Die freigelegten Abdrücke stammen aus der späten Eisenzeit, einer Periode, die mit der römischen Expansion nach Norden und den frühen Siedlungsphasen der Pikten in Verbindung steht. Geologisch betrachtet lagen die Spuren in einer Schicht aus wasserundurchlässigem Lehm, die heute unter jüngeren Sandablagerungen verborgen ist.
Entdeckung und Erstmeldung
Entdeckt wurde die Fundstelle durch die Einwohner Ivor Campbell und Jenny Snedden, die nach einem Sturm am Strand spazierten. Campbell bemerkte auffällige Markierungen in einer aufgerissenen Lehmschicht und informierte umgehend Regionalarchäologe Bruce Mann. Nach Sichtung fotografischer Belege kontaktierte Mann die Universität Aberdeen, deren Archäologenteam unter Leitung von Professorin Kate Britton noch am selben Tag nach Angus reiste.
Dokumentation unter Extrembedingungen
Das Forschungsteam, bestehend aus Professor Gordon Noble, den Postdoktorandinnen und Postdoktoranden Dr. Will Mills und Dr. Elinor Graham sowie den Doktorandinnen Sarah Barakat, Tayla Sanders und Thomas Warrington, begann sofort mit der Sicherung der Abdrücke. Windgeschwindigkeiten von über 88 km/h und aufgewühlter Sand erschwerten die Arbeiten erheblich.
© University of Aberdeen
„Wir wussten, dass wir es mit einer wirklich seltenen Fundstätte zu tun hatten und dass diese Entdeckung eine einzigartige Momentaufnahme der Zeit bot – aber es war auch klar, dass das Meer sich bald wieder zurückholen würde, was erst vor kurzem enthüllt worden war“, sagte Britton.
Das Team fertigte unter Zeitdruck Gipsabdrücke, fotografische Aufnahmen und 3D-Dokumentationen an. Weniger als zwei Tage später war die gesamte Stätte infolge von Flut und Erosion zerstört.
Datierung und Analyse
Im Anschluss an die Feldarbeiten führten die Forschenden im Labor Radiokohlenstoffdatierungen durch. Dazu wurden Pflanzenreste analysiert, die unmittelbar unterhalb der Spurenschicht eingebettet waren. Die Datierung ergab ein Alter von etwa 2000 Jahren ± 50 Jahre, was die Entstehung der Spuren in der späten Eisenzeit (1. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr.) bestätigt.
Die Abdrücke zeigen menschliche Fußformen – vermutlich barfuß hinterlassen – sowie Tierfährten, die anhand morphologischer Merkmale Rothirschen, Rehen und kleineren Säugetieren zugeordnet werden können. Die räumliche Anordnung der Spuren legt nahe, dass sich mehrere Individuen gleichzeitig auf einer feuchten, schlammigen Fläche bewegt haben.
Rekonstruktion der damaligen Landschaft
Paläoökologische Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Lunan Bay vor 2000 Jahren kein Strand, sondern eine ästuarine Lagunenlandschaft mit periodisch überfluteten Lehmflächen war. Dr. Mills bemerkte hierzu: „Es ist äußerst selten, dass ein so empfindliches Zeugnis erhalten bleibt, das in nur wenigen Minuten entstanden und innerhalb weniger Stunden wieder zerstört wurde – eine Momentaufnahme dessen, was die Menschen vor Tausenden von Jahren taten.“
Die Befunde sprechen dafür, dass Menschen diesen Lebensraum zur Jagd auf Hirsche oder zum Sammeln essbarer Küstenpflanzen wie Meerfenchel nutzten. Damit liefert der Fund unmittelbare Hinweise auf prähistorische Subsistenzstrategien im maritimen Grenzraum zwischen Land und Wasser.
Digitale Rekonstruktion und Vermessung
In kurzen Phasen ruhigerer Witterung setzten die Forscher Drohnen ein, um orthogonale Luftbilder zu gewinnen. „Die Fotos ermöglichten es uns, die Fußabdrücke millimetergenau in 3D zu kartieren und so ein dauerhaftes Zeugnis zu schaffen, auch wenn die Stätte selbst inzwischen nicht mehr existiert“, erläuterte Dr. Graham.
Die 3D-Daten ermöglichen eine digitale Rekonstruktion der Geländetopographie, die sowohl für die archäologische Auswertung als auch für geomorphologische Studien zur Küstenerosion genutzt wird. Diese Informationen dienen künftig als Referenz für vergleichbare Fundstellen im Montrose-Becken, wo ähnliche Tonlagen erhalten sein könnten.
Quelle University of Aberdeen