Fossilien aus Marokko rücken gemeinsame Wurzeln der Menschheit ins Licht

Ein Team internationaler Forscher hat 773.000 Jahre alte Homininenfossilien in der Nähe von Casablanca entdeckt. Die Funde liefern neue Hinweise auf frühe afrikanische Populationen, die der Abstammungslinie des modernen Menschen, der Neandertaler und Denisova-Menschen sehr nah standen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.

Teilweise freigelegter fossiler Kieferknochen mit Zähnen im Erdreich neben einem Maßband.
Thomas Quarry I, Grotte à Hominidés: Unterkiefer ThI-GH-10717 während der Ausgrabung© J.P. Raynal, Programme Préhistoire de Casablanca

Die Fossilien stammen aus der Fundstätte Thomas Quarry I, genauer aus der dortigen „Grotte à Hominidés“, einer Höhle, die seit über 30 Jahren im Mittelpunkt des marokkanisch-französischen Forschungsprogramms Préhistoire de Casablanca steht. Unter der Leitung von Jean-Jacques Hublin, David Lefèvre, Giovanni Muttoni und Abderrahim Mohib haben Archäologen, Geologen und Paläontologen hier systematisch gegraben – und eines der bestdokumentierten Archive des afrikanischen Pleistozäns erschlossen.

Die marokkanische Atlantikküste: Eine geologische Schatzkammer

Die Höhlen und Küstenformationen südlich von Rabat zählen zu den bedeutendsten pleistozänen Landschaften Afrikas. Sie entstanden durch stetige Wechsel von Meeresspiegeln, Windverwehungen und frühzeitiger Verfestigung der Sande – ideale Bedingungen für die Erhaltung fossiler Spuren. Thomas Quarry I liegt mitten in dieser geologischen Bühne und ist schon lange als Quelle der ältesten Acheuléen-Werkzeuge Nordwestafrikas bekannt. Im Vergleich mit nahegelegenen Fundstätten wie Sidi Abderrahmane erlaubt das Areal einen einzigartigen Blick auf die Entwicklung früher Homininen in dieser Region.

Präzise Datierung durch das Erdmagnetfeld

Die Datierung der neuen Fossilien gelang dank einer hochauflösenden magnetostratigraphischen Analyse – einer Methode, die Veränderungen im Magnetfeld der Erde in Sedimentschichten misst.
Entscheidend war die Identifikation des Matuyama-Brunhes-Übergangs, der letzten großen Umkehr der geomagnetischen Polarität vor rund 773.000 Jahren. Da die Sedimente der Höhle diesen Übergang in einmaliger Genauigkeit aufzeichnen, konnten die Forscher das Alter der Homininen bis auf wenige tausend Jahre bestimmen – eine Seltenheit für frühe afrikanische Fossilien. „Die Qualität dieser Daten“, erklärt die Geologin Serena Perini, „ermöglicht eine für das afrikanische Pleistozän außergewöhnlich präzise Datierung dieser Homininen.“

Ein Mosaik der Evolution

Zu den Funden aus der Grotte à Hominidés gehören mehrere Kiefer, Zähne und Wirbel von mindestens drei Individuen – Erwachsenen und einem Kind. Eine Kombination moderner Mikrotomographie und morphologischer Analysen zeigte ein spannendes Bild: Die Fossilien tragen sowohl archaische Merkmale früher Homininen als auch modernere Formen, die an spätere Populationen erinnern. Einige anatomische Details ähneln den Funden aus Gran Dolina in Spanien, die dem europäischen Homo antecessor zugeschrieben werden. Dennoch unterscheiden sich die marokkanischen Exemplare deutlich – sie gehören offenbar zu einer eigenständigen afrikanischen Linie, die der späteren Entwicklung des Homo sapiens nähersteht.

Vier fossile Unterkieferknochen mit Zähnen vor schwarzem Hintergrund.
Diese Unterkiefer aus Nordafrika veranschaulichen die Unterschiede zwischen fossilen Homininen und modernen Menschen. Die abgebildeten Fossilien sind Tighennif 3 aus Algerien (oben links), ThI-GH-10717 aus dem Thomas Quarry in Marokko (oben rechts) und Jebel Irhoud 11 aus Marokko (unten links). Im Vergleich dazu ist der Unterkiefer eines rezenten modernen Menschen dargestellt (unten rechts). Alle Exemplare sind im gleichen Maßstab dargestellt, sodass ihre Größe und Form direkt verglichen werden können. © Philipp Gunz, MPI für evolutionäre Anthropologie

Ein afrikanischer Ursprung mit weiten Verbindungen

Die Forscher vermuten, dass Nordwestafrika in der frühen Menschheitsgeschichte eine wichtigere Rolle spielte, als bislang angenommen. Klimaschwankungen könnten in dieser Zeit wiederholt Korridore durch die Sahara geöffnet haben, die den Austausch zwischen afrikanischen und europäischen Populationen ermöglichten.

Die Homininen aus der Grotte à Hominidés sind älter als die bekannten Vorfahren der Neandertaler oder Denisova-Menschen aus dem mittleren Pleistozän. Gleichzeitig liegen sie fast 500.000 Jahre vor den frühesten Vertretern des Homo sapiens, die aus Jebel Irhoud bekannt sind. Diese zeitliche Stellung macht sie zu einem Schlüsselfund für das Verständnis unseres evolutionären Ursprungs.

„Die Fossilien aus der Grotte à Hominidés“, fasst Jean-Jacques Hublin zusammen, „sind die derzeit wohl besten Belege für afrikanische Populationen, die nahe an der Wurzel dieser gemeinsamen Abstammung liegen, und stützen damit die Sicht eines tiefen afrikanischen Ursprungs unserer Spezies.“

Quelle: Max-Planck-Gesellschaft

Originalpublikation:

Hublin, JJ., Lefèvre, D., Perini, S. et al. Early hominins from Morocco basal to the Homo sapiens lineage. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-025-09914-y

 
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