Vom Hellweg zur Hochspannung: Mehrphasige Siedlungsstelle auf dem Gelände der TU Dortmund freigelegt

Auf einer Wiese an der Emil-Figge-Straße auf dem Gelände der Technischen Universität Dortmund ist bei archäologischen Untersuchungen eine bislang unbekannte, bedeutende Siedlungsstelle entdeckt worden. Die Befunde stellen einen herausragenden Erstnachweis für eine vorgeschichtliche Siedlung an diesem konkreten Standort dar und tragen wesentlich zum Verständnis der vor- und frühgeschichtlichen Besiedlung entlang des Hellwegs bei. Das Areal wird künftig durch eine Freiflächen-Photovoltaikanlage genutzt werden, die Strom für den Campus liefern soll.

Vier Personen in gelben Warnwesten stehen und hocken in einer rechteckigen Ausgrabungsgrube auf einer schlammigen Baustelle. Die Grube ist von Erdreich umgeben, im Hintergrund sind moderne Gebäude und ein Zaun zu sehen. Der Himmel ist klar, das Gelände wirkt weitläufig.
© Stadt Dortmund / Roland Gorecki

Ausgangspunkt der Arbeiten waren archäologische Voruntersuchungen, die zu Jahresbeginn als behördliche Auflage im Rahmen der Bauplanung durchgeführt wurden. In den vergangenen 50 Jahren wurden in der näheren Umgebung bereits Streufunde wie Steinwerkzeuge und Keramik aus dem Neolithikum, der Eisenzeit, der römischen Kaiserzeit und dem Mittelalter gemacht, sodass von einer langfristigen Nutzung des Areals als Siedlungsraum auszugehen ist. Bereits in den ersten Suchschnitten der aktuellen Grabung kamen aussagekräftige Befunde zutage, weshalb die Untersuchungsfläche konsequent vergrößert wurde.

Siedlungsbefunde und Grubenhaus

In der anschließenden Flächengrabung traten eine Reihe typischer Siedlungsbefunde zutage, darunter kleinere Gräben und Pfostenstellungen, die auf ehemalige Gebäudegrundrisse schließen lassen. Als besonders aussagekräftig gilt ein Grubenhaus, ein eingetieftes Gebäude, dessen Grundriss sich im Boden durch deutliche Verfärbungen abzeichnet. Solche Bauten werden vor allem mit handwerklichen Tätigkeiten in Verbindung gebracht und liefern Hinweise auf Siedlungsorganisation, Wirtschaftsweise und chronologische Einordnung.

Das geborgene keramische Material lässt sich bislang nur allgemein als vorgeschichtlich ansprechen. Die Scherben zeigen keine charakteristischen Formmerkmale, Verzierungen oder spezifischen Herstellungstechniken, die eine eindeutige zeitliche Zuordnung erlauben würden. Da derartige Keramik über längere Zeiträume hinweg in ähnlicher Weise produziert wurde, kommt naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden besondere Bedeutung zu: Holzkohlefragmente aus den Befunden sollen mittels Radiokarbonanalyse (14C) genauer datiert werden und so die zeitliche Stellung der Siedlung präzisieren.

Tierbestattung oder Deponierung?

Besondere Aufmerksamkeit erregte der Fund eines nahezu vollständigen Skeletts eines größeren Haustieres, das vermutlich ein Pferd oder ein Esel war. Die sehr gute Erhaltung der Knochen deutet auf ein jüngeres Datum hin, doch müssen noch detaillierte Untersuchungen durchgeführt werden. Erst diese werden klären, ob es sich um eine gezielte Deponierung, eine Bestattung oder um die Reste einer alltäglichen Entsorgungspraxis handelt.

Zwei Personen in gelben Warnjacken knien in einer rechteckigen Ausgrabungsgrube und arbeiten mit kleinen Werkzeugen an freigelegten, großflächig angeordneten Knochen. Die Knochen liegen dicht beieinander und sind teilweise von Erde bedeckt. Im Vordergrund sind eine Schaufel und eine durchsichtige Plastiktasche mit weiteren Utensilien zu sehen. Der Boden ist feucht und braun, am Rand der Grube ist etwas Gras sichtbar.
© Stadt Dortmund / Grabungsfirma EggensteinExca

Kontinuität der Besiedlung in der Hellwegzone

Die Befunde fügen sich in ein bereits länger bekanntes, aber bislang lückenhaftes Bild der Besiedlung an der Emil-Figge-Straße ein. Lesefunde und in den vergangenen Jahrzehnten dokumentierte Einzelbefunde belegen eine Nutzung vom Neolithikum über die Eisenzeit bis zur römischen Kaiserzeit und ins Mittelalter; diese Hinweise blieben jedoch punktuell und fragmentarisch. Mit der nun freigelegten Siedlungsstelle liegt erstmals ein größerer, zusammenhängender Ausschnitt einer Siedlungskammer vor, der Aussagen zur räumlichen Organisation und zur zeitlichen Kontinuität der Besiedlung erlaubt.

Damit eröffnet sich die Möglichkeit, eine Mikroregion innerhalb der Hellwegzone genauer zu fassen. Die Ergebnisse versprechen, nicht nur lokale, sondern auch übergeordnete Fragen zur vor- und frühgeschichtlichen Besiedlung entlang des Hellwegs neu zu bewerten, etwa zur Entwicklung von Siedlungsnetzen, Wirtschaftsstrategien und Verkehrswegen.

Standortfaktoren einer vorgeschichtlichen Siedlung

Die Lage des Areals erklärt in weiten Teilen seine langfristige Attraktivität als Siedlungsplatz. „Der Standort war gerade dazu prädestiniert, um sich hier niederzulassen“, erklärt Jan Rosbeck von der Unteren Denkmalbehörde. „Zum einen verfügt die Fläche über äußerst fruchtbare Lössböden, wie sie überall am Nordhang des Dortmunder Rückens beziehungsweise hier an den Stockumer Höhen vorzufinden sind. Dies lieferte den Siedlern ideale Bedingungen für Ackerbau und Viehzucht. Zum anderen liegt das Areal in unmittelbarer Nähe zu Quellen und wasserstauenden Schichten, die für eine vorgeschichtliche Siedlung von essenzieller Bedeutung waren.“

Hinzu kommt die Nähe zum historischen Hellweg, einer seit Jahrtausenden bedeutenden West-Ost-Verkehrsachse, deren Verlauf der heutigen A40 weitgehend entspricht. Diese Route folgt der fruchtbaren Lösszone, die bereits in der Jungsteinzeit intensiv landwirtschaftlich genutzt wurde und in der frühe Handelswege entstanden, aus denen sich später der historische Hellweg entwickelte.

Wissenschaftliche Auswertung und Forschungsperspektiven

Mit dem Abschluss der Feldarbeiten beginnt die eigentliche wissenschaftliche Auswertung des Fundmaterials. Erst die detaillierte Analyse von Keramik, Tierknochen, Holzkohle und weiteren Kleinfunden wird erlauben, wirtschaftliche Schwerpunkte, handwerkliche Spezialisierungen und die innere Siedlungsstruktur präziser zu rekonstruieren. Besonders die naturwissenschaftliche Datierung und gegebenenfalls archäobotanische sowie archäozoologische Untersuchungen versprechen weiterführende Einblicke.

Quelle: Stadt Dortmund

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