Alles begann 2020. Auf einem Satellitenbild entdeckte der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Michael Barkowski bei Aken (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) auffällige Strukturen, die an ein römisches Marschlager erinnerten. Eine gezielte Befliegung durch den Luftbildarchäologen Ralf Schwarz vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA) bestätigte bald darauf die Vermutung: Die südwestliche Ecke und eine charakteristische, durch ein Titulum – ein vorgelagertes Hindernis – geschützte Grabenunterbrechung waren erkennbar.
Drei Jahre später folgte der nächste Befund: Der Archäologe Martin Freudenreich identifizierte 2023 auf Ortholuftbildern ein weiteres mögliches Lager bei Trabitz (Salzlandkreis). Wenig später meldete auch der ehrenamtliche Denkmalpfleger René Hoffmann dort entsprechende Strukturen. Zwischen Juni und Dezember 2024 fanden Freudenreichs Analysen zwei weitere mutmaßliche Lagerstandorte, diesmal bei Aken (Aken 2) und Deersheim (Landkreis Harz). Gerade die regelmäßig verlaufenden Lagergräben mit den typischen abgerundeten Ecken lassen keinen Zweifel an der römischen Handschrift.
Profil eines charakteristischen römischen Spitzgrabens, Marschlager von Aken 1.
© Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Thomas Koiki
Über der Erde und im Boden: Spurensuche mit moderner Technik
Luftbilder liefern Hinweise, doch um sie zu bestätigen, braucht es Messungen am Boden. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern führten Archäologen des LDA großflächige geophysikalische Untersuchungen und Metallsondierungen durch. Mehr als 1.500 Einzelfunde wurden dabei kartiert, vor allem Eisenobjekte. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Nägel, Bolzen, Fibelfragmente und Münzen – alles typische Kleinfunde eines römischen Heereslagers.
Die geophysikalischen Messergebnisse stützten nicht nur die Luftbildbeobachtungen, sondern erweiterten sie erheblich. So zeigte sich in Deersheim die vollständige Anlage im Messbild, während in Trabitz ein zweiter Titulum und eine gerundete Grabenecke nachgewiesen wurden.
Ausgrabungen bestätigen die Befunde
Zwischen den Sommern 2024 und 2025 führten die Forscher gezielte Ausgrabungen durch, um die Interpretation der Befunde abzusichern. In Aken 1 legten sie einen bis zu 1,75 Meter breiten und 1,55 Meter tiefen Graben mit klassischer V-Form frei – ein typisches Kennzeichen römischer Spitzgräben. Ähnliche Strukturen fanden sich in Aken 2 und Trabitz, wo die Gräben zwischen 1,2 und 1,8 Metern tief in den Boden eingeschnitten sind. In Deersheim blieb der Graben aufgrund des Kalksteinuntergrunds flacher, doch sein Verlauf war noch klar erkennbar.
Römische Bewegung im Norden des Imperiums
Die Funde und Messdaten lassen kaum Zweifel: In Sachsen-Anhalt befanden sich römische Marschlager, vermutlich aus der Zeit um 213 n. Chr.. Münzfunde – darunter ein Denar des Kaisers Caracalla – stützen diese Datierung. Möglich ist, dass die in Aken, Trabitz und Deersheim entdeckten Lager mit Caracallas Feldzügen gegen germanische Stämme in Zusammenhang stehen.
Römische Münzen, die bei der systematischen Begehung der Marschlager mit Metallsonden geborgen wurden. Geprägt wurden sie unter den Kaisern Antoninus Pius (138-161 nach Christus), Marcus Aurelius (161 bis 180 nach Christus) und Caracalla (211 bis 217 nach Christus).
© Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Anika Tauschensky
Die fortgesetzten Untersuchungen des LDA versprechen weitreichende Erkenntnisse für die römische Militärgeschichte im mitteldeutschen Raum. Sollten sich die Befunde als Teil der Caracalla-Kampagnen bestätigen, könnte dies ein neues Kapitel über die römische Präsenz weit nördlich der Reichsgrenzen aufschlagen und einige historische Annahmen zu den Germanenfeldzügen grundlegend infrage stellen.
Quelle: Archäologisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt