Das Projekt „Der zentrale Kultbezirk von Nida (Frankfurt a. M.-Heddernheim): interdisziplinäre Studien zu Raumgestaltung und Deponierungen“ wird gemeinsam von Institutionen in Frankfurt und Basel getragen: dem Archäologischen Museum Frankfurt (Dr. Carsten Wenzel), der Goethe-Universität Frankfurt (Prof. Anja Klöckner, Prof. Markus Scholz, Prof. Astrid Stobbe) sowie dem Institut für Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Basel (Dr. Barbara Stopp, † Prof. Sabine Deschler-Erb).
Als Partner wirken das Denkmalamt der Stadt Frankfurt und die Römisch-Germanische Kommission (RGK) des Deutschen Archäologischen Instituts mit. Bei einer Pressekonferenz im Archäologischen Museum wurde das von der DFG und dem SNF geförderte Vorhaben offiziell vorgestellt.
Frankfurts Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig betont:
„Der zentrale Kultbezirk von Nida ist ein archäologischer Befund von europaweit nahezu einzigartiger Bedeutung. [...] Das Projekt zeigt beispielhaft, wie leistungsfähig unser Wissenschaftsstandort ist, wenn Museum, Universitäten, außeruniversitäre Forschungsinstitutionen und Denkmalpflege eng zusammenarbeiten und Forschung sichtbar in die Stadtgesellschaft tragen.“
Entdeckung bei Schulneubau
Die Entdeckung des Kultbezirks gelang Archäologen des Frankfurter Denkmalamts zwischen 2016 und 2018 sowie erneut 2022 – ausgelöst durch Bauarbeiten für die neue „Römerstadtschule“ in der Nordweststadt. Auf über 4.500 Quadratmetern wurde ein von Mauern umgebenes Areal freigelegt, das nahezu vollständig untersucht und dokumentiert werden konnte.
„Der neu entdeckte Kultbezirk der römischen Stadt Nida ist eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen der vergangenen Jahre in Frankfurt“, erklärt Planungsdezernent Marcus Gwechenberger. Die Förderung sei nicht nur eine Anerkennung der Arbeit des Denkmalamts, sondern auch ein Beispiel dafür, „wie sich Vergangenheit und Zukunft in unserer Stadt konkret verbinden“.
Zeugnisse römischer Kultpraxis
Das Areal umfasst elf in mehreren Bauphasen errichtete Steinbauten, rund 70 Schächte und zehn rituelle Gruben.
Die zahlreichen (Kult-)Gruben im Kultbezirk von Nida überlagern sich teilweise. Sie wurden offensichtlich zu unterschiedlichen Zeitpunkten angelegt. Vermutlich wurden in ihnen die Überreste von Opferhandlungen und von Kultmahlzeiten vergraben
© Denkmalamt Stadt Frankfurt
Ihre Architektur ist ungewöhnlich und findet keine direkten Parallelen in den germanischen und gallischen Provinzen. Mehr als 5.000 Fragmente bemalter Wandverputze und bronzene Beschläge zeugen von einer aufwendigen Ausstattung.
In Schächten und Gruben stießen Archäologen auf Keramikgefäße, Tier- und Pflanzenreste – vermutlich Überbleibsel kultischer Opfer und Gelage. Etwa 150 Proben wurden für archäobotanische und archäozoologische Analysen entnommen.
Besonders aufschlussreich sind 254 römische Münzen und über 70 Fibeln aus Silber und Bronze, die als Weihegaben interpretiert werden. Hinweise auf mögliche Menschenopfer geben dem Befund zusätzliche Brisanz.
Eine der ungewöhnlichen Fibeln aus dem Kultbezirk von Nida ist diese sechseckige, bronzene Gewandspange. Ihre Form und Einlagearbeit in Emaille erinnern an die Schilde römischer Soldaten
© Martins / AMF
Zu den belegten Gottheiten zählen Jupiter, Jupiter Dolichenus, Mercurius Alatheus, Diana, Apollon und die keltisch-römische Epona – ein Indiz für die überregionale Bedeutung des Heiligtums. Errichtet wurde es zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. und bestand nach einer Inschrift mindestens bis 246 n. Chr.
Die bislang jüngste Inschrift aus dem Stadtgebiet von Nida fand sich in einem Brunnen des Kultbezirks: Weihung eines Soldaten der in Mainz stationierten 22. Legion für den Gott Merkur Alatheus vom 9. September 246 n. Chr.
© Martins / AMF
Interdisziplinäre Forschung in neuer Tiefe
Mit dem mehrjährigen Forschungsprojekt sollen die Baustrukturen, Deponierungen und rituellen Praktiken des Heiligtums detailliert untersucht werden. Ziel ist es, den Nidaer Kultbezirk in die Sakrallandschaft der römischen Nordwestprovinzen einzuordnen.
Die enge Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Universitäten, Museen und Forschungsinstitutionen gilt als beispielhaft. Fünf Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler werden im Rahmen von Promotions- und Postdocstellen an verschiedenen Schwerpunkten arbeiten.
Frankfurt als Zentrum römischer Forschung
Die Erforschung von Nida hat in Frankfurt Tradition: Seit Jahrzehnten liefert das Denkmalamt regelmäßig neue Erkenntnisse zur römischen Stadtentwicklung. Nur ein Jahr nach der Präsentation der „Frankfurter Silberinschrift“, des ältesten christlichen Schriftzeugnisses nördlich der Alpen, rückt nun der römische Kult im Zentrum der antiken Stadt erneut ins Licht.
Nida, einst aus einem militärischen Posten des 1. Jahrhunderts entstanden, entwickelte sich im 2. Jahrhundert n. Chr. zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Limesregion – und gehört bis heute zu den bedeutendsten Fundorten der Römerzeit in Deutschland.
Quelle: Archäologisches Museum Frankfurt