Germanen aus dem Bilderbuch
Zur prestigeträchtigen Ausstattung der Gräber gehören neben Sporen und Reitzeug, die den Rang der Reiterkrieger anzeigen, auch exquisites römisches Trink- und Tafelgeschirr, etwa fein gearbeitete Glasgefäße, ein Bronzeeimer mit Gesichtsattaschen, mit Glasemail verzierte Beschläge eines Trinkhorns oder eine Bilderschüssel mit aufwendiger Applikationszier. Sie demonstrieren eine gehobene Lebensführung, in der gesellschaftliche Zusammenkünfte mit Gastmahlen und Trinkgelagen eine wichtige Rolle spielten. Der Kessel mit den Aufhängevorrichtungen in Form der Männerbüsten ist ebenfalls das Produkt einer römischen Werkstatt und diente in Grab 2 als Urne für den Leichenbrand des Verstorbenen.
Die Trense und Teile eines Zaumzeugs lagen bei den Resten eines Pferdeschädels in Grab 1. Die abschließende Restaurierung und Zuordnung der Teile erfolgten im Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg.
© Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, M. Schreiner
Vergleichbare Kessel sind bislang nur aus dem Königsgrab von Mušovin Tschechien und aus dem Grab eines hochrangigen Kriegers im polnischen Czarnówko bekannt geworden. Der charakteristische seitliche Haarknoten der Männerbüsten gilt aufgrund der Beschreibung des römischen Historikers Tacitus als Kennzeichen suebischer Krieger. In der römischen Bilderwelt dienten der nackte Oberkörper, der Bart und ein Haarknoten zur Verkörperung germanischer Barbaren. Normalerweise stellte man sie als gefangene und getötete Feinde dar, um den Sieg der römischen Herrscher und die Überlegenheit der römischen Zivilisation zu demonstrieren. Die Abbilder von Germanen an den Kesseln von Kariv, Mušov und Czarnówko zeigen nicht diese sonst übliche, abwertende Darstellungsweise.
Das Trinkglas mit Schliffdekor ist ein exquisites Beispiel römischer Glaskunst.
© Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (LAD im RPS) / Y. Mühleis
Die Suebenkessel scheinen explizit für eine jenseits der Donaugrenze ansässige Abnehmerschaft hergestellt und vielleicht als Geschenke weitergegeben worden zu sein. Dabei wird ein komplexer Ideentransfer greifbar, denn die römische Fertigung für germanische Abnehmer setzt voraus, dass die Büsten von beiden Seiten als Symbole des Germanentums verstanden wurden, wenngleich ein Bewohner des Römischen Reichs mit den bärtigen Männern etwas anderes verbunden haben dürfte als ein Angehöriger der germanischen Gruppen, die von den Römern in dieser Art dargestellt wurden. Je nach Herkunft und Perspektive konnte ein Betrachter im 2. Jh. n. Chr. also ganz individuell den Fremden oder das Sinnbild der eigenen Gemeinschaft erblicken. Sicher ist, dass dem mutmaßlich römischen Auftraggeber und dem späteren germanischen Besitzer zumindest die Vorstellung gemeinsam war, dass der Kessel einem Anführer nördlich der Donau etwa als Zubehör bei gesellschaftlichen Zusammenkünften gut zu Gesicht stand.
Sueben und Schwaben
Die Sueben-Kessel sind authentische, visuell attraktive Zeugnisse ihrer Zeit und bündeln viele Betrachtungsebenen, um das Spannungsfeld der römisch-germanischen Lebenswelten im 1. und 2.Jh. n.Chr. zu beleuchten. Das Abbild der Männer mit den Haarknoten birgt aber auch eine aktuelle Ebene. Sie betrifft die Wege der Forschung und deren gesellschaftliche Relevanz für das Hier und Heute. In Fachkreisen hat jeder schon erlebt, wie der unstrittige Sachverhalt, »dass die Sueben den Schwaben lediglich ihren Namen hinterlassen haben«, wie es im Werk Die Schwaben. Zwischen Mythos und Marke heißt, auf Unglauben stößt. Völkische Ansichten, die das Werden unserer modernen Nationalstaaten legitimierten und begleiteten, sind immer noch vorhanden und werden weiterverbreitet. Dass diese auf den Wunschvorstellungen und Ideologien des 19. Jh. aufbauen, ist leider wenig bekannt. Zugleich werden die Erkenntnisse der Wissenschaft in der heutigen hyperkomplexen Lebenswelt immer häufiger lediglich als eine von vielen sogenannten alternativen Faktenwahrgenommen. Umso wichtiger ist es, faktenbasiertes Wissen erfahrbar und nachvollziehbar zu machen.
