Das Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg liefert auch Jahrzehnte nach seiner Entdeckung neue ErkenntnissePollenanalysen bestätigen Spuren farbenprächtiger Blüten- und traditioneller Heilpflanzen

Erneut offenbaren aktuelle Untersuchungen des berühmten Grabes der Schamanin von Bad Dürrenberg bislang unbekannte Details. Pollenanalysen deuten auf die Verwendung von Blütenpflanzen im Rahmen der Bestattung sowie auf eine Beisetzung während der Sommermonate hin.

Zwölf mikroskopische Aufnahmen zeigen verschiedene Pollen- und Sporenformen in jeweils eigenen Feldern. Die Strukturen sind gelblich bis braun und weisen unterschiedliche Oberflächenmuster, Wandstärken und Formen auf, darunter rundliche, dreieckige und polygonale Umrisse. Einige Pollen zeigen stachelige oder netzartige Oberflächen, andere sind glatt oder haben markante Furchen. Am rechten Rand jedes Feldes befindet sich eine Maßstabsleiste. Die Felder sind mit Großbuchstaben von A bis L gekennzeichnet.
Beispiele für Pollen aus dem Grab von Bad Dürrenberg: A Fichte, B-C Kiefer, D Grünalge, wohl an Federn von Wasservögeln anhaftend, E Birke, F Korbblüter, G-H Königskerze, I Gänsefußgewächse, J-L umgelagerte Pollen- und Sporen verschiedener Typen. © Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt, Elisabeth Endtmann

Zwischen 2019 und 2024 wurden im Kurpark von Bad Dürrenberg gezielte Nachuntersuchungen der Fundstelle durchgeführt, um verbliebene Partien der Grabgrube der Schamanin zu dokumentieren und unter Laborbedingungen zu analysieren. Die Arbeiten bestätigten, dass Teile der mit Rötel durchsetzten Grabschicht noch im Boden erhalten waren. Diese konnten als Block geborgen und von einem internationalen Forschungsteam mit modernsten naturwissenschaftlichen Methoden untersucht werden. Dabei kamen bislang übersehene Funde sowie mikrobiologische und botanische Spuren zutage, die neue Interpretationen des Bestattungskontexts ermöglichen.

Pollenanalysen und Hinweise auf florale Beigaben

Aktuelle Aufmerksamkeit gilt den mikrobiologischen Proben aus dem Kopfbereich der Verstorbenen. Dort identifizierte die Pollenanalytikerin Elisabeth Endtmann vom Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt eine Konzentration von Blütenpollen. Nachgewiesen wurden unter anderem Arten wie Mädesüß, Königskerze, Hahnenfuß und Teufelsabbiss bzw. Scabiosa – Pflanzen, die durch ihre auffälligen Blütenfarben und wohltuenden Düfte charakterisiert sind.

Fünf nebeneinander angeordnete Nahaufnahmen zeigen verschiedene Blütenpflanzen. Die erste Pflanze trägt kleine, cremeweiße Blüten in dichten Dolden und wird von einem dunklen Insekt besucht. Die zweite Pflanze hat zahlreiche gelbe Blüten mit fünf Blütenblättern, die an einem aufrechten Stängel sitzen. Die dritte Pflanze zeigt zwei leuchtend gelbe Blüten mit fünf abgerundeten Blütenblättern, die von grünen Blättern umgeben sind. Die vierte Pflanze präsentiert eine kugelförmige, violette Blüte mit vielen kleinen Einzelblüten auf einem langen Stiel vor grünem Hintergrund. Die fünfte Pflanze sieht der vierten ähnlich.
Möglicher Blütenschmuck im Kopfbereich der Schamanin, von links nach rechts: Kleines Mädesüß, Königskerze, Kriechender Hahnenfuß, Gewöhnlicher Teufelsabbiss, Tauben-Skabiose. © Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt, Elisabeth Endtmann

 

»Vermutlich verfingen sich die Pollen im Haar der Schamanin noch zu ihrer Lebzeit. Denkbar ist aber auch, dass bei der Bestattung ihr Kopf auf Blumen gebettet wurde. Abschließende Gewissheit wird es aufgrund der geringen Anzahl von Pollenfunden leider nicht geben«, erläutert Elisabeth Endtmann.

Die Zusammensetzung der identifizierten Pollenarten legt nahe, dass Blütenpflanzen gezielt als Grabbeigaben genutzt wurden. Ihre Blühperioden überschneiden sich vor allem im Juli, sodass ein möglicher Bestattungszeitpunkt im Hochsommer wahrscheinlich ist.

Medizinisch relevante Pflanzen und Umweltbezug

Unter den nachgewiesenen Pflanzenarten finden sich mehrere, die auch in der Volksmedizin bekannt sind. Birkenblätter dienen als harntreibendes Mittel, Faulbaumrinde gilt als natürliches Abführmittel, Hopfen besitzt beruhigende Eigenschaften, und Frauenmantel wird traditionell bei Verletzungen oder Schmerzen verwendet.

»Ob der Schamanin von Bad Dürrenberg die medizinischen Eigenschaften der Pflanzen bewusst waren, bleibt selbstverständlich unklar«, betont Landesarchäologe Harald Meller. »Doch gibt es zahlreiche ethnographische Beispiele dafür, dass Schamanen Heilpflