmesser von sechs bis sieben Metern und waren von ausgeprägten Kreisgräben umgeben. Die zentralen Grabgruben enthielten jedoch kaum menschliche Überreste, da der kalkarme, saure Boden die Knochensubstanz weitgehend zersetzt hat.
3.) Aufsicht auf eine Grabgrube mit zerscherbter Keramik sowie einer durchlochten Steinaxt.
© Landesamt für Archäologie Sachsen
Landesarchäologin Dr. Regina Smolnik betont die Bedeutung der Entdeckung:
«Die Entdeckung des schnurkeramischen Grabhügelfeldes von Würschnitz zeigt deutlich, wie wichtig systematische archäologische Untersuchungen im Vorfeld von Abbauvorhaben, wie hier im Kieswerk Ottendorf-Okrilla, sind. Wissenschaftliche Fragestellungen und die Dokumentation und Bergung der archäologischen Kulturdenkmale durch ein kompetent und effizient arbeitendes Team des Landesamtes für Archäologie liefern sensationelle Ergebnisse für den Freistaat Sachsen und seine Geschichte. Eine Geschichte, die ansonsten unbeobachtet zerstört worden wäre. Die letzte Gelegenheit, Hügelgräber dieser Zeitepoche in Sachsen zu untersuchen, liegt mehr als 40 Jahre zurück. Allein dieser Umstand zeigt schon, wie bedeutend dieser Fund für Sachsen ist.«
Reiche Grabbeigaben und außergewöhnliche Funde
Bis auf ein bereits in der Bronzezeit gestörtes Grab waren alle Hügel unversehrt. Die Bestattungen enthielten ein bemerkenswert reiches Spektrum an Beigaben, darunter Keramikgefäße wie Amphoren und Becher sowie Werkzeuge und Waffen aus Feuerstein und anderen Gesteinen.
Auffällig ist die hohe Anzahl bestimmter Fundgattungen: In drei Gräbern wurden insgesamt zehn Pfeilspitzen entdeckt, während sechs Äxte und fünf Beile geborgen wurden – eine überdurchschnittliche Dichte im Vergleich zu anderen Fundplätzen der Schnurkeramik.
Neben einer durchlochten Steinaxt befanden sich rund 20 kleine Kupferperlen als Grabbeigaben in der zentralen Grabgrube
© Landesamt für Archäologie Sachsen
Besonders herausragend ist der Fund von rund 20 Kupferperlen in einem Grab. Diese dienten vermutlich als Halsschmuck. Das korrodierte Kupfer begünstigte die Erhaltung eines Unterkieferknochens – der einzige anthropologische Befund am gesamten Fundplatz. Vergleichbare Funde sind in Sachsen bislang selten; Kupferperlen in dieser Anzahl stellen eine Besonderheit dar und gehören zu den frühesten Nachweisen von Kupferschmuck in der Region.