Ein einzigartiger Fund im Duvenseer Moor bietet neue Einblicke in steinzeitliche Glaubenswelten

Im Duvenseer Moor in Schleswig-Holstein haben Forscher eine außergewöhnliche Entdeckung gemacht: In unmittelbarer Nähe der ältesten bekannten Brandbestattung Norddeutschlands kam der ursprünglich auf einen Holzpfosten gesteckte Schädel eines Auerochsen zum Vorschein. Die Funde deuten auf komplexe Bestattungsrituale vor rund 10.500 Jahren hin und eröffnen neue Perspektiven auf die Glaubenswelten früher Jäger- und Sammlergruppen im nördlichen Europa.

Im Vordergrund liegt ein stark verwittertes, organisches Objekt mit bräunlicher, unregelmäßiger Oberfläche. In der Mitte ragen mehrere dunkle, längliche Holzstücke senkrecht nach oben. Die Struktur wirkt zerklüftet und zeigt verschiedene Schichten und Texturen. Im Hintergrund sind unscharfe Elemente eines Innenraums mit grüner Tür, gelbem Kasten und Holzplatten zu erkennen.
Der Auerochsenschädel während der Freilegung in der Werkstatt des Museums für Archäologie Schloss Gottorf© Museum für Archäologie, Schloss Gottorf / Corinna Mayer

Aktuelle Untersuchungen im Duvenseer Moor im Kreis Herzogtum Lauenburg liefern bemerkenswerte Einblicke in die frühe Mittelsteinzeit. Das Gebiet zählt zu den bedeutendsten Fundlandschaften Nordeuropas. Dank der außergewöhnlich guten Erhaltungsbedingungen haben sich dort die Spuren menschlicher Siedlungen, tierischer Überreste und pflanzlicher Reste aus der Zeit kurz nach der letzten Eiszeit hervorragend erhalten. Besonders die Fundstelle „Lüchow LA 11“ hat sich als Schlüssel für das Verständnis der kulturellen und rituellen Praktiken jener Epoche erwiesen.

Die Forschungen erfolgen unter Leitung des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) in Kooperation mit dem Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein und dem Museum für Archäologie Schloss Gottorf.

Die älteste Brandbestattung Norddeutschlands

Bereits 2022/2023 legten Archäologinnen und Archäologen im Duvenseer Moor die Überreste einer etwa 10.500 Jahre alten Brandbestattung frei – die bislang älteste bekannte in Norddeutschland. Vergleichbare Gräber aus dieser frühen Phase des Holozäns sind europaweit äußerst selten und meist schlechter erhalten. 

Boden mit archäologischen Ausgrabungen und freigelegten Erdschichten im Moor
Die bereits 2023 auf dem Fundplatz Lüchow LA 11 entdeckte Brandbestattung eines steinzeitlichen Jägers am Rande des alten Duvensees © LEIZA / Harald Lübke

„In ‚Lüchow LA 11‘ sind hingegen unter dem später gewachsenen Moorboden größere Teile der ehemaligen Oberfläche konserviert geblieben. Diese außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen ermöglichen eine präzise Analyse des unmittelbaren Bestattungsumfeldes“, erläutert Dr. Harald Lübke vom LEIZA, Standort Schleswig, der das Projekt „Frühmesolithikum im Duvenseer Moor“ leitet.

Die Untersuchung zeigt, dass der Leichenbrand zusammen mit Resten des Scheiterhaufens beigesetzt wurde und die Grabstätte über eine gewisse Zeit offen sichtbar blieb – ein Hinweis auf ein bewusst gestaltetes und länger gepflegtes Ritual.

Ein Auerochsenschädel auf einem Holzpfosten

Bei den Grabungen im Sommer 2025 stießen die Forscher im ehemaligen Flachwasserbereich nahe der Brandbestattung auf eine weitere außergewöhnliche Entdeckung: den vollständig erhaltenen Schädel eines Auerochsen.

„Anders als vergleichbare Funde – etwa von der rheinländischen Fundstelle Bedburg-Königshoven, wo stark zerschlagene Schädelreste als Schlachtabfälle interpretiert werden – zeigte das Exemplar aus ‚Lüchow LA 11‘ keinerlei Zerlegungsspuren“, berichtet Lübke.

Der Schädel wurde aufgrund seiner Fragilität im Sedimentblock geborgen und im Museum für Archäologie auf Schloss Gottorf weiter untersucht. Eine daraufhin durch die Fraunhofer-Einrichtung für Individualisierte Medizintechnik (IMTE) in Lübeck veranlasste Computertomographie bestätigte: Der Schädel war durch das Hinterhauptloch auf einen Pfosten aus Kiefernholz aufgesteckt worden, der später abbrach und im Inneren des Schädels verblieb.

Zeugnisse komplexer Rituale

Bereits 2022 war im Umfeld der Brandbestattung ein tiefer Pfosten aus Pappelholz nachgewiesen worden. Obwohl die Hölzer unterschiedlichen Arten angehören, schließen die Forscher nicht aus, dass mehrere Pfosten mit angebrachten Tierschädeln einst das Grab umgaben. 

Ausgegrabener Erdquerschnitt mit sichtbaren Bodenschichten und Messlatten an den Seiten
Bereits 2022 war im Flachwasserbereich vor der Brandbestattung ein kräftiger Pfosten aus Pappelholz entdeckt worden, der offensichtlich mit erheblichen Kraftaufwand etwa einen Meter tief n das Sediment eingetrieben worden war © LEIZA / Harald Lübke

Solche Anordnungen könnten als rituelle Schutzsymbole verstanden worden sein. Sie verweisen möglicherweise auf animistische oder totemistische Vorstellungen, in denen Tieren eine spirituelle Bedeutung zukam und Mensch und Natur als miteinander verbunden galten.

„Die Befunde aus ‚Lüchow LA 11‘ liefern nun erstmals konkrete archäologische Hinweise auf ähnliche Praktiken im nördlichen Europa zu Beginn des Holozäns“, betont Lübke. Ethnografische Parallelen zeigen, dass in vielen Jäger- und Sammler-Gesellschaften Verstorbene mit symbolischen Tierdarstellungen geehrt oder sichtbar ausgestellt wurden.

Lehrgrabungen und Ausblick

Seit 2023 finden die Ausgrabungen im Rahmen von Lehrgrabungen statt. Studierende der Universitäten Kiel, Rostock und der Freien Universität Berlin erhalten dort eine vertiefte Ausbildung in Methoden und Techniken der Feuchtbodenarchäologie.

Zukünftige Untersuchungen sollen klären, ob sich in angrenzenden Arealen weitere Pfosten oder Schädel finden lassen. „Schon jetzt aber steht fest: ‚Lüchow LA 11‘ zählt zu den wichtigsten Fundplätzen der frühen Mittelsteinzeit in Nordeuropa und liefert uns einzigartige Einblicke in Leben, Tod und Glaubenswelten vor über 10.500 Jahren“, fasst Lübke zusammen.

Quelle: LEIZA

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