Mit der Nase durch die Geschichte: Wie Forscher die Düfte der Vergangenheit rekonstruieren

Eine aktuelle Studie zeigt, wie sich biomolekulare Daten aus archäologischen Funden in wissenschaftlich fundierte Duftrekonstruktionen übersetzen lassen. Diese Forschung eröffnet Museen und Kultureinrichtungen neue Perspektiven für Storytelling, Wissensvermittlung und immersive Ausstellungserlebnisse.

Mehrere Personen stehen in einem Ausstellungsraum vor einer Vitrine mit historischen Objekten. Die Vitrine enthält verschiedene helle Artefakte, darunter Gefäße, Figuren und Schmuckstücke. Die Wände sind türkisfarben, und links hängt ein gerahmtes Bild oder eine Informationstafel. Die Personen betrachten die Ausstellungsstücke aufmerksam und riechen an einer Karte, die sie vor die Nase halten.
Besucher riechen an der Karte „Der Duft des Jenseits” während einer Führung im Museum August Kestner, Hannover© Quelle: Ulrike Dubiel | Copyright: Ehrich SC, Calvez C, Loeben CE, Dubiel U, Terp Laursen S and Huber B(2026) From biomolecular traces to multisensory experiences

Fortschritte in der biomolekularen Archäologie belegen, dass historische Objekte mehr als nur sichtbare Zeugnisse vergangener Zeiten sind. Sie bewahren auch molekulare Fingerabdrücke alter Duft- und Aromapraktiken. Diese chemischen Spuren erlauben Einblicke in Parfümerie, Medizin, Rituale und Alltagskulturen früherer Gesellschaften – Dimensionen des Lebens, die bisher schwer zugänglich waren.

Von Molekülen zu Museumsdüften

Ein interdisziplinäres Forschungsteam unter der Leitung der Archäochemikerin Barbara Huber (Max-Planck-Institut für Geoanthropologie und Universität Tübingen) untersucht, wie solche molekularen Daten für die museale Vermittlung nutzbar gemacht werden können. Das Team entwickelte ein Rahmenkonzept, das chemische Analysen in erfahrbare Dufterlebnisse überträgt.

„Diese Forschung markiert einen wichtigen Schritt darin, wie wissenschaftliche Ergebnisse über Fachpublikationen hinaus vermittelt und für die Öffentlichkeit erfahrbar gemacht werden können“, erläutert Huber.

Das olfaktorische Briefing: Eine Brücke zwischen Wissenschaft und Parfumkunst

Kern des Projekts ist das sogenannte olfaktorische Briefing – ein Konzept, das wissenschaftliche Befunde in Duftsprache übersetzt. Huber entwickelte es gemeinsam mit Sofia Collette Ehrich, Beraterin für duftbasiertes Storytelling. Anschließend setzte die Parfümeurin Carole Calvez die Ergebnisse in konkrete Duftkompositionen um, die die Atmosphäre vergangener Zeiten in musealen Kontexten erlebbar machen.

„Die eigentliche Herausforderung besteht darin, den Duft als Ganzes zu denken“, erklärt Calvez. „Biomolekulare Daten liefern entscheidende Hinweise, doch die Aufgabe der Parfümeurin ist es, chemische Informationen in ein vollständiges und stimmiges olfaktorisches Erlebnis zu übersetzen, das die Komplexität des ursprünglichen Materials erfahrbar macht – und nicht nur seine einzelnen Bestandteile.“

Duftkarten und Diffusionsstationen im Museum

Zur Demonstration entwickelten die Forschenden zwei Präsentationsformate: eine tragbare Duftkarte und eine fest installierte Duftdiffusionsstation. Beide kamen im Projekt “The Scent of the Afterlife” („Der Duft der Ewigkeit“) zum Einsatz – einer Duftinterpretation des altägyptischen Mumifizierungsprozesses.

Im Museum August Kestner in Hannover, das die zugehörigen Artefakte beherbergt, wurde die Duftkarte rasch Teil der Führungen. „Der Duft eröffnet einen neuen Zugang zur Mumifizierung, weg von Schreckensbildern und Klischees aus Horrorfilmen, hin zu einem Verständnis der dahinterstehenden Praktiken und ihrer Bedeutung”, berichten Christian E. Loeben und Ulrike Dubiel, Kurator:innen der ägyptischen Sammlung.

Auch im Moesgaard Museum im dänischen Aarhus kam die Duftstation in der Ausstellung “Ancient Egypt – Obsessed with Life” zum Einsatz. „Die Duftstation hat das Verständnis der Besucherinnen und Besucher für die Einbalsamierung grundlegend verändert“, erläutert Kurator Steffen Terp Laursen. „Der Geruch ergänzte eine emotionale und sensorische Dimension, die durch Texte allein niemals vermittelbar sind.“

Sensorische Archäologie als Zukunft der Vermittlung

Die Studie zeigt eindrucksvoll, wie molekulare Spuren der Vergangenheit in kulturell sinnstiftende Erfahrungen transformiert werden können. Wissenschaft und Kunst greifen hier nahtlos ineinander, um Geschichte nicht nur sichtbar, sondern auch riechbar zu machen.

„Unser Ziel ist es, Museen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen Besucher:innen Umgebungen und Praktiken der Vergangenheit durch sensorische Interpretation und deren Einbindung nähergebracht werden können“, fasst Sofia Collette Ehrich zusammen.

Quelle Max-Planck-Institut für Geoanthropologie

Originalpublikation:

Sofia Collette Ehrich, Carole Calvez, Christian E. Loeben, Ulrike Dubiel, Steffen Terp Laursen and Barbara Huber From Biomolecular Traces to Multisensory Experiences: Bringing Scent Reproductions to Museums and Cultural Heritage Frontiers in Environmental Archaeology DOI: 10.3389/fearc.2025.1736875
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