An den Hängen des Ornetals wurde ein sogenanntes Fürstengrab aus der frühen Bronzezeit (ca. 1900–1800 v. Chr.) dokumentiert. Die rechteckige Grabgrube barg eine Reihe exquisiter Beigaben, die laut der Archäologen als „wahre Vorräte für das Jenseits“ interpretiert werden: 31 Feuersteinpfeilspitzen, zwei Bronzedolche und ein Fragment aus Bergkristall, das möglicherweise zu einem Schmuckanhänger gehörte.
Die Frühbronzezeitlichen Dolche in situ
© Emmanuel Ghesquière, Inrap
Der größere Dolch weist mit seiner rund 30 cm langen Klinge noch Reste einer Lederscheide auf, während der kleinere, etwa 20 cm lange Dolch ursprünglich in einer Weidenscheide lag. Beide Waffen gehören dem sogenannten armorikanischen Typ an und besitzen noch Nieten zur Griffbefestigung; die hölzernen Griffe selbst sind nicht erhalten. Die Pfeilspitzen desselben Typs zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit und feinste Ausarbeitung aus. Sie gelten als Charakteristika hochspezialisierter Handwerkskunst und sind typischerweise in prestigeträchtigen Gräbern der Zeit zu finden – als Ausdruck von Reichtum und sozialem Rang.
Pfeilspitzen aus dem frühbronzezeitlichen Fürstengrab. Aufgrund der Fundlage vermuten die Archäologen, dass es sich um zwei voneinander unabhängige Deponierungen handeln könnte, die sich in unterschiedlichen organischen Behältnissen befanden.
© Raphaëlle Lefèbvre, Inrap
Die Körperbestattung selbst ist heute nicht mehr erhalten, da die Knochenreste durch die sauren Bodenverhältnisse vollständig zersetzt wurden. Vermutlich war das Grab zur Zeit seiner Errichtung von einem Grabhügel bedeckt, der im Laufe der Jahrtausende eingeebnet wurde.
Der Kontext der armorikanischen Hügelgrabkultur
Die Armorikanische Halbinsel (Aremorica) ist eine historische Bezeichnung für den Nordwesten Frankreichs, der im Wesentlichen der heutigen Region Bretagne sowie einigen Teilen der Normandie entspricht. Gräber des sogenannten „armorikanischen” Hügelgrabtyps sind vornehmlich aus der Bretagne bekannt und in der Normandie nur durch wenige Beispiele belegt. Bislang konnten dort lediglich sechs vergleichbare Anlagen identifiziert werden. Die Entdeckung in Écouché-les-Vallées steht in archäologischem Bezug zu einem ähnlichen Fund in der benachbarten Gemeinde Loucé.
Darüber hinaus lassen sich mehrere frühe bronzezeitliche Stätten in unmittelbarer Umgebung nachweisen, darunter ein Kultbezirk in Loucé – nur wenige Hundert Meter entfernt – sowie ein großflächiger Bezirk in Moulins-sur-Orne, etwa sechs Kilometer südlich. Dieses räumliche Gefüge deutet auf die Existenz eines weitreichenden Siedlungs- und Herrschaftsraums beiderseits der Orne hin, dessen führende Elite durch das neu entdeckte Grab von Écouché-les-Vallées repräsentiert sein dürfte.
Frühneolithische Besiedlungsspuren
Neben der bronzezeitlichen Bestattung wurden am selben Fundort auch Relikte einer frühneolithischen Siedlung (ca. 4900–4800 v. Chr.) aufgedeckt. Mehrere großflächige Gruben aus dieser Zeit weisen auf eine dauerhafte Niederlassung hin. Ihre Funktionen variieren: Einige dienten als Vorratssilos zur Getreidelagerung, andere möglicherweise als Entnahmestellen für Baumaterial zur Errichtung von Wandstrukturen.
In den Verfüllungen fanden sich zahlreiche Artefakte, die der späten Phase der Villeneuve-Saint-Germain-Kultur zuzuordnen sind: verzierte Vorratsgefäße mit Kordel- und Knopfornamentik, sorgfältig gearbeitete Feuersteinwerkzeuge, Rohlinge polierter Grünsteinäxte sowie Fragmente von Mahlsteinen.
Obwohl das eigentliche Wohngebäude nicht erhalten ist, lassen die begleitenden Seitengruben auf einen Hausgrundriss des Donau-Typs schließen – vergleichbar mit einem 2009 etwa 500 Meter entfernt entdeckten Beispiel. Diese frühneolithischen Strukturen gewähren einen seltenen Einblick in die Entstehung erster Siedlungsplätze in der Region Orne am Ende des Frühneolithikums, einer Zeit grundlegender sozialer und wirtschaftlicher Umbrüche nach dem Zerfall der bandkeramischen Gemeinschaften.
Quelle: Inrap