Erstes gezielt gefundenes Pestmassengrab Europas: Forschungsteam entdeckt Begräbnisstätte des „Schwarzen Todes“ bei Erfurt

Ein interdisziplinäres Forschungsteam aus Leipzig hat im Umfeld der mittelalterlichen Dorfwüstung Neuses bei Erfurt deutliche Hinweise auf ein Massengrab aus der Zeit des „Schwarzen Todes“ entdeckt. Es handelt sich um den ersten Begräbnisort von Pestopfern, der nicht zufällig, sondern durch gezielte systematische Suche in Europa gefunden wurde. Die Ergebnisse dieser außergewöhnlichen Studie wurden kürzlich in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlicht.

Zwei Personen stehen auf einem trockenen, graslosen Feld. Eine Person bedient ein gelbes Bohrgerät, das auf einer blauen Vorrichtung montiert ist. Die andere Person hält ein langes Metallrohr. Auf dem Boden liegen blaue Rohre, ein orangefarbener Eimer und weitere Werkzeuge. Im Hintergrund sind grüne Büsche und Bäume zu sehen.
Nik Usmar (links) und Dr. Michael Hein (rechts) führen Sedimentbohrungen durch, um ein mittelalterliches Pestmassengrab bei Erfurt zu lokalisieren.© Miriam Posselt

Um die verborgene Grabstätte zu lokalisieren, kombinierten die Forscher historische Quellen mit modernen Methoden: geophysikalische Widerstandsmessungen, Sedimentbohrungen und bodenkundliche Analysen. Diese ermöglichten die Rekonstruktion der mittelalterlichen Landschaft und die Identifizierung einer etwa 10 mal 15 Meter großen Struktur mit stark durchmischtem Sediment und menschlichen Knochenfragmenten.

Radiokohlenstoffdatierungen bestätigen, dass die Überreste aus dem 14. Jahrhundert stammen. Damit passt der Befund zu den überlieferten Berichten über elf große Pestgruben, in denen während des Ausbruchs von 1350 in und um Erfurt rund 12.000 Tote bestattet worden sein sollen.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass wir eines der in den Chroniken beschriebenen Pestmassengräber von Erfurt eindeutig lokalisiert haben. Endgültige Klarheit kann allerdings erst im Zuge einer geplanten archäologischen Grabung dieses Befundes erlangt werden“, erklärt Dr. Michael Hein, Hauptautor der Studie und Geograph an der Universität Leipzig.

Die Landschaft als Geschichtsarchiv

Das Forschungsteam versteht seine Arbeit auch als Beitrag zur „Lesbarkeit“ der Landschaft. Die Lage des möglichen Pestgrabs – am trockeneren Rand des Gera-Tals – verweist auf die mittelalterliche Vorstellung von „gesunder“ Erde. Feuchte Auenböden galten hingegen als gefährlich, weil sie, so die damalige Miasma-Theorie, „schlechte Luft“ und Krankheiten förderten. Auf den feuchten Standorten wäre die Seuche nach damaligen Vorstellungen also weniger gut einzudämmen gewesen. Dies erklärt auch, in Kombination mit rechtlichen und politischen Faktoren, die Wahl eines Standorts weit außerhalb der Stadtmauern. 

Durch die Kombination archäologischer, geophysikalischer und historischer Methoden konnten die Forschenden die Landschaft regelrecht „lesen“ – ein Ansatz, der künftig helfen könnte, weitere Epidemie- oder Konfliktgräber zu identifizieren und zu schützen.

Fenster zur Pestforschung

Massengräber der Pestzeit, die zweifelsfrei datiert und bestätigt sind, zählen in Europa zu den größten Seltenheiten – weniger als zehn sind bislang bekannt. Der Fund bei Erfurt liefert damit wertvolle neue Informationen zur Geschichte der Region und zum gesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie des 14. Jahrhunderts.

Zukünftige genetische und anthropologische Analysen könnten zudem helfen, die Entwicklung des Pesterregers Yersinia pestis und mögliche Ursachen für die hohe Sterblichkeit jener Jahre besser zu verstehen. Das Team plant, zusammen mit dem Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, weiterführende Ausgrabungen sowie Untersuchungen an den Funden vorzunehmen.

„Dieser Fund ist nicht nur archäologisch und historisch bedeutsam“, sagt Prof. Dr. Christoph Zielhofer, Leiter der Arbeitsgruppe „Historische Anthroposphären“ am LeipzigLab der Universität Leipzig. „Er hilft uns zu verstehen, wie Gesellschaften mit massenhaften Todesfällen umgehen und wie moderne, interdisziplinäre Forschung helfen kann, die Standorte von Massengräbern zu lokalisieren – Themen, die leider bis ins 21. Jahrhundert aktuell bleiben.“ 

Quelle: Universität Leipzig

Originalpublikation:
Michael Hein et al. What the landscape can tell: An integrative stratigraphic prospection approach to localize a Black Death mass grave in Erfurt/Central Germany. DOI: 10.1371/journal.pone.0337410

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