Milch, Macht und Mobilität – was Zahnstein über die Skythen verrät

Die Skythen galten jahrhundertelang als Inbegriff nomadischer Steppenreiter: unabhängige Krieger, die mit ihren Pferden durch die Weiten Eurasiens zogen. In den letzten Jahren haben wissenschaftliche Untersuchungen dieses vereinfachte Narrativ jedoch infrage gestellt. Eine aktuelle Studie der Universitäten Basel und Zürich liefert nun erstmals direkte Belege für die Ernährung dieser Kultur der Eisenzeit: Auf dem Speiseplan der Skythen stand nicht nur die Milch von Rindern, Schafen und Ziegen, sondern auch die von Pferden.

Relief mit einer seitlich dargestellten männlichen Figur in typischer Gewandung. Die Figur trägt ein gemustertes, knielanges Gewand und eine spitz zulaufende Kopfbedeckung. In der linken Hand hält sie einen langen Speer, in der rechten eine Axt. Ein Köcher mit Pfeilen hängt am Rücken. Die Umrisse und Details sind klar herausgearbeitet, der Hintergrund ist glatt. Das Relief ist rechteckig und an den Rändern eingerahmt.
Flachrelief eines skythischen Kriegers mit Axt, Bogen und Speer, Marmor, 4.-2. Jahrhundert v. Chr.© Walters Art Museum; Creative Commons License

Ein internationales Forschungsteam um Jaruschka Pecnik und Shevan Wilkin hat dazu den Zahnstein – also mineralisierte Zahnbeläge – von 28 Menschen untersucht, die an den Fundorten Bilsk und Mamai-Gora in der heutigen Ukraine bestattet wurden. Zahnstein wirkt wie ein biologisches Archiv: Er bildet sich über Jahre hinweg und konserviert mikroskopisch kleine Überreste der einst konsumierten Nahrung.

Mithilfe sogenannter paläoproteomischer Analysen, einer modernen Methode zur Identifizierung uralter Eiweiße, konnten die Forscher die Herkunft der Milchproteine bestimmen. Das Ergebnis: Die Skythen tranken und verarbeiteten Milchprodukte verschiedener Wiederkäuer. Besonders bemerkenswert ist der Fund von Pferdemilchproteinen in einer der Proben – ein erster direkter Nachweis, der jahrhundertelange Vermutungen aus historischen Quellen bestätigt.

Eine neue Perspektive auf die Pferdekultur

„Der Nachweis von Pferdemilch in menschlichem Zahnstein aus der Eisenzeit ist ein bedeutender Befund“, betont Jaruschka Pecnik, Erstautorin der im Fachjournal PLOS One erschienenen Studie. „Er zeigt, dass Pferde im Alltag der Skythen nicht nur Transport- und Kriegstiere waren, sondern zumindest gelegentlich auch eine Nahrungsquelle.“

Dass der Befund bislang nur bei einer Person nachgewiesen wurde, wirft neue Fragen auf. Handelt es sich um eine zufällige Erhaltungsspur oder spiegeln sich darin kulturelle Unterschiede, etwa soziale Hierarchien oder regionale Traditionen, wider? Die Forschenden halten beides für denkbar.

Zahnstein als Archiv des Alltags

Auch methodisch markiert die Untersuchung einen wichtigen Fortschritt. „Zahnstein ist ein bemerkenswertes Reservoir persönlicher Geschichte“, erklärt die Studienleiterin Shevan Wilkin. „Da sich Zahnbelag während des gesamten Lebens eines Menschen schrittweise bildet und mineralisiert, erlaubt er uns einen sehr direkten Blick auf tatsächlich konsumierte Nahrungsmittel – jenseits allgemeiner Annahmen über Lebensweisen oder Wirtschaftsformen.“

Diese Perspektive eröffnet künftig neue Möglichkeiten, die Alltagspraktiken vergangener Kulturen differenzierter zu verstehen. Zugleich bleibt die aktuelle Studie ein Ausgangspunkt: Sie legt den Grundstein für weitere Analysen, die regionale Unterschiede oder soziale Faktoren erfassen könnten.

Quelle: Universität Basel

Originalpublikation:

Pecnik J, Ventresca Miller AR, Panse C, Kunz L, Dittmann A, Johnson JA, et al. (2026) Paleo-proteomic analysis of Iron Age dental calculus provides direct evidence of Scythian reliance on ruminant dairy. PLoS One 21(1): e0339464. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0339464

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