„Überraschenderweise zeigte die Analyse, dass viele der gemeinsam Bestatteten Verwandte zweiten oder dritten Grades waren, und nicht Verwandte ersten Grades – also Eltern und Kinder oder Geschwister –, wie oft angenommen wird. Dies deutet darauf hin, dass diese Menschen ihre Familiengeschichte gut kannten und dass Beziehungen jenseits der Kernfamilie eine wichtige Rolle spielten“, sagt die Archäogenetikerin Helena Malmström, die das Forschungsteam leitete.
Eine besondere Stätte der Steinzeit
Ajvide gilt als eine der bedeutendsten steinzeitlichen Fundstätten Skandinaviens. Die Anlage umfasst 85 bekannte Gräber, von denen acht Mehrfachbestattungen enthalten. Vor etwa 5.500 Jahren lebte hier eine Gemeinschaft, die sich vor allem von der Robbenjagd und vom Fischfang ernährte. Zu dieser Zeit hatte sich der Ackerbau in weiten Teilen Europas bereits etabliert, doch die nordischen Jäger- und Sammlerkulturen hielten an ihrer Lebensweise fest und blieben genetisch weitgehend von den einwandernden Bauern getrennt.
Vier Gräber, viele Beziehungen
Die neuen genetischen Analysen konzentrierten sich auf vier Gräber mit insgesamt zehn Individuen.
In einem Grab lag eine etwa 20-jährige Frau zusammen mit zwei kleinen Kindern – einem vierjährigen Jungen und einem anderthalbjährigen Mädchen. Die Kinder waren Geschwister, die Frau jedoch nicht ihre Mutter, sondern vermutlich die Schwester oder Halbschwester ihres Vaters. Ein weiteres Grab enthielt die Überreste eines erwachsenen Mannes und eines jungen Mädchens. Hier ergab die Analyse eine enge familiäre Beziehung: Vater und Tochter. In einem dritten Grab lagen zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, die keine Geschwister, sondern entfernte Verwandte dritten Grades – wahrscheinlich Cousins – waren. Das vierte Gemeinschaftsgrab enthielt ein Mädchen und eine junge Frau, die ebenfalls Verwandte dritten Grades waren. Möglicherweise handelte es sich um eine Verbindung über die Großtante oder eine Cousine.
„Da es ungewöhnlich ist, dass Gräber dieser Art von Jäger- und Sammlerkulturen erhalten bleiben, sind Studien zur Verwandtschaft in archäologischen Jäger- und Sammlerkulturen selten und in der Regel von begrenztem Umfang“, erklärt Tiina Mattila, Populationsgenetikerin und Leiterin der genetischen Analysen.
Soziale Strukturen jenseits der Kernfamilie
Die genetischen Ergebnisse liefern nicht nur Einblicke in die biologische Verwandtschaft, sondern auch Hinweise auf die gesellschaftliche Organisation dieser frühen Gemeinschaft. „Die Analysen geben Aufschluss über die soziale Organisation in der Steinzeit“, sagt Paul Wallin, Professor für Archäologie und Experte für die Fundstätte von Ajvide.
Die Studie ist die erste systematische Untersuchung der Familienverhältnisse skandinavischer Neolithiker. Nun sollen weitere Analysen auf über 70 Individuen aus dem Fundplatz erstreckt werden, um ein umfassenderes Bild der Sozialstruktur, der Lebensgeschichten und der Bestattungsrituale dieser prähistorischen Gesellschaft zu gewinnen.
Wie DNA Verwandtschaft sichtbar macht
Zur Bestimmung von Geschlecht und Verwandtschaft extrahierten die Forschenden DNA aus Zähnen und Knochen der Bestatteten. Da sich das Geschlecht von Kindern anhand der Skelette kaum sicher erkennen lässt, nutzten sie genetische Marker: Zwei X-Chromosomen weisen auf ein Mädchen, ein X- und ein Y-Chromosom auf einen Jungen hin.
Die Verwandtschaftsanalysen basieren auf dem Anteil gemeinsamer DNA:
Verwandte ersten Grades (Eltern und Kinder oder Geschwister) teilen etwa die Hälfte ihrer Erbinformation. Bei Verwandten zweiten Grades (Großeltern und Enkel, Halbgeschwister) beträgt der Anteil etwa ein Viertel. Verwandte dritten Grades – etwa Cousins, Cousinen oder Urgroßeltern und Urenkel – teilen rund ein Achtel ihrer DNA.
Diese genetischen Verbindungen zeichnen ein komplexes Bild der Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft von Ajvide – einer Gesellschaft, die ihre familiären Bande offenbar weit über das unmittelbare Zuhause hinaus pflegte.
Quelle: Universität Uppsala
Originalpublikation:
Mattila TM, Fraser M, Koelman J, Krzewińska M, Ivarsson-Aalders M, Götherström A, Jakobsson M, Storå J, Günther T, Wallin P & Malmström H. 2026 Genetic relatedness mattered in the co-burial ritual of Neolithic hunter–gatherers. Proc. R. Soc. B 292:20250813.