Tell Abu Saifi: Neue Grabungsfunde präzisieren die Geschichte einer Grenzfestung am HoruswegBedeutender Fundplatz an Ägyptens Ostgrenze

Neue Ausgrabungen in Tell Abu Saifi im Osten Ägyptens liefern wichtige Erkenntnisse zur militärischen, religiösen und wirtschaftlichen Nutzung eines zentralen Standorts entlang der historischen Horus-Militärstraße. Die freigelegten Bauwerke, Straßen und Inschriften stärken zudem die Hypothese, dass die Stätte mit der in altägyptischen Quellen erwähnten Stadt Mesen identisch sein könnte.

Drei große, rechteckige Steinblöcke liegen nebeneinander auf sandigem Untergrund. Zwei der Steine sind an den Außenseiten mit gut erhaltenen, eingemeißelten Hieroglyphen bedeckt. In der Mitte liegt ein länglicher Gegenstand mit schwarz-weißen Streifen, der als Maßstab dient. Die Steine sind teilweise beschädigt und zeigen Spuren von Abnutzung.
Der Türsturz aus Sandstein mit dem hieroglyphischen Hinweis auf die Stadt Mesen© Ministerium für Tourismus und Altertümer Ägypten

Die archäologische Stätte Tell Abu Saifi in Qantara Ost gehört zu den wichtigsten Fundorten entlang der historischen Horus-Militärstraße, die über Jahrhunderte die östlichen Grenzen Ägyptens sicherte. Im Zuge der aktuellen Grabungskampagne hat eine ägyptische Archäologenmission eine Reihe bedeutender Befunde freigelegt, die neue Einblicke in die Entwicklung des Standorts und seine Rolle als militärisches, religiöses und wirtschaftliches Zentrum ermöglichen.

Die Arbeiten sind Teil eines langfristigen Forschungsprogramms zur Dokumentation archäologischer Stätten an den östlichen Grenzregionen Ägyptens und zur Rekonstruktion der historischen Infrastruktur entlang der Horusstraße.

Korrektur früherer Deutungen des Tempelbezirks

Zu den wichtigsten Ergebnissen der aktuellen Kampagne zählt die vollständige Untersuchung einer monumentalen Lehmziegelmauer mit Toranlagen, Innenräumen und mehreren Bauphasen. Die Analysen ergaben, dass es sich nicht um Teile des eigentlichen Tempels handelt, wie bislang teilweise angenommen wurde. Vielmehr identifizierten die Forscher die Struktur als Außenmauer des Heiligtums, das den Tempel umgab.

Diese Neubewertung erlaubt eine präzisere Rekonstruktion des ursprünglichen Grundrisses und liefert wichtige Hinweise zur baulichen Entwicklung der Anlage. Gleichzeitig ermöglicht sie eine bessere Einordnung früherer Grabungsbefunde und der zeitlichen Abfolge der verschiedenen Nutzungsphasen.

Hinweise auf die Identität des Fundortes

Besondere Bedeutung kommt den Erkenntnissen zur möglichen Identifizierung von Tell Abu Saifi mit der altägyptischen Stadt Mesen zu, die in Texten des Neuen Reiches erwähnt wird. Nach Angaben der Forscher stützen die aktuellen Funde diese Hypothese deutlich, auch wenn weitere Untersuchungen erforderlich sind, um eine endgültige Bestätigung zu erhalten.

Ein zentrales Beweisstück bildet die Hälfte eines monumentalen Türsturzes aus Sandstein. Das ursprünglich einteilige Bauelement trägt auf drei Seiten die Titel Ramses' II. sowie einen Text, der Restaurierungsarbeiten an einer Statue des Gottes „Horus, Herr der Stadt Mesen“ erwähnt. Dieser Fund gilt als wichtiger Anhaltspunkt für die Erforschung der historischen Identität des Ortes.

Zwei Straßen führen zum Tempel

Die Ausgrabungen brachten zudem die Überreste zweier übereinanderliegender Steinstraßen ans Licht, die vom Bereich außerhalb der Befestigungen direkt zum Tempel führten. Die ältere Straße stammt aus der Ptolemäerzeit, während eine schmalere römische Straße später über ihr angelegt wurde.

Darüber hinaus wurden weitere Teile des Tempelkomplexes freigelegt. Nördlich des Heiligtums kamen mehrere hintereinanderliegende Lagerräume zum Vorschein. Auf der Südseite wurden größere Wirtschaftsräume dokumentiert, die einst zum Allerheiligsten führten. Dieses zentrale Heiligtum wurde jedoch in spätantiker Zeit durch Steinabbau weitgehend zerstört.

Militärische Funktion über Jahrhunderte

Neben den architektonischen Strukturen förderten die Archäologen mehrere Fundstücke zutage, die den militärischen Charakter des Standorts verdeutlichen. Dazu gehört ein Fragment einer Schieferstatue aus der 26. Dynastie, das einen Heeresschreiber zeigt, der einen beschädigten Sarkophag trägt.

Weitere Funde umfassen eine kopf- und fußlose Statue aus der Spätzeit, den Torso einer königlichen Basaltstatue sowie Fragmente von Falkenstatuen aus Basalt und Kalkstein. Gemeinsam unterstreichen diese Objekte die administrative, militärische und religiöse Bedeutung des Fundortes.

Vom Tempelbezirk zum römischen Militärlager

Die Ergebnisse zeigen, dass Tell Abu Saifi während seiner langen Geschichte zahlreiche Umgestaltungen erfuhr. Seine architektonische Blütezeit erreichte der Tempelkomplex in der Ptolemäerzeit. Im 3. Jahrhundert n. Chr. wurden Teile der Anlage jedoch für militärische Zwecke umgenutzt und in ein römisches Lager, ein sogenanntes Castrum, integriert.

In der späten römischen Zeit wandelte sich die Funktion der Stätte erneut grundlegend. Der Ort wurde zu einem Kalksteinbruch umfunktioniert, dessen Materialien systematisch weiterverwendet wurden. Als Zeugnisse dieser Phase legte die Mission zwei große kreisförmige Brennöfen frei, die an den Ecken des ehemaligen Allerheiligsten errichtet worden waren. In ihrem Inneren fanden sich Reste gebrannten Kalksteins.

Schlüsselort entlang der Horus-Militärstraße

Die aktuellen Grabungsergebnisse zeichnen das Bild eines Ortes, dessen Bedeutung weit über eine einzelne Epoche hinausreichte. Tell Abu Saifi vereinte religiöse, militärische und wirtschaftliche Funktionen und spielte eine zentrale Rolle bei der Sicherung der östlichen Reichsgrenze Ägyptens.

Zugleich liefern die neuen Befunde wichtige Anhaltspunkte für die mögliche Lokalisierung der pharaonischen Stadt Mesen. Mit den geplanten weiteren Ausgrabungen hoffen die Forscher, zusätzliche archäologische Belege zu gewinnen und offene Fragen zur Identität und Entwicklung des Fundortes endgültig zu klären.

Quelle: Ministerium für Tourismus und Altertümer Ägypten

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