DNA-Analysen enthüllen Bevölkerungskontinuität in der Späten Bronzezeit Mitteldeutschlands und liefern Informationen zur damaligen Lebenswelt

Neue genetische Untersuchungen an 36 spätbronzezeitlichen Körpergräbern aus Esperstedt und Kuckenburg in Sachsen-Anhalt eröffnen überraschende Einblicke in die Bevölkerungs- und Kulturgeschichte Mitteldeutschlands. Ein internationales Forschungsteam um Eleftheria Orfanou vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig konnte anhand von DNA- und Isotopenanalysen zeigen, dass die Region über Jahrhunderte eine bemerkenswerte Kontinuität aufwies – trotz intensiver Handelskontakte und kultureller Einflüsse. Die Studie liefert zudem neue Erkenntnisse zu Ernährung, Mobilität und Lebensweise in einer Zeit des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels.

Mehrere Personen arbeiten auf einer archäologischen Ausgrabungsstätte im Freien. Sie knien oder sitzen auf dem Boden und graben mit Werkzeugen in verschiedenen Bereichen der Ausgrabung. Die Fläche ist von Erdhügeln umgeben, im Hintergrund sind Felder und einige Gebäude zu erkennen. Eine Schubkarre und weitere Ausrüstungsgegenstände liegen am Rand der Ausgrabung.
Ausgrabungen bei Esperstedt auf der Trasse der BAB 38.© Hauke Arnold, Copyright: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

Die genetischen Daten zeigen eine bemerkenswerte Stabilität in der Besiedlung der Region. „Für die betrachtete Region in Mitteldeutschland ergeben sich Hinweise auf eine weitgehende Bevölkerungskontinuität seit der Frühbronzezeit“, erklären die Autorinnen und Autoren. Auch die Strontiumisotopenwerte deuten darauf hin, dass die meisten untersuchten Individuen in ihrer Kindheit bereits in derselben Region aufwuchsen, in der sie später begraben wurden. Die materielle Kultur mit ihren überregionalen Bezügen scheint demnach weniger auf Wanderbewegungen als auf kulturellen Austausch zurückzugehen.

Einfluss aus dem Donauraum

Erst gegen Ende der Späten Bronzezeit lassen sich genetische Linien aus dem mittleren Donauraum nachweisen. Diese Befunde sprechen für punktuelle Kontakte oder Zuwanderungen, die in das bestehende Bevölkerungsgefüge integriert wurden, ohne größere demografische Umbrüche auszulösen.

Ernährung im Wandel

Isotopenanalysen liefern zudem Einblicke in Ernährungsgewohnheiten. Bereits in der frühen Phase der Späten Bronzezeit nahm der Anbau von Rispenhirse deutlich zu. Die Forscherinnen und Forscher deuten diesen Wandel als Anpassung an ökonomische und ökologische Herausforderungen: „Die genetischen Untersuchungen unterstreichen, dass dieser Wandel nicht durch einen Bevölkerungswechsel, sondern als Reaktion auf wirtschaftliche und Umweltbedingungen zu erklären ist.“ In späteren Jahrhunderten gewannen Weizen und Gerste wieder an Bedeutung.

Gesundheit und Lebensumstände

Ergänzend untersuchte das Team mikrobielle DNA, um Hinweise auf Krankheiten zu erhalten. Epidemische Erreger konnten nicht nachgewiesen werden. Stattdessen fanden sich Bakterien, die mit Zahnproblemen in Verbindung stehen. Zudem zeigen die Knochen Spuren von Mangelphasen in der Kindheit, Gelenkverschleiß und einzelnen Verletzungen – Hinweise auf ein körperlich forderndes, aber insgesamt gesundes Leben.

Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt 

Originalpublikation:
Orfanou, E., Ghalichi, A., Rohrlach, A.B. et al. Reconstruction of the lifeways of Central European Late Bronze Age communities using ancient DNA, isotope and osteoarchaeological analyses. Nat Commun 17, 1992 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-69895-y

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