Besonders ins Auge fiel eine langovale Grube, etwa zwei Meter lang und bis zu 75 Zentimeter breit, die den südlichen Abschnitt des trapezförmigen Grabens nahezu rechtwinklig schnitt. Eine größere Steinplatte im Norden der Grube ließ zunächst auf ein Grab schließen. Doch beim weiteren Freilegen zeigte sich ein anderes Bild: Die Schichten der Verfüllung fielen schräg nach Norden ab und führten unerwartet tief in den hellen, festen Lössuntergrund hinein.
In der Verfüllung tauchten spätmittelalterliche Keramikfragmente, zahlreiche Steine und kleine Hohlräume auf. Bald wurde klar: Hier handelte es sich nicht um ein Grab, sondern um einen sogenannten Erdstall – ein unterirdisches, von Menschenhand geschaffenes Gangsystem.
Vollständig freigelegter Gang des Erdstalls mit Spitzgiebel und kleiner Nische in der Wandung. Ganghöhe um einen Meter, Breite 50 bis 70 Zentimeter.
© Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Ulf Petzschmann.
Solche Anlagen finden sich vor allem in Regionen mit kompakten, gut bearbeitbaren Böden wie Löss. Ihre Funktion liegt bis heute im Dunkeln: Die Deutungen reichen „von Verstecken bis hin zu Räumen für kultische Handlungen“.
Funde im unterirdischen Gangsystem
Das sorgfältige Freilegen der nördlichen Verfüllung brachte schließlich den Zugang zu einem schmalen, nach Nordwesten gekrümmten Gang ans Licht. Darin lagen ein Hufeisen, das Skelett eines Fuchses sowie zahlreiche Knochen kleiner Säugetiere. Ganz unten entdeckte das Grabungsteam eine dünne Holzkohleschicht. Da der darunterliegende Boden keine charakteristische Rotfärbung zeigte, gehen die Fachleute von den Spuren eines nur kurz brennenden Feuers aus.
Der Gang selbst war etwa einen Meter bis 1,25 Meter hoch, zwischen 50 und 70 Zentimetern breit und teilweise mit einem Spitzgiebel überdacht. Am schmalen Eingang fand sich eine auffällige Häufung größerer Steine, die möglicherweise auf ein absichtliches Verschließen hindeutet. Zudem war im Lössboden eine Stufe erkennbar, in der Wandung eine kleine Nische.
Zwischen Wiederauffindbarkeit und Zuflucht
Was aber bewog Menschen des Spätmittelalters dazu, gerade in einer steinzeitlichen Anlage einen Erdstall anzulegen? Eine Möglichkeit: Die markante, wohl noch obertägig sichtbare Struktur diente als Orientierungspunkt, um den Zugang später wiederzufinden. Ebenso denkbar ist, dass die Anlage bewusst in einen Ort mit uralten, vielleicht als heidnisch empfundenen Spuren hineingegraben wurde – einen Platz also, der von der Bevölkerung allgemein gemieden wurde und sich daher besonders gut für ein Versteck eignete.
Quelle Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt