Ein internationales Forschungsteam um Jaruschka Pecnik und Shevan Wilkin hat dazu den Zahnstein – also mineralisierte Zahnbeläge – von 28 Menschen untersucht, die an den Fundorten Bilsk und Mamai-Gora in der heutigen Ukraine bestattet wurden. Zahnstein wirkt wie ein biologisches Archiv: Er bildet sich über Jahre hinweg und konserviert mikroskopisch kleine Überreste der einst konsumierten Nahrung.
Mithilfe sogenannter paläoproteomischer Analysen, einer modernen Methode zur Identifizierung uralter Eiweiße, konnten die Forscher die Herkunft der Milchproteine bestimmen. Das Ergebnis: Die Skythen tranken und verarbeiteten Milchprodukte verschiedener Wiederkäuer. Besonders bemerkenswert ist der Fund von Pferdemilchproteinen in einer der Proben – ein erster direkter Nachweis, der jahrhundertelange Vermutungen aus historischen Quellen bestätigt.
Eine neue Perspektive auf die Pferdekultur
„Der Nachweis von Pferdemilch in menschlichem Zahnstein aus der Eisenzeit ist ein bedeutender Befund“, betont Jaruschka Pecnik, Erstautorin der im Fachjournal PLOS One erschienenen Studie. „Er zeigt, dass Pferde im Alltag der Skythen nicht nur Transport- und Kriegstiere waren, sondern zumindest gelegentlich auch eine Nahrungsquelle.“
Dass der Befund bislang nur bei einer Person nachgewiesen wurde, wirft neue Fragen auf. Handelt es sich um eine zufällige Erhaltungsspur oder spiegeln sich darin kulturelle Unterschiede, etwa soziale Hierarchien oder regionale Traditionen, wider? Die Forschenden halten beides für denkbar.
Zahnstein als Archiv des Alltags
Auch methodisch markiert die Untersuchung einen wichtigen Fortschritt. „Zahnstein ist ein bemerkenswertes Reservoir persönlicher Geschichte“, erklärt die Studienleiterin Shevan Wilkin. „Da sich Zahnbelag während des gesamten Lebens eines Menschen schrittweise bildet und mineralisiert, erlaubt er uns einen sehr direkten Blick auf tatsächlich konsumierte Nahrungsmittel – jenseits allgemeiner Annahmen über Lebensweisen oder Wirtschaftsformen.“
Diese Perspektive eröffnet künftig neue Möglichkeiten, die Alltagspraktiken vergangener Kulturen differenzierter zu verstehen. Zugleich bleibt die aktuelle Studie ein Ausgangspunkt: Sie legt den Grundstein für weitere Analysen, die regionale Unterschiede oder soziale Faktoren erfassen könnten.
Quelle: Universität Basel
Originalpublikation:
Pecnik J, Ventresca Miller AR, Panse C, Kunz L, Dittmann A, Johnson JA, et al. (2026) Paleo-proteomic analysis of Iron Age dental calculus provides direct evidence of Scythian reliance on ruminant dairy. PLoS One 21(1): e0339464. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0339464