Neues Forschungsprojekt zum römischen Heiligtum von Nida

Im Herzen des antiken Nida – heute Frankfurt-Heddernheim – rückt eines der spannendsten archäologischen Areale Hessens erneut in den Fokus der Forschung. Für die Auswertung der Grabungen im großen römischen Heiligtum haben die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Schweizerische Nationalfonds (SNF) mehr als eine Million Euro bewilligt. In den kommenden drei Jahren soll ein internationales Team den außergewöhnlich gut erhaltenen Kultbezirk umfassend erforschen – ein bedeutender Schritt für die Römerarchäologie im Rhein-Main-Gebiet.

Steine unterschiedlicher Größe sind kreisförmig auf einem erdigen Untergrund angeordnet. Zwischen den Steinen liegen mehrere Knochenfragmente und grünlich oxidierte Metallobjekte. In der Mitte befindet sich ein weißliches Objekt, das wie ein weiteres Fundstück wirkt.
Zeugnisse vom Ende des Heiligtums? In einem Brunnen fand sich neben einer Statuette der Göttin Diana und einer auf den 9. September 246 n. Chr. datierten Weihinschrift für Merkur Alatheus auch ein menschliches Skelett. Münzen aus der Brunnenfüllung belegen, dass diese erst nach 249 n. Chr. entstanden sein kann© Denkmalamt Stadt Frankfurt

Das Projekt „Der zentrale Kultbezirk von Nida (Frankfurt a. M.-Heddernheim): interdisziplinäre Studien zu Raumgestaltung und Deponierungen“ wird gemeinsam von Institutionen in Frankfurt und Basel getragen: dem Archäologischen Museum Frankfurt (Dr. Carsten Wenzel), der Goethe-Universität Frankfurt (Prof. Anja Klöckner, Prof. Markus Scholz, Prof. Astrid Stobbe) sowie dem Institut für Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Basel (Dr. Barbara Stopp, † Prof. Sabine Deschler-Erb).

Als Partner wirken das Denkmalamt der Stadt Frankfurt und die Römisch-Germanische Kommission (RGK) des Deutschen Archäologischen Instituts mit. Bei einer Pressekonferenz im Archäologischen Museum wurde das von der DFG und dem SNF geförderte Vorhaben offiziell vorgestellt.

Frankfurts Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig betont:

„Der zentrale Kultbezirk von Nida ist ein archäologischer Befund von europaweit nahezu einzigartiger Bedeutung. [...] Das Projekt zeigt beispielhaft, wie leistungsfähig unser Wissenschaftsstandort ist, wenn Museum, Universitäten, außeruniversitäre Forschungsinstitutionen und Denkmalpflege eng zusammenarbeiten und Forschung sichtbar in die Stadtgesellschaft tragen.“

Entdeckung bei Schulneubau

Die Entdeckung des Kultbezirks gelang Archäologen des Frankfurter Denkmalamts zwischen 2016 und 2018 sowie erneut 2022 – ausgelöst durch Bauarbeiten für die neue „Römerstadtschule“ in der Nordweststadt. Auf über 4.500 Quadratmetern wurde ein von Mauern umgebenes Areal freigelegt, das nahezu vollständig untersucht und dokumentiert werden konnte.

„Der neu entdeckte Kultbezirk der römischen Stadt Nida ist eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen der vergangenen Jahre in Frankfurt“, erklärt Planungsdezernent Marcus Gwechenberger. Die Förderung sei nicht nur eine Anerkennung der Arbeit des Denkmalamts, sondern auch ein Beispiel dafür, „wie sich Vergangenheit und Zukunft in unserer Stadt konkret verbinden“.

Zeugnisse römischer Kultpraxis

Das Areal umfasst elf in mehreren Bauphasen errichtete Steinbauten, rund 70 Schächte und zehn rituelle Gruben.

Ein rechteckiger, ausgehobener Grabungsschnitt mit senkrechten Wänden zeigt mehrere dunkle, rechteckige Verfärbungen im hellen Boden. Links liegt ein rot-weiß gestreifter Messstab zur Maßstabsangabe. Die Erdschichten sind klar voneinander abgegrenzt.
Die zahlreichen (Kult-)Gruben im Kultbezirk von Nida überlagern sich teilweise. Sie wurden offensichtlich zu unterschiedlichen Zeitpunkten angelegt. Vermutlich wurden in ihnen die Überreste von Opferhandlungen und von Kultmahlzeiten vergraben © Denkmalamt Stadt Frankfurt
Ihre Architektur ist ungewöhnlich und findet keine direkten Parallelen in den germanischen und gallischen Provinzen. Mehr als 5.000 Fragmente bemalter Wandverputze und bronzene Beschläge zeugen von einer aufwendigen Ausstattung.

In Schächten und Gruben stießen Archäologen auf Keramikgefäße, Tier- und Pflanzenreste – vermutlich Überbleibsel kultischer Opfer und Gelage. Etwa 150 Proben wurden für archäobotanische und archäozoologische Analysen entnommen.

Besonders aufschlussreich sind 254 römische Münzen und über 70 Fibeln aus Silber und Bronze, die als Weihegaben interpretiert werden. Hinweise auf mögliche Menschenopfer geben dem Befund zusätzliche Brisanz.

Rautenförmiges Metallobjekt mit grünlichen Einlagen aus Emaille. Das Metall ist korrodiert
Eine der ungewöhnlichen Fibeln aus dem Kultbezirk von Nida ist diese sechseckige, bronzene Gewandspange. Ihre Form und Einlagearbeit in Emaille erinnern an die Schilde römischer Soldaten © Martins / AMF

Zu den belegten Gottheiten zählen Jupiter, Jupiter Dolichenus, Mercurius Alatheus, Diana, Apollon und die keltisch-römische Epona – ein Indiz für die überregionale Bedeutung des Heiligtums. Errichtet wurde es zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. und bestand nach einer Inschrift mindestens bis 246 n. Chr.

Ein würfelförmiger, grünlich-brauner Stein mit einer Inschrift auf der Vorderseite. Die Buchstaben sind in mehreren Zeilen eingraviert und gut lesbar. Auf der Oberseite liegt ein abgebrochenes Objekt, der Fuß einer nicht erhaltenen Statue. Die Oberfläche zeigt deutliche Alterungsspuren und Patina.
Die bislang jüngste Inschrift aus dem Stadtgebiet von Nida fand sich in einem Brunnen des Kultbezirks: Weihung eines Soldaten der in Mainz stationierten 22. Legion für den Gott Merkur Alatheus vom 9. September 246 n. Chr. © Martins / AMF

Interdisziplinäre Forschung in neuer Tiefe

Mit dem mehrjährigen Forschungsprojekt sollen die Baustrukturen, Deponierungen und rituellen Praktiken des Heiligtums detailliert untersucht werden. Ziel ist es, den Nidaer Kultbezirk in die Sakrallandschaft der römischen Nordwestprovinzen einzuordnen.

Die enge Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Universitäten, Museen und Forschungsinstitutionen gilt als beispielhaft. Fünf Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler werden im Rahmen von Promotions- und Postdocstellen an verschiedenen Schwerpunkten arbeiten.

Frankfurt als Zentrum römischer Forschung

Die Erforschung von Nida hat in Frankfurt Tradition: Seit Jahrzehnten liefert das Denkmalamt regelmäßig neue Erkenntnisse zur römischen Stadtentwicklung. Nur ein Jahr nach der Präsentation der „Frankfurter Silberinschrift“, des ältesten christlichen Schriftzeugnisses nördlich der Alpen, rückt nun der römische Kult im Zentrum der antiken Stadt erneut ins Licht.

Nida, einst aus einem militärischen Posten des 1. Jahrhunderts entstanden, entwickelte sich im 2. Jahrhundert n. Chr. zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Limesregion – und gehört bis heute zu den bedeutendsten Fundorten der Römerzeit in Deutschland.

Quelle: Archäologisches Museum Frankfurt

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