In Gewändern der VergangenheitWarum es sich lohnt, Jahrtausende alte Kleidung nachzubauen

Rüschen und Zwickel, enge Hosenbeine und weite Röcke – diese Elemente kennt jeder aus aktuellen Modekollektionen. Dass sie aber schon viel länger »in« sind als gedacht, zeigen Funde aus dem 3. und 2. Jt. v. Chr. in Westchina. Die Rekonstruktion der antiken Kleidungsstücke gibt einen Einblick in Handwerkskünste, die in ihrer Kreativität und Kunstfertigkeit kaum nachzuahmen sind.

Laptop mit Vergrößerungssoftware zeigt Detailaufnahme eines alten, braunen Kleidungsstücks auf einem Tisch mit angeschlossener Digitalkamera und weiteren Textilien im Hintergrund
(Abb. 2) Forschungsarbeit im Museum der Region Turfan, Vermessung der Hose aus Yanghai, Grab IM21.© Museum der Region Turfan, Dominic Hosner/DAI-EA

Artikel erschienen in ANTIKE WELT 2/2026

Größer könnte der Kontrast kaum sein: Ultra-Fast-Fashion-Marken bringen heute etwa alle zwei Wochen neue Kollektionen heraus, produzieren raue Mengen Kleidung, von der geschätzt zehn bis vierzig Prozent gar nicht und der Rest vielleicht zehnmal getragen wird bevor alles im Müll landet. Die Modeindustrie gehört zu den größten Ressourcenverbrauchern und Umweltverschmutzern, aber gleichzeitig auch zu den umsatzstärksten Wirtschaftsbranchen. 2024 setzten die Deutschen ca. 67,5 Milliarden Euro mit Bekleidung um. Für 2025 wurde ein durchschnittlicher Pro-Kopf-Verbrauch auf dem weltweiten Bekleidungsmarkt von 24 Stück Kleidung prognostiziert. Kleidung ist eines der stärksten Mittel für die (Selbst-)Identifikation von Individuen, Geschlechtern und sozialen Gruppen.

Nähen für die Ewigkeit

Die Menschen der Vergangenheit jedoch, der Jahrtausende vor Beginn schriftlicher Aufzeichnungen, sortieren wir nach ihrem Geschirr und Handwerkszeug, oder danach wie sie Häuser und Gräber bauten. Über ihre Mode wissen wir so gut wie nichts. Archäologische Kleidungsfunde sind extrem selten und hochsensibel. Das liegt an der Eigenschaft prähistorischer Gewänder, die heute Trendfokus genannt wird und als erstrebenswert gilt: »Naturalness«. Denn die Gewänder wurden aus Naturfasern gefertigt, die biologisch abbaubar sind, und in den meisten Bodenmilieus auch vollständig abgebaut wurden. Das macht die erhaltenen Fragmente um so kostbarer.

Für den Museums- und Ausstellungsbetrieb gehören sie allerdings zu den problematischen Objekten, weil der Zersetzungsprozess angehalten werden soll, um sie zu bewahren.Sie müssen vor Insekten und Licht geschützt in konstantem Raumklima mit Idealwerten von Feuchtigkeit und Temperatur gelagert werden. Transport und Ausstellung bekommen ihnen nicht gut, weshalb sie meist im Depot und der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Doch selbst wenn man Gewebefragmente präsentiert, folgt daraus noch keine Wertschätzung.

»Die feinen Strukturen entziehen sich gewöhnlich dem menschlichen Auge und werden zwar als Stoff wahrgenommen, dessen ursprüngliche Brillanz aber weder erkannt noch erahnt werden kann«, beschreibt Johanna Banck-Burgess im Buch Mittel der Macht. Textilien bei den Kelten das Dilemma. »Unansehnlich« übersetzt das Unterbewusstsein in »unbedeutend«. Dabei bezeichnete der Architekt Gottfried Semper schon 1878 die textile Kunst als Urkunst, aus der die Architektur ihre Typen und Symbole entlehnte: »Das Prinzip der Bekleidung hat auf den Stil der Baukunst […] zu allen Zeiten und bei allen Völkern großen Einfluss geübt.«

Bauten und Bekleidung sind beide mathematisch konstruierte Raumgebilde, doch während »Bauen für die Ewigkeit« gewollt sein kann, klingt »Nähen für die Ewigkeit« ungewohnt. Deshalb gibt es die Baudenkmalpflege, die dafür sorgt, dass in alte Gebäude heute Museen, Verwaltungen oder Familien einziehen können. Doch eine Gewanddenkmalpflege, die alte Gewänder so herrichtet, dass Menschen sie anziehen können, gibt es nicht. Nachbildungen schon (Abb. 1). 

