Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Universität Tübingen hat in Bulgarien einen fossilen Oberschenkelknochen von Graecopithecus entdeckt, der rund 7,2 Millionen Jahre alt ist. Der Fund aus der Fundstelle Azmaka, nahe der Stadt Chirpan in der thrakischen Tiefebene, wurde im Fachjournal Palaeodiversity and Palaeoenvironments beschrieben. Er zeigt deutliche Anpassungen an den aufrechten Gang – ein Merkmal, das bislang ausschließlich afrikanischen Frühmenschen zugeschrieben wurde.
„Mit einem Alter von 7,2 Millionen Jahren könnte dieser Vorfahr, den wir der Gattung Graecopithecus zuordnen, der älteste bekannte Mensch sein“, sagt Professor David Begun von der Universität Toronto.
Ein Fund, der Fragen neu stellt
Bisher ging die Forschung davon aus, dass sich der aufrechte Gang vor etwa sechs Millionen Jahren in Afrika entwickelte. Der neue Fund könnte diese Sichtweise grundlegend verändern. Der Oberschenkelknochen aus Azmaka weist morphologische Merkmale auf, die klar für eine zweibeinige Fortbewegung sprechen – darunter einen verlängerten, aufrecht orientierten Oberschenkelhals und spezielle Ansatzstellen für die Gesäßmuskulatur.
Der Knochen stammt von einem etwa 24 Kilogramm schweren, vermutlich weiblichen Individuum. „Eine Reihe von äußeren und inneren morphologischen Merkmalen [...] weisen Ähnlichkeiten mit zweibeinigen fossilen Menschenvorläufern und Menschen auf“, erläutert Professor Nikolai Spassov vom bulgarischen Nationalmuseum für Naturgeschichte. Dennoch, so betont er, habe sich Graecopithecus nicht in der gleichen Weise bewegt wie der moderne Mensch.
Ein Bindeglied zwischen Affe und Mensch
Graecopithecus lebte in einer Savannenlandschaft nahe eines Flusslaufs – Bedingungen, wie sie auch in den frühesten ostafrikanischen Lebensräumen vermutet werden. „Graecopithecus stellt eine Stufe in der menschlichen Evolution zwischen unseren in Bäumen und auf dem Boden lebenden Vorfahren, wie zum Beispiel dem fast zwölf Millionen Jahre alten Danuvius guggenmosi aus der Hammerschmiede im Allgäu, und jüngeren Funden aus Ostafrika dar“, erklärt Begun.
Der Forscher bezeichnet den bulgarischen Vertreter als mögliches „fehlendes Bindeglied“. Nach der Studie stammen Graecopithecus und verwandte Arten vermutlich von den balkanisch-anatolischen Menschenaffen Ouranopithecus und Anadoluvius ab, die sich vor acht bis neun Millionen Jahren aus europäischen Vorfahren entwickelten.
Klima als Motor der Evolution
Die Forscher führen die Entstehung und Verbreitung dieser frühen Menschenaffen auch auf klimatische Veränderungen im östlichen Mittelmeerraum zurück. „Wir wissen, dass großräumige Klimaveränderungen [...] zum periodischen Entstehen ausgedehnter Halbwüsten und Wüsten führten. Diese Entwicklung initiierte mehrere Ausbreitungswellen eurasischer Säugetiere nach Afrika und legte den Grundstein der heutigen Säugetierfauna afrikanischer Savannen“, beschreibt Professorin Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment der Universität Tübingen.
Möglicherweise gehörte auch Graecopithecus zu jenen Arten, die sich vom Balkan nach Süden ausbreiteten. Diese Wanderbewegungen könnten sogar zur Trennung der Linien von Schimpansen, Gorillas und Menschen beigetragen haben.
Neue Perspektiven auf den Ursprung der Menschheit
Die Grabungen in Azmaka und an weiteren Fundstellen auf dem Balkan sollen nun fortgesetzt werden. Ziel ist es, zusätzliche Fossilien von Graecopithecus zu bergen und mehr über seine Lebensweise und evolutionäre Rolle zu erfahren. Sollte sich die Hypothese bestätigen, könnten die ältesten Wurzeln der menschlichen Evolution nicht in Afrika, sondern auf dem europäischen Kontinent liegen – ein Szenario, das das Bild vom Ursprung des Menschen nachhaltig verändern würde.
Quelle: Universität Tübingen
Originalpublikation:
Nikolai Spassov, Dionisios Youlatos, Madelaine Böhme, Ralitsa Bogdanova, Latin-ka Hristova, David R. Begun: An early form of terrestrial hominine bipedalism in the Late Miocene of Bulgaria. Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments,
https://doi.org/10.1007/s12549-025-00691-0