Die Bergung begann im Juni 2023, gefolgt von umfangreichen Analysen – mit Ergebnissen, die selbst erfahrene Fachleute überraschten. Neue Erkenntnisse zu Bauweise, Ladung und Rekonstruktion eröffnen jetzt neue Perspektiven auf Lübecks Rolle als Innovationszentrum des nordeuropäischen Schiffbaus.
Lübecker Schiffbau zwischen Tradition und Innovation
Das Schiff wurde 1642/43 in Lübeck gebaut – nach niederländischem Vorbild, aber mit entscheidenden Anpassungen. Statt eines flachen Bodens, wie bei den typischen holländischen Frachtschiffen, erhielt das Wrack einen spitz zulaufenden, V-förmigen Kiel – perfekt für die seegängigen Bedingungen der Ostsee.
„Das ist kein bloßes Kopieren fremder Technik, sondern ein selbstbewusster Weiterentwicklungsprozess“, erklärt Dr. Felix Rösch, Forschungstaucher im Bereich Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck. „Das Schiff zeigt, wie Lübecker Schiffbauer internationale Impulse aufnahmen und daraus etwas Eigenständiges schufen.“
Diese Kombination gilt in Europa als bislang einzigartig – eine Einschätzung, die auf internationalen Fachtagungen mehrfach bestätigt wurde.
Rekonstruktion in drei Dimensionen
Die Rekonstruktion des Schiffsrumpfes stellt derzeit eine der zentralen Aufgaben dar. Rund 150 Einzelteile müssen richtig zugeordnet werden – ohne eindeutige Vergleichsobjekte. Mithilfe eines 3D-Druckers werden die gescannten Bestandteile im Maßstab 1:25 reproduziert und zu einem physikalischen Modell zusammengesetzt.
Darauf aufbauend entsteht ein digitales 3D-Modell, mit dem das Institut für Schiffbau und Maritime Technik an der HAW Kiel die fahrtechnischen Eigenschaften analysiert. Erste Ergebnisse zeigen ein dreimastiges Handelsschiff mittlerer Größe mit Kapitänskajüte, Ladeluken und Platz für eine zwölfköpfige Besatzung.
Eine nahezu vollständige Ladung – europaweit einzigartig
Ein weiterer Glücksfall: Die fast vollständig erhaltene Ladung. Etwa 160 Fässer wurden bislang dokumentiert. Analysen belegen, dass sie Branntkalk schwedischer Herkunft enthielten – ein entscheidender Baustoff für die Backsteinarchitektur Lübecks.
„Diese Ladung erzählt uns nicht nur etwas über Handelsbeziehungen, sondern ganz konkret über die Materialgrundlagen, auf denen Lübecks Stadtentwicklung beruhte“, betont Dr. Dirk Rieger, Bereichsleiter Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck. „Der Fund verbindet globale Handelsnetze mit lokaler Baugeschichte – das ist für die Hansestadt von unschätzbarem Wert.“
Die Fässer, sogenannte Lüneburger Salztonnen aus dem späten 14. Jahrhundert, wurden offenbar zweckentfremdet zum Kalktransport genutzt. In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Potsdam laufen derzeit konservatorische Experimente, um ihren langfristigen Erhalt zu sichern.
Bedeutung weit über Lübeck hinaus
Der Fund aus der Trave zieht internationale Aufmerksamkeit auf sich – nicht nur wegen seiner Erhaltung, sondern auch wegen seiner Aussagekraft. Das Schiff steht für eine Zeit tiefgreifender Umbrüche im Ostseehandel: für Anpassungsfähigkeit und technische Innovation angesichts niederländischer Konkurrenz.
„Dieses Wrack ist kein stummes Relikt“, so Dr. Dirk Rieger. „Es ist ein Schlüssel zum Verständnis unserer Stadtgeschichte – und ein starkes Zeugnis dafür, dass Innovation schon immer Teil der Lübecker DNA war.“ Auch wenn der Name des Schiffes bislang unbekannt bleibt, ist klar: Die Forschung an diesem Wrack steht erst am Anfang. Weitere Ergebnisse sollen im Frühjahr 2026 vorgestellt werden.
Eine interaktive Rekonstruktion des Schiffes ist unter www.luebeck.de/hanseschiff abrufbar.