3.000 Jahre alte Schmuckensembles: Bedeutender Depotfund nahe Wolfenbüttel freigelegt

Ein umfangreicher Depotfund aus der Bronzezeit bei Wolfenbüttel liefert neue Einblicke in Fernhandel, religiöse Praktiken und soziale Strukturen vor über 3.000 Jahren. Besonders eine außergewöhnliche Bernsteinkette verweist auf weitreichende Kontakte und die Bedeutung der Region im prähistorischen Netzwerk.

Mehrere Schmuckstücke aus Metall liegen auf einer weißen Fläche. Zu sehen sind zwei kreisförmige Armreifen, eine große, gerippte Halskette, eine flache, unregelmäßig geformte Platte, ein langer, dünner Stab sowie mehrere kleine, runde und zylindrische Objekte. Die Oberfläche der Gegenstände zeigt eine grünlich-blaue Patina.
Depotfund von Ahlum (1500–1300 v. Chr.): Auswahl an Funden, Halskragen und Fragmente, Bernsteinperlen, Lockenspirale, Nadelfragmente und Fragmente einer Armspirale.© C. Wehrstedt, NLD

Im Zuge der Errichtung von 19 Windenergieanlagen durch die SAB WindTeam GmbH in den Gemarkungen Ahlum und Dettum wurde eine großflächige archäologische Baubegleitung erforderlich. Obwohl zuvor keine Fundstellen im direkten Baugebiet bekannt waren, galt das archäologische Potenzial als hoch. Auf Anordnung der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Wolfenbüttel und in Abstimmung mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege wurden die Arbeiten wissenschaftlich begleitet.

Zwischen August 2024 und September 2025 untersuchte die Firma Arcontor Projekt GmbH eine Fläche von insgesamt 92.780 Quadratmetern. Dabei wurden 412 Befunde dokumentiert, die einen außergewöhnlich breiten Einblick in die prähistorische Besiedlung des Braunschweiger Landes ermöglichen.

Spuren der ersten Bauern

Zu den ältesten Nachweisen zählen zwei gut erhaltene Hausgrundrisse der Linearbandkeramik. Diese Kultur repräsentiert die frühesten bäuerlichen Gemeinschaften in Niedersachsen und datiert in die Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. Die zahlreichen Funde und Proben bieten neue Ansatzpunkte zur Erforschung der frühen Besiedlungsgeschichte der Region.

Siedlung und Bestattung in römischer Zeit

Auch für die ersten Jahrhunderte n. Chr. konnten mehrere Siedlungsbefunde dokumentiert werden. Besonders auffällig sind Gruben mit bewusst deponierten Ensembles, bestehend aus Hundebestattungen, Drehscheibenkeramik nach römischem Vorbild sowie Metallobjekten.

Ein dreieckiger Kamm mit zahlreichen feinen Zinken liegt auf schwarzem Untergrund. Die Oberfläche zeigt grünliche Korrosionsspuren und kleine Vertiefungen. Mehrere Risse verlaufen durch das Material. Unterhalb des Kamms befindet sich ein Maßstab mit abwechselnd weißen und dunklen Segmenten.
Knochenkamm des 4./5. Jahrhunderts mit Bronzenieten. © T. Uhlig, NLD

Ein herausragendes Einzelstück stellt ein nahezu vollständig erhaltener Dreilagenkamm des 4./5. Jahrhunderts n. Chr. dar. Der mit Kreisaugenzier und Bronzenieten verzierte Kamm ist ein seltenes Beispiel für einen Gegenstand, der üblicherweise als Grabbeigabe verbrannt wurde und daher meist nur fragmentarisch überliefert ist.

Ein außergewöhnlicher Depotfund der Bronzezeit

Der bedeutendste Fundkomplex trat beim Aushub einer Windradstellfläche zutage. Bereits beim ersten Baggerzug wurden eng beieinander liegende Objekte aus Bronze und Bernstein entdeckt. Aufgrund ihres fragilen Zustands erfolgte eine Blockbergung unter Begleitung der Restaurierung des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege.

Die anschließenden Untersuchungen zeigen, dass es sich um die Schmuckausstattung von mindestens drei weiblichen Individuen handelt. Das Ensemble umfasst verzierte Halskragen, Armspiralen, Blechschmuck sowie mindestens zwei Scheibennadeln und datiert in den Zeitraum zwischen 1500 und 1300 v. Chr.

Besonders hervorzuheben ist eine Kette aus mehr als 156 Bernsteinperlen. Bernstein spielte nach einer 2025 veröffentlichten Studie der Universität Arhus eine zentrale Rolle im Fernhandelsnetzwerk der frühen und mittleren Bronzezeit, das von Südskandinavien bis nach Assur reichte.

Ritual, Status und Fernkontakte

Die Zusammensetzung und Deponierung des Fundes sprechen für eine bewusste Niederlegung, die vermutlich religiös motiviert war. Wahrscheinlich handelt es sich um einen Schatzfund der lokalen Elite, der sowohl sozialen Status als auch überregionale Verbindungen widerspiegelt.

Der Fund stellt den bislang größten Einzelfund von bronzezeitlichem Bernstein in Niedersachsen dar. Für das niedersächsische Nordharzvorland ist es zudem der erste bronzezeitliche Depotfund seit 1967 und der einzige, der unter modernen wissenschaftlichen Standards dokumentiert wurde.

Forschungsperspektiven

Die Auswertung und Restaurierung der empfindlichen Objekte stehen noch am Anfang. In Kooperation mit der Technischen Universität Clausthal sind weiterführende Materialanalysen geplant, die zusätzliche Erkenntnisse zur Herkunft der Rohstoffe und zu den technologischen Herstellungsprozessen liefern sollen.

Quelle Stadt Wolfenbüttel; Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege

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