Person steht barfuß in einem langen, cremefarbenen Gewand mit roten Besätzen an Kragen, Ärmeln und Saum vor grauem Hintergrund
(Abb. 1) Ein Inbegriff für »zeitlos elegant«: Das Ensemble aus Tunika und Rock könnte ohne weiteres heute getragen werden, ist aber die Rekonstruktion von Kleidungsstücken aus Westchina des 1. Jh. v. Chr. © Jan Kersten/DAI-EA

 

Viele Leute tragen mit Begeisterung die Mode anderer Zeiten, wie ein Blick auf die Angebote der Ausstatter von Reenactments zeigt. Der Reiz ist groß, Vergangenes zu reanimieren und am eigenen Körper zu erleben. Wenn aber nur Abbildungen und Texte als Vorlagen und Anleitungen für die Rekonstruktionen zur Verfügung stehen und reale Objekte fehlen, kann das Erscheinungsbild insgesamt zwar sehr gut gelingen, viele konstruktive Details der (prä-)historischen Gewänder sind jedoch in den Darstellungen nicht zu erkennen und werden kreativ, d. h. nicht faktenbasiert sondern nach eigenem Vermögen und Ermessen der Hersteller ergänzt.

Mode der Seidenstraße rekonstruiert

Die Quellenlage für das 3. und 2. Jt. v. Chr. in Westchina ist das genaue Gegenteil. Bildwerke und Texte gibt es so gut wie gar nicht, dafür blieben Kleidung und Ausrüstung in der extremen Trockenheit des Tarim-Beckens einzigartig oft fast vollständig erhalten. Gemeinsam mit chinesischen Partnereinrichtungen und verbunden in einem internationalen und interdisziplinären Team erforscht das Deutsche Archäologische Institut seit 2013 einige Ausstattungen von Frauen und Männern sowie ihr natürliches und soziales Umfeld im Rahmen des Projektes »Silk Road Fashion«. Im Fokus stehen die Fragen: Was wurde klimatisch und funktional gebraucht, was technisch gekonnt und was ästhetisch gewollt? 

Die Kleidungsfunde, mit denen wir uns beschäftigen, stammen alle aus nicht schriftlichen Gesellschaften und von unaufwendig bestatteten Personen. Ihrem Grabbau und den Beigaben nach zu urteilen gehörten sie der einfachen Bevölkerung an. Wir waren uns von Anfang an darin einig, den Studienprozess standardmäßig mit der Vermessung und Beprobung der Kleidungsfunde zu beginnen, dann aber nach Auswertung aller Mess- und Analysedaten unsere Ergebnisse zusätzlich mit der experimentellen Reproduktion der Gewänder und Tests ihrer Trageeigenschaften zu überprüfen (Abb.2).

Diese Methode wird unserem Forschungsthema »Techniken der Gewandkonstruktion« am besten gerecht. Sie umfassen Faser- und Farbanwendungen sowie Verfahren der Flächen- und Körperbildungen, also Web-, Schnitt- und Nähtechniken. Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen, aber eines können wir jetzt schon sagen: Jedes Objekt hat uns überrascht und mehr Leistung abverlangt, als wir erwartet und geplant hatten. Im Folgenden zeigen wir Ihnen Beispiele dafür, welchen Erkenntnisgewinn die Experimente und Tragetests gebracht haben und mit welchen Problemen wir uns konfrontiert sahen. 

Was ist das Wichtigste an einer Hose?

Die ersten Erfahrungen machten wir mit einer Hose, in der ein etwa vierzigjähriger Mann vor ca. 3000 Jahren in Yanghai bei Turfan bestattet worden war (Abb. 3). Nach direkter Datierung der Fasern und Prüfung aller anderen bekannten Funde stellte sich heraus, dass es sich um die bislang älteste erhaltene Hose der Welt handelt und sie womöglich sogar zu den ersten Versuchen der Hosenmode überhaupt gehört. Zwei internationale Artikel, unser Dokumentarfilm Die Erfindung der Hose und die Ausstellung der Reproduktion im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz haben sie berühmt gemacht und die Aufmerksamkeit auf technische Innovationen gelenkt, ohne die es keine Hosen gäbe. 

Alte, stark beschädigte Hose mit geometrischen Mustern und sichtbaren Löchern
(Abb. 3) Die Wollhose des Mannes aus Yanghai, Grab IM21 bei Turfan, China. ca. 11. Jh. v. Chr., eine der ältesten bekannten Hosen der Welt.© Museum der Region Turfan, Dominic Hosner/DAI-EA
Eine betrifft ihre Konstruktion. Wenn wir »Hose« als einteiliges, gegabeltes Beinkleid definieren, in dem man nicht nur steif stehen, sondern rennen, springen und bequem sitzen kann, dann müssen die Beine im Schritt Bewegungsfreiheit haben. Das geht in Pluderhosen, hochelastischem Gewebe, oder mit einem Zwickel, der die Beinröhren verbindet. So einen Zwickel hat die Yanghai-Hose, er war die entscheidende Neuerung (Abb. 4). 
Person sitzt breitbeinig auf einem weißen Hocker und trägt braune, grob gestrickte Hosen mit Mustern an den Oberschenkeln
(Abb. 4) Forschungsbasierte Rekonstruktion der Hose beim Tragetest. Stoffreproduktion: Textildesignerin Moa Hallgren-Brekenkamp, Schnittrekonstruktion: Modedesignerin Ulrike Beck. © Jan Kersten/DAI-EA
Wie Hosen im Schritt konstruiert sind, kann man auf Bildwerken nicht sehen, schon gar nicht, wenn Mäntel darüber getragen werden, die nur die Unterschenkel freigeben. Deshalb blieben die frühen Formen des wichtigsten Teils der Hosenkonstruktion so lange unentdeckt. Unsere Tragetests zeigten, dass der Yanghai-Zwickel so breit ist, dass er beim Gehen behindert, für breitbeiniges Sitzen und Reiten jedoch ideal ist.

 

Weitere Innovationen, die wir an der Yanghai-Hose entdeckten, betreffen den gesamten Fertigungsprozess und die Stoffbildung. Alle drei Teile, einschließlich der beiden Seitenschlitze, wurden auf einem Webgerät in diesen Formen erzeugt und nicht aus verwendungsneutralen Webbahnen zugeschnitten, wie es heute üblich ist. Wir haben inzwischen zwei weitere Hosen aus dieser Zeit untersucht und reproduziert – alle drei sind unterschiedlich groß und keine hat Schnittkanten. Innere Beinlänge, Seitenlänge bis zur Bundoberkante, Schrittlänge und Oberschenkelumfang der Männer müssen vor dem Weben vermessen worden sein. Diese frühen Hosen sind Maßerzeugnisse, aber nicht die Werke einer Maßschneiderei, sondern einer Maßweberei. Die Machbarkeit bestätigte Moa Hallgren-Brekenkamp, forschende Textildesignerin, mit ihren Experimenten.

Sie musste viel experimentieren, denn der Hosenstoff wurde mit vier verschiedenen Bindungsarten erzeugt, von denen zwei vorher nicht bekannt waren. Köperbindung als Hauptgewebeüberraschte nicht so sehr, da diese Webart als dichte und zugleich elastische textile Struktur für die enganliegende Gestalt der Yanghai-Hose gebraucht wurde. Die feste Ripsbindung für den Hosenbund ist ebenfalls funktional bedingt. Aber die beiden Dekorzonen – zweifarbige Stufenpyramiden in Schritthöhe und T-Haken-Ornament in der Kniepartie – zeigen einerseits, dass eine bestimmte ästhetische Wirkung gewollt war und andererseits, dass mehrkomplexe Techniken beherrscht und kombiniert wurden, als bislang vermutet(Details zu den Bindungsarten sind nachzulesen in: Hallgren-Brekenkamp et al. 2023).

Konstruktiv sind die auffallendsten Eigenschaften der Yanghai-Hose ihre Körpernähe und materialsparende Fertigung. Bei einem ca. 2100 Jahre alten Rock aus Sampula sehen wir das ganze Gegenteil: Körperferne und Materialüberfluss. Dies brachte Schwierigkeiten ganz anderer Art mit sich.

Das Wertvollste am Rock

Der Rock hat uns fast zur Verzweiflung getrieben und sehr lange aufgehalten, dann aber im Tragetest alle umgeworfen mit seiner Wucht und seinem Schwung (Abb. 5): 

Altes, zerfleddertes Kleidungsstück mit Fransen und einem dekorativen Stoffband
(Abb. 5) Wollrock aus Sampula bei Khotan, China, ca. 1. Jh. v. Chr., mit einem mehrfarbigen Band aus Bildwirkerei und einer roten Rüsche aus geflochtenem Stoff. © Institut für Kulturdenkmäler und Archäologie der Autonomen Region der Uiguren Xinjiang, Mayke Wagner/DAI-EA

Er wird von oben nach unten immer fulminanter, der Bund ist breit und glatt, der Mittelteil aus naturfarbener Wolle darunter in Falten gelegt. Auf Stoß an diesen angenäht folgt ein mehrfarbiger Streifen, eine Bildwirkerei. An ihr hängt eine massive rote Rüsche, die aus einem schmalen und einem breiten Streifen zusammengesetzt wurde. Der Rüschenstoff ist nicht gewebt, sondern aus zwei Bändern mit insgesamt 184 Fäden geflochten, die auch noch dreifach genommen wurden. Für die Rekonstruktion brauchten wir also 552 Fäden. Nur die renommierte Flecht-Spezialistin Carol James in Winnipeg, Canada, traute sich das zu. Sie benutzte einen Takadai, einen japanischen Flechttisch (Abb. 6). 

Ein japanischer Flechttisch, in dem zahlreiche rote Fäden fixiert sind, die in der Mitte zu einem gewebten Stück Stoff zusammenlaufen.
(Abb. 6) Die Flechtwerkspezialistin Carol James, Winnipeg, Canada, reproduzierte den 11 m langen Rüschenstoff auf einem für diesen Zweck vergrößerten japanischen Flechttisch (Takadai).© Carol James/DAI-EA
 Darauf kann man eine große Anzahl von Fäden über zwei Armen geordnet halten. Wegen der extrem vielen Fäden musste sie die Arme von einem Tischler verlängern lassen. Um die Fäden zu spannen, verwendete sie als Spulen große, schwere Schrauben, auf die sie mit einer Bohrmaschine das Garn aufspulte. Carol arbeitete sich mehrere Wochen lang voran, bis sie schließlich das 11 m lange Geflecht fertig hatte. Das bekam die Maßschneiderin Katrin Dilßner auf den Tisch. Sie musste es von 11 auf 1,90 m zusammenschieben, d.h. in extrem dichte, sog. Bauernfalten legen.
 
Bei der Bildwirkerei stießen wir an die Grenzen unserer Möglichkeiten. Das Original wurde mit fünf verschiedenen Farben im Schuss und einer vermutlich ungefärbten, fast vollständig abgedeckten Kette gefertigt (Abb. 7). 
Nahaufnahme eines gewebten Stoffes mit figürlichen Mustern und Fransen am unteren Rand
(Abb. 7) Detail der Bildwirkerei im Originalrock. Die untere Hälfte des Bandes ist nach innen geschlagen, der Hohlraum wurde mit Stoffresten verfüllt und ausgepolstert. © Dominic Hosner/DAI-EA

Die filigranen Figuren wirken wie gemalt. Intuitiv und frei gewebt, geriet jedes Kamel ein wenig anders, individuell. Verschlissen und an vielen Stellen repariert zwar, doch zweifellos ein Kunstwerk. Wir haben andere Kolleginnen konsultiert und vereinfachte Varianten ausprobiert, aber selbst damit wäre eine Nachahmung viel zu zeitaufwendig und teuer gewesen. Was sollten wir tun? Die merkwürdige »Halbierung« der Bildwirkerei brachte uns auf eine Idee. Die untere Bildhälfte ist nämlich nach innen geklappt, so dass Bauch und Beine der Kamele gar nicht sichtbar sind. Das wirkt so, als wäre das Band nach seiner Erstverwendung irgendwo anders schließlich im Rock recycelt worden. Auch für uns war Recycling die Lösung. Wir fanden einen alten Teppich, der in Technik und Farbskala der Wirkerei aus Sampula nahekam. 

Mit einem Streifen dieses Kelim-Teppichs stellten wir den Rock fertig. Ansonsten wären Rockkörper und Rüsche auf ewig unverbunden geblieben und wir hätten ihn nicht testen können. Die Wirkung des Rocks in Bewegung ist verblüffend. Heute kennt man Rüschen vor allem als leichten Besatz, der einem Kleidungsstück etwas Verspieltes verleiht. Die Sampula-Rüsche dagegen ist schwer und wallt kraftvoll um die Füße der Frau (Abb. 8). 

Frau steht barfuß in traditionellem, bodenlangem Rock mit breitem rotem Saum und gemustertem Gürtel sowie weißem Langarmshirt vor grauem Hintergrund
(Abb. 8) Forschungsbasierte Rekonstruktion des Rocks beim Tragetest. Modell: Linda Haberlandt.© Jan Kersten/DAI-EA
Ihr Gewicht, ca. 5 kg, zieht den Rock straff nach unten wie Bleiband eine Gardine. Die dichte Raffung versteift den Saum und verhindert, dass der Rock sich an die Beine legt. Damit verschafft sie den Beinen einen geschützten, flexiblen und ausreichend weiten Schrittraum. »Distanz schaffende Körperattrappen« nennt die Modewissenschaftlerin Ingrid Loschek solche Konstruktionen. Etliche weitere Röcke dieser Art sind in Sampula – aber bislang nur dort – gefunden worden, so dass man von einem lokalen Modetrend sprechen kann. Insgesamt gehören sie zu einer schon Jahrhunderte zuvor kreierten Rockmode im östlichen Zentralasien, die bis heute zum Beispiel in den weiten, farbenfrohen Röcken fortlebt, die starke Frauen wie die Cholitas in Bolivien tragen. Was Elke Heidenreich über die Kleider von Frida Kahlo sagte, gilt auch für den Sampula-Rock:  Er ist »zugleich kostbar und alltäglich«.

Noch etwas hat uns überrascht: Als wir das Gesamtensemble testeten, verschwand der Rock mit seinem wertvollen Figurenband unter der dazugehörigen Tunika und die Rüsche verschmolz optisch mit ihr. Auch, weil die roten Besatzstreifen auf der Tunika aus demselben Geflecht sind, nur aus feinerem Garn gearbeitet. Dem Bild ist die Mehrschichtigkeit des Gewandes nicht anzusehen (vgl. Abb. Rock 7).

Viel weniger kompliziert, aber auf ihre Weise magisch, ist eine ca. 2800 Jahre alte Jacke vom Fundplatz Zaghunluq. Ob sie von einem Mann oder einer Frau getragen wurde, weiß niemand. Passen würde sie beiden. Mit ihr erlebt man beim Anziehen die Unverzichtbarkeit von Reproduktion und Tragetest.

Das Magische an der Jacke

Wenn sie ausgebreitet auf dem Tisch liegt, sieht sie im Vergleich zu heutigen Jacken unförmig aus: Zu breiter Korpus, zu kurze Ärmel, kümmerlicher Kragen (Abb. 9). 

Alte, zerschlissene Jacke in einem hellen Braunton mit dunklen Streifen, die vertikal verlaufen.
(Abb. 9) Wolljacke aus Zaghunluq bei Qiemo, China, ca. 8. Jh. v. Chr.© Museum der Autonomen Region der Uiguren Xinjiang, Mayke Wagner/DAI-EA
Die Proportionen scheinen nicht zu stimmen. Am Schnitt erkennt man noch nicht, wie genial er ist. Erst wenn jemand die Jacke anzieht, sie in eine plastische Hülle verwandelt, passiert die Transformation. Die Jacke legt sich weich um den Körper und vorne schräg übereinander (Abb. 10). 
Eine lächelnde Person trägt eine weite Jacke, die sie mit der rechten Hand vorm Bauch geschlossen hält. Die Jacke ist in einem hellbraunen Farbton gehalten. Dunklere Streifen verlaufen parallel und vertikal auf der Jacke.
(Abb. 10) Rekonstruktion der Jacke. Erst angezogen wird die Raffinesse der Konstruktion sichtbar und fühlbar. © Katrin Dilßner/DAI-EA
Das bewirkt der kleine Kragen. Er wurde in die geöffnete Schulternaht eingesetzt. Dadurch gibt es einen leichten Zug auf die vorderen Kanten, die automatisch übereinander fallen und die Jacke so verschließen. Sie bleibt sogar zu, wenn die Arme gehoben werden. Die Bewegungsfreiheit vor allem der Unterarme wurde auch dadurch erweitert, dass Korpus und Ärmel oben verschmälert sind (durch die Streifen gut zu erkennen) und unten durcheinen Einsatzerweitert. Diese Jackenkonstruktion liegt auch heute voll im Trend: aus Naturfasern, Zero-Waste-Fertigung, Design mit Workwear-Elementen, unisex und one-size-fits-all. Na ja, fast allen.

Kurzum, Techniken der Gewandkonstruktion gehören zum immateriellen Kulturerbe der Welt. Erhalten kann man es am besten durch Praktizieren. Forschungsbasierte, experimentelle Rekonstruktionen haben in einer archäologischen Gewanddenkmalpflege vor allem die Funktion, altes Wissen zur Nutzung bereitzustellen. Denn wie Ingrid Loschek sagte: »In der Mode ist die Vergangenheit nicht das Abgelegte, sondern der Reichtum an Formen, derer sie sich bedienen kann.« Ob es uns bewusst ist oder nicht, wir stecken in Gewändern der Vergangenheit.

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