Grabräuber als unbeabsichtigte Bewahrer: Hochwertige Holzobjekte aus der keltischen Grabkammer in Riedlingen liefern kulturhistorisch wertvolle Erkenntnisse

Nahe Riedlingen untersuchen Archäologinnen und Archäologen seit 2023 eine außergewöhnlich gut erhaltene frühkeltische Grabkammer aus der Zeit um 584 v. Chr. Obwohl das Grab bereits in der Antike geplündert wurde, förderte die Analyse des Raubschachtes eine Fülle seltener organischer Funde zutage – darunter Holzobjekte, Textilien und sogar Darstellungen auf Birkenrinde, die neue Einblicke in die frühkeltische Kunst und Kultur liefern.

Im Zentrum liegen mehrere dunkle, organische Objekte mit einer geflochtenen Struktur, die an Körbe oder Behälter erinnern. Daneben sind längliche, hölzerne Gegenstände sichtbar, die teilweise von Erde und feuchtem Material umgeben sind. Zwei kleine, gelbe Markierungen sind auf dem Boden platziert. Die Umgebung wirkt feucht und erdig, mit unterschiedlichen Farbtönen von Braun, Grau und Schwarz.
Herausragende Funde aus dem Raubschacht: in der linken Bildhälfte sind zwei große Weidenkörbe, die von den Grabräubern verwendet und zurückgelassen wurden, rechts ein Schemel oder Tischchen aus Holz zu erkennen© LAD im RPS / Jörn Heimann

Am südwestlichen Ortsrand von Riedlingen erforscht seit 2023 ein Team des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (LAD) einen monumentalen Grabhügel aus frühkeltischer Zeit. Im Zentrum des rund 65 Meter breiten und ursprünglich mindestens sechs Meter hohen Hügelbaus wurde im Jahr 2024 eine vollständig erhaltene Grabkammer aus Eichenholz freigelegt. Dank des Grundwassers hatte sich das Holz über mehr als zweieinhalb Jahrtausende hinweg außergewöhnlich gut bewahrt.

Mittels dendrochronologischer Untersuchung konnte das Alter der Hölzer exakt auf 2610 Jahre datiert werden – die Kammer entstand somit im Jahr 584 v. Chr., in der Blütezeit des Fürstensitzes Heuneburg, nur wenige Kilometer südwestlich.

Ein geplündertes, aber dennoch reiches Grab

Schon in der Antike hatten sich Grabräuber durch einen Stollen Zugang zum Grab verschafft und die Kammer geöffnet. Sie entnahmen kostbare Metallobjekte, ließen jedoch organische Materialien wie Holz, Textilien oder Felle zurück. „Das war ein Glücksfall für die Archäologie, denn aufgrund der ungewöhnlichen Erhaltungsbedingungen durch Grundwassereinwirkung haben sich Funde erhalten, die unter normalen Bedingungen im Boden spurlos verschwunden wären“, berichtet Prof. Dr. Dirk Krausse, Landesarchäologe.

Querschnitt eines Grabhügels mit einem langen, gewundenen Tunnel, der von einer Person mit einer Lampe durchquert wird. Am Anfang des Tunnels steht eine Person, zu ihren Füßen ein Korb. Am Ende des Tunnels befindet sich eine rechteckige Holzkammer. Die Szene ist dunkel gehalten, nur der Tunnel und die Kammer sind beleuchtet.
Diese Rekonstruktionsgrafik zeigt, wie sich die antiken Grabräuber durch den Hügel bis an die Zentralkammer herangegraben haben © LAD im RPS / Faber Courtial
Im Schacht der Raubgräber entdeckte das Forschungsteam zahlreiche Überreste der ursprünglichen Grabbeigaben sowie die verstreuten Knochen eines 17- bis 19-jährigen Mannes, der einst dort bestattet worden war.

Einblicke in Bestattung und Grabraub

Die von den Räubern zurückgelassenen Objekte werfen ein überraschend detailliertes Licht auf das ursprüngliche Inventar der Grabkammer. „Den auffälligsten und bislang interessantesten Teil dieses einzigartigen Fundensembles stellen die zahlreichen Reste von erstaunlich gut erhaltenen, teils hochwertigen Holzobjekten dar, die ein breites Spektrum umfassen und Einblicke sowohl in die Grabausstattung sowie in den antiken Grabraub gewähren“, erklärt Dr. Roberto Tarpini, Heuneburg-Referent des LAD.

Unter den geborgenen Stücken befinden sich nahezu vollständige Möbelteile wie ein Schemel oder Tischchen, größere Elemente von Wagenkonstruktionen sowie kleinste verzierte Holzfragmente. Mehrere gebrochene Bestandteile lassen sich möglicherweise zu einem aufwendigen Sitz- oder Liegemöbel rekonstruieren.

Im Zentrum liegt eine Ansammlung von dunklen, teilweise zerbrochenen Holzobjekten, die in einer Erdschicht eingebettet sind. Links oben befindet sich eine rechteckige Tafel mit weißem Rahmen und weißer Schrift auf schwarzem Grund. Daneben verläuft ein senkrechter Maßstab mit abwechselnd schwarzen und weißen Segmenten. Die Holzobjekte zeigen Bohrlöcher und Bearbeitungsspuren. Der Hintergrund besteht aus einer unregelmäßig strukturierten, erdigen Oberfläche mit gelblichen und dunklen Farbtönen.
Sorgfältig bearbeitete Holzobjekte, die vermutlich zu einem Möbel oder Wagen gehören. Besonders auffällig ist das große Element mit den runden Löchern, in denen zum Teil noch runde Stäbe sitzen © LAD im RPS / Jörn Heimann

Zeugnisse des antiken Raubzugs

Neben dem Grabinventar kamen auch Spuren der antiken Beraubung selbst zum Vorschein: Eine Fackel aus Birkenholz, ein Kienspan und zwei große Weidenkörbe dienten den Grabräubern wohl als Arbeitsgeräte und Lichtquellen. Eine erste Radiokarbondatierung eines der Körbe belegt, dass der Raub bereits in keltischer Zeit stattfand – vermutlich rund zwei Jahrhunderte nach der Bestattung.

Frühkeltische Kunst auf Birkenrinde

Besondere Aufmerksamkeit gilt einem unscheinbaren Streifen aus Birkenrinde, der ursprünglich Teil eines Gefäßes war. Seine Oberfläche zeigt eingeritzte figürliche Motive, darunter einen stilisierten Hengst sowie weitere, noch nicht sicher identifizierte Darstellungen.

Ein fragmentiertes, braunes Holzobjekt mit eingravierten Linien und Mustern liegt vor schwarzem Hintergrund. Die Oberfläche zeigt deutliche Alters- und Gebrauchsspuren. Die Gravuren verlaufen parallel und kreuzen sich stellenweise, einige Bereiche sind dunkler verfärbt. Das Objekt wirkt unregelmäßig gebrochen und weist an den Kanten helle, raue Stellen auf.
Ein ganz seltener Grabfund: auf einem Birkenrindenstreifen ist ein Hengst in Ritz- und Punktechnik abgebildet © LAD im RPS /Marion Hassold

„Der Fund ist in mehrfacher Hinsicht einmalig“, betont Krausse. „Erstens gehören figürliche Motive, insbesondere Menschen- und Tierdarstellungen in der frühkeltischen Kunst des 7. und frühen 6. Jh. v. Chr. zu den Raritäten, und zweitens handelt es sich bei den bekannten Beispielen um Darstellungen auf Metall- oder Tonobjekten.“ Diese Entdeckung belege erstmals, dass solche Motive auch auf organischen Materialien wie Holz oder Birkenrinde schon früh Verwendung fanden.

Ein Blick in die Welt der frühkeltischen Elite

Die reiche Ausstattung des Grabes deutet nach Einschätzung der Forschenden auf eine hochrangige Persönlichkeit hin. „Die von den Grabräubern in der Kammer und vor allem in dem Raubschacht zurückgelassenen Objekte zeugen davon, dass die Grabausstattung ursprünglich außergewöhnlich reich war und es sich bei dem bestatteten jungen Mann um einen Angehörigen der sozialen Elite gehandelt haben muss“, so Krausse.

Dass viele dieser organischen Objekte überdauerten, ist einem Zufall geschuldet: Der wiederverfüllte Raubschacht bildete ein luftdichtes, feucht-nasses Milieu, das eine natürliche Konservierung bewirkte. „Man kann hier durchaus von Glück im Unglück sprechen, denn ohne diese ‚Konservierungsmaßnahme‘ durch die Grabräuber wären die organischen Funde sehr wahrscheinlich in stärkerem Maß mit Sauerstoff in Kontakt gekommen und zerstört worden“, erläutert Tarpini.

Wissenschaftliche Aufarbeitung

Die detaillierten Analysen der Grabkammer sollen ein umfassendes Bild der frühkeltischen Bestattungskultur liefern und neue Erkenntnisse über das soziale und symbolische Leben der Eliten jener Zeit ermöglichen. Ein ausführlicher Forschungsbeitrag zu den Grabfunden aus Riedlingen ist in der aktuellen Archäologie in Deutschland (2/2026) erschienen.

Quelle Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg

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