Der Männerkopf am Kessel aus der Ukraine eignet sich sehr gut dafür. Denn ausgehend von der Zuschreibung »Suebe« kann man sich etwa auf die Suche nach den Verbindungslinien zu den heutigen Schwaben machen. Dabei stößt man unmittelbar auf den Hinweis des Tacitus, wonach die Sueben kein homogenes Volk seien, sondern sich aus allen nicht am Rhein siedelnden Stämmen zwischen der Ostsee und der Donau zusammensetzen würden. Die Suche nach Antworten führt weiter durch die Jahrhunderte einer europäischen Geschichte, die geprägt ist von Bevölkerungsverschiebungen, Abwanderungen und gesellschaftlichen Abbrüchen –ausgehend beispielsweise von den früher irreführend als Völkerwanderung bezeichneten Migrationsbewegungen der Spätantike über den Dreißigjährigen Krieg, der das Land entvölkert hat, bis zu den Hungersnöten, die vor wenig mehr als 200 Jahren viele Menschen zur Auswanderung zwangen, oder den Geflüchteten und Vertriebenen, die um 1945 eine neue Heimat finden mussten...Auf dem vielschichtigen Tableau der europäischen Geschichte steht das in der Ukraine infolge einer Zuwanderung Ortsfremder in den Boden gekommene römische Abbild eines Sueben als Sinnbild dafür, dass Vermischung und Mobilität zu allen Zeiten ein Kennzeichen menschlicher Gesellschaften sind.
Europäisches Kulturgut in Gefahr
Es ist ein besonderes Zeichen der Zeit, dass der bis dahin noch nie außerhalb der Ukraine gezeigte Kessel von Kariv 2024/25 in der Großen Landesausstellung Baden-Württemberg THE hidden LÄND in Stuttgart zu sehen war. Es ging darum, einem »echten« Germanen bzw. Sueben ins Gesicht schauen und sich etwa auch mit dem »Schwaben-Thema« auseinandersetzen zu können. Eine besondere Aktualität erhielt das Exponat jedoch dadurch, dass es überhaupt möglich wurde, es auszustellen. Zwar stand der Kessel schon früh auf einer noch inoffiziellen Wunschliste möglicher Leihgaben. Als aber 2022 russische Truppen die Ukraine angriffen und die dortige Bevölkerung in einen blutigen Krieg hineingezogen wurde, zeigte sich, dass Kulturgütereben nicht allein Zeugnisse der Zeit sind, aus der sie stammen, sondern auch Teil einer Gegenwart, die ihre eigene Geschichte schreibt. Es erschien vermessen, die einer Kriegssituation ausgesetzten Kolleginnen und Kollegen mit einer Leihanfrage zu behelligen – das mögliche Highlight-Exponat erschien mehr als in geografisch weite Fernen gerückt. Bald reifte aber die Überzeugung, dass eine solche Anfrage dem Schrecken etwas entgegensetzen könnte, weil sie den Willen zum Kulturaustausch über die Widrigkeiten der aktuellen Lage hinwegsignalisiert. Tatsächlich teilten die Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine diese Sicht. Aus dem Wunsch, durch die Präsentation des Kessels auf die Bedeutung des kulturellen Erbes der Ukraine aufmerksam machen zu können und ein Zeichen der Verbundenheit zu setzen, entwickelte sich eine Zusammenarbeit, die neben der musealen Vermittlung vor allen Dingen auch ein Restaurierungs- und Dokumentationsprojekt umfasst.
Das kulturelle Erbe der Ukraine ist durch Kampfhandlungen und gezielte Plünderungen und Angriffe bedroht. Aus diesen offensichtlichen Gefahren ergeben sich weitere Probleme. So lagern die Sammlungen der staatlichen Museen zum Schutz vor Beschuss oft in Kellerräumen, die sich nicht angemessen klimatisieren lassen. Auch fehlen kriegsbedingt Fachkräfte für die sachgerechte Betreuung. Inzwischen organisieren Initiativen und Netzwerke unter anderem Lieferungen mit Geräten und Verpackungsmaterial oder helfen dabei, Raubkunst zu identifizieren (z. B. KulturGutRetter, Ukraine Art Aid Center, ICOM4Ukraine). Im Fall der Kariv-Funde, deren abschließende Bearbeitung aufgrund der Krisensituation ins Stocken geraten war, stand im Austausch mit den Verantwortlichen vor Ort schnell fest, dass nicht nur ein Leihvorgang zu organisieren war, sondern auch die konservatorische Sicherung der Metallgegenstände.
Im Rahmen einer Kooperation des Museums Vynnyky mit dem Landesamt für Denkmalpflege und dem Archäologischen Landesmuseum übernahm das Land Baden-Württemberg die Restaurierung und Dokumentationen der wichtigsten Funde von Kariv. Den Transport finanzierte die Ernst von Siemens Kunststiftung im Rahmen ihrer Ukraine-Förderlinie. Die fachliche Aufsicht und persönliche Durchführung des Leihvorgangs, einschließlich der Verpackung, der Abwicklung des Transports sowie der Versorgung und der Einbringung der Exponate in Vitrinen lag beim Fachbereich Archäologische Restaurierung des Landesamts für Denkmalpflege.
Das rituell verbogene Schwert stammt aus einer römischen Waffenschmiede: Im aktuell angefertigten Röntgenbild zeichneten sich überraschend die Umrisse des Kriegsgottes Mars und der Siegesgöttin Victoria ab.
© Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (LAD im RPS) / Y. Mühleis und P. Otte-Scheschkewitz
Die für das ukrainisch-deutsche Team herausfordernde Reise- und Arbeitssituation vor Ort ließ sich nur dank eines großen gegenseitigen Vertrauensvorschusses meistern. Neben der mentalen Anspannung angesichts von Stromausfällen und möglichen Luftangriffen, galt es,20zum Teil hochkarätige Funde in nur zwei Tagen für einen unwägbaren Landtransport über die für den zivilen Verkehr weitgehend geschlossene Grenze nach Polen zu verpacken und zu verladen. Da sämtliches Verpackungsmaterial für den Alltagsschutz von Gebäuden und mobilen Gegenständen benötigt wird, war zuvor eine möglichst bedarfsgerecht zusammengestellte Charge in die Ukraine verbracht worden. Im gesamten Prozess übergab der Leihgeber das Handling sowie die Restaurierung und Montage der Objekte in die Hand des baden-württembergischen Partners – eine im museologischen Leihverkehr bemerkenswerte Geste des Vertrauens. Im Hinblick auf den Schutz des Kulturguts sieht die Kooperation auch dokumentarische Maßnahmen vor, etwa das Erstellen von Röntgenbildern sowie von Daten aus Computertomografien, Objektscans und Materialanalysen. Die Ergebnisse werden den Leihgebern im Zuge der 2026 vorgesehenen Rückführung der Objekte übergeben. Dasselbe gilt für die Halterungen zur sicheren, schwebenden Montage der Exponate, die etwa auch eine Rekonstruktion des Pferdegeschirrs ermöglichte.
Ukrainische Sueben und eine Idee von Europa
Ein weiteres Ergebnis der Zusammenarbeit der drei oben genannten Partner ist aktuell im Limesmuseum Aalen zu sehen: Unter dem Titel »Fremde Nachbarn« bildet die Gesamtheit der neu restaurierten Funde aus Kariv den zentralen Teil einer Sonderausstellung, die sich dem Verhältnis von Römern und Germanen annähert. Sie regt zum Nachdenken darüber an, wie Zusammengehörigkeits- und Abgrenzungsgefühle entstehen und wie stark der Austausch und die Annäherung über kulturelle und staatliche Grenzen hinweg die Gesellschaften Europas bis heute prägen. Solche Prozesse hängen von Menschen ab, die sich verbinden und gemeinsame Visionen entwickeln. Auch das Kariv-Projekt wurzelt in solchen Kontakten.
So verdanken wir das Wissen um die Funde dem grenzüberschreitenden Engagement der Archäologen Jaroslav Onyshchuk (Ivan Franko National University L’viv, Ukraine) und Jan Schuster (Universität Łódź, Polen), die sie der Fachwelt bekannt gemacht haben. PersönlicherAustausch führte auf vielen Ebenen zu mutigen Entscheidungen. Stellvertretend für alleMitarbeiter und Verantwortlichen der Museen, des Kulturgüterschutzes und der zuständigen Ministerien in der Ukraine und in Deutschland seien Ihor Tymets(Städtische Einrichtung des L’viverregionalen Gemeinderates »Museum für Geschichte und Heimatkunde«), Cristina Zametzer(Auswärtiges Amt, Berlin) und KaterynaIesikova(Deutsche Botschaft, Kiew) genannt.
Viele Europäer erfahren heute unheilvolle Lebenssituationen und blicken mit Ambivalenz und im Einzelfall vielleicht sogar Distanz auf den Nachbarn. Die Möglichkeit, den Kessel von Karivin Deutschland präsentieren zu können, istein Zeichen dagegen. Es steht für den tiefen Wunsch aller Beteiligten, die kulturellen und gesellschaftlichen Verbindungenüber Grenzen hinweg auch und erst recht in schwierigen Zeitenweiter zu pflegen und die Zukunft Europas in einem respektvollen Miteinander zu gestalten.