Neue archäologische Entdeckungen in Ägypten: Drei Grabungsstätten offenbaren vielfältige Epochen

Von einer Lehmziegelstadt des 18. Jahrhunderts über Tempelreste des späten Pharaonenreiches bis hin zu Felsengräbern des Alten Reiches: Drei aktuelle Ausgrabungsprojekte in Ägypten verdichten das Bild einer vielschichtigen Kulturlandschaft entlang des Nils.

Vor einer sandfarbenen, steinernen Wand liegen zahlreiche Tongefäße und Kugeln in mehreren Reihen auf dem Boden. Die Gefäße variieren in Größe und Form, einige sind bauchig, andere zylindrisch. Die Anordnung wirkt geordnet, die Oberfläche der Gefäße ist matt und zeigt unterschiedliche Farbtöne von hell bis dunkelbraun. Der Boden besteht aus feinem, gelbem Sand.
Keramikgefäße verschiedener Größen und Formen aus der Zeit des Alten Reiches (Fundort Qubbet el-Hawa in Assuan)© Ministerium für Tourismus und Altertümer

Eine Wohnstadt des 18. Jahrhunderts

Im Dorf Al-Arki im Gouvernement Qena gelang es einer ägyptisch-französischen Expedition, Teile einer Wohnstadt aus Lehmziegeln aus dem 18. Jahrhundert n. Chr. freizulegen, der Regierungszeit von Scheich al-Arab Hammam. Die Siedlung umfasst mindestens sechs Häuser mit angrenzenden Nebengebäuden sowie ein angrenzendes Industrieareal; einige der Bauten waren mit Lehmziegelkuppeln, andere mit Palmstämmen gedeckt. Im Inneren fanden sich Spuren von Kalkfarbe an den Wänden, was auf eine bewusste Gestaltung der Wohnräume hinweist.

Herr Sherif Fathy, Minister für Tourismus und Altertümer, lobte die Zusammenarbeit zwischen der ägyptischen und der französischen Seite und betonte, dass das Projekt darauf abziele, „die Natur und Geschichte des Ortes zu erschließen und ihn zu erhalten, um ihn für seine Sanierung und Aufnahme in die touristische Landkarte vorzubereiten“. Die Lage auf halber Strecke zwischen Dendera und Abydos unterstreicht das Potential der Stätte als zukünftigen Haltepunkt auf der kulturellen Reiseroute durch Oberägypten.

Zeugnisse eines lebendigen Alltags

Die geborgenen Funde zeichnen ein detailreiches Bild des Alltagslebens. Zu den Objekten zählen Bronzemünzen, Keramikfragmente, Kinderspielzeug, Schmuck, Textilreste und weitere kleine Gegenstände, die auf handwerkliche und häusliche Tätigkeiten hindeuten. Dr. Hisham El-Leithy, Generalsekretär des Obersten Rates für Altertümer, hob hervor, dass die Entdeckung angesichts der „Knappheit an Informationen“ zu dieser Region in den historischen Quellen eine neue Grundlage für das Verständnis menschlicher Aktivitäten in Oberägypten schafft.

Parallel zu den Ausgrabungen werden vor Ort Feldtrainingsprogramme für Inspektoren und Restauratoren durchgeführt. Sie umfassen Ausgrabungs- und Dokumentationsmethodik, die Restaurierung von Lehmziegelarchitektur sowie Konservierungstechniken für Funde, was die Stätte auch zu einem Lernlabor für den archäologischen Nachwuchs macht.

Ein byzantinischer Friedhof unter der Stadt

Besondere Aufmerksamkeit erregte ein Kalksteinsarkophagdeckel aus byzantinischer Zeit, der als Pflasterstein vor einem Stadteingang wiederverwendet worden war. Seine ungewöhnliche Position veranlasste die Mission um Dr. Ahmed Shawky zu einer geophysikalischen Untersuchung des Geländes. Auf dieser Basis ließ sich ein koptischer Friedhof unterhalb der Wohnstadt nachweisen, der mehrere Gräber aus byzantinischer Zeit umfasst.

Die Bestattungen folgen zwei Hauptformen: einfache Erdbestattungen und Gräber, die von Lehmziegelmauern umschlossen sind. Keramikscherben, Leinentücher und reich verzierte Tuniken im koptischen Stil – geschmückt mit floralen, geometrischen und tierischen Motiven, Kreuzen sowie koptischen Symbolen und Buchstaben – veranschaulichen die Begräbniskultur der Gemeinde. Ein Kupfersiegel, das zur Verzierung von Kuchen diente, weist darüber hinaus auf rituelle oder festliche Praktiken hin.

Bioarchäologie und historische Einordnung

Bioarchäologische Untersuchungen an den Skeletten – etwa 23 Individuen, Männer, Frauen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene – sollen Aufschluss über Ernährung, Altersstruktur, Geschlecht und Gesundheitszustand der Bestatteten geben. Hinweise auf Mumifizierungspraktiken an einigen Individuen deuten auf komplexe Vorstellungen vom Körper und Jenseits hin.

Tempelreste des Pharaos Apries in Mit Rahina

In Tell Aziz, im östlichen Teil des Gebiets Mit Rahina im Gouvernement Gizeh, hat eine gemeinsame ägyptisch-chinesische Mission ein Kalksteingebäude freigelegt, das wahrscheinlich den Überresten des Tempels von König Apries aus der 26. Dynastie zuzuordnen ist. Bereits in früheren Grabungskampagnen waren Teile dieses Tempels identifiziert worden, nun verdichten die neuen Befunde das Bild.

Stadtplanung und Kult in der Spätzeit

Dr. Hisham El-Leithy unterstrich, dass die Funde wesentlich dazu beitragen, die Stadtplanung von Memphis sowie religiöse Praktiken in der Spätzeit und in der griechisch-römischen Epoche besser zu verstehen. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass der südliche Teil von Tell Aziz zum Kerngebiet der antiken Metropole gehörte und der Tempel von der 26. Dynastie bis in die römische Zeit genutzt wurde.

Ein bräunlicher, unregelmäßig geformter Steinblock liegt auf einer dunklen Unterlage. Die Oberfläche zeigt eingravierte Zeichen und Symbole, darunter Kreise und Linien. Vor dem Stein befindet sich eine Messlatte mit abwechselnd schwarzen und weißen Feldern. Im Hintergrund ist eine helle, glatte Fläche sichtbar.
Steinfragment mit Kartusche (Fundort Mit Rahina) © Ministerium für Tourismus und Altertümer
Die Ausgrabung förderte fünf kopflose Sphinxstatuen zutage, dazu Steinblöcke mit Hieroglypheninschriften des Gottes Ptah und Blöcke mit der Kartusche von König Apries. Keramik- und Glasgefäße, Kupfermünzen und weitere Kleinfunde ergänzen das Bild einer langfristig genutzten Kult- und Verwaltungslandschaft.

Memphis als langzeitiger Macht- und Kultort

Für die kommenden Grabungssaisons kündigte Dr. Zhang Hai, Leiter der chinesischen Mission, an, weitere architektonische und archäologische Elemente freizulegen, um die Geschichte dieses wichtigen Areals genauer zu dokumentieren. Er betonte die besondere Stellung von Memphis, das am Übergang vom Niltal zum Delta und zwischen östlicher und westlicher Wüste liegt und über beinahe drei Jahrtausende hinweg als zentrales administratives, wirtschaftliches und religiöses Zentrum fungierte.

Mit den neuen Befunden in Tell Aziz verdichten sich die materiellen Spuren dieser langen Nutzungsgeschichte. Zugleich schärfen sie das Verständnis dafür, wie spätzeitliche Herrscher wie Apries ihre Legitimation im Schatten älterer Kulttraditionen inszenierten.

Felsengräber des Alten Reiches in Qubbet el-Hawa 

In Qubbet el-Hawa bei Assuan hat die ägyptische archäologische Mission des Obersten Rates für Altertümer eine Gruppe von Felsengräbern aus der Zeit des Alten Reiches freigelegt, die Brunnen und Grabkammern enthalten. Die Entdeckung reiht sich ein in eine Serie jüngerer Funde, die die Stätte als Schlüsselregion für die Geschichte Oberägyptens profilieren.

Dr. Hisham El-Leithy hob hervor, dass die neu entdeckten Gräber zwar aus dem Alten Reich stammen, in der Ersten Zwischenzeit und im Mittleren Reich jedoch wiederverwendet wurden. Diese lange Nutzungsdauer unterstreicht die herausgehobene Stellung von Qubbet el-Hawa als Nekropole über mehrere Epochen hinweg. Die laufende Dokumentation und wissenschaftliche Auswertung entspricht der Rolle des Obersten Rates für Altertümer als forschungsorientierte Institution.

In zwei freigelegten Grabkammern fanden die Archäologen rund 160 Keramikgefäße unterschiedlicher Größe und Form aus der Zeit des Alten Reiches. Die meisten Gefäße sind gut erhalten und tragen Inschriften in hieratischer Schrift; nach ersten Einschätzungen dienten sie der Aufbewahrung von Flüssigkeiten und Getreide.

Schmuck und persönliche Objekte

Im äußeren Hof der Gräber trat zudem eine reiche Schmucksammlung aus dem Mittleren Reich zutage: Bronzespiegel, Alabastergefäße mit Kohl, farbige Perlenketten und unterschiedliche Amulette. Solche Objekte deuten auf den sozialen Status der Bestatteten und auf komplexe Jenseitsvorstellungen, die den Toten mit einer Kombination aus praktischen und symbolischen Gegenständen ausstatteten.

Die Mission setzt ihre Arbeiten in Qubbet el-Hawa fort, um weitere Gräber und Funde zu erschließen. Die Stätte, die Gräber vom Beginn des Alten Reiches bis in die griechisch-römische Zeit umfasst, bleibt damit ein zentrales Forschungsfeld für die Entwicklung von Elitekultur und Bestattungsritualen am oberen Nil.

Quelle Ministerium für Tourismus und Altertümer Ägypten

 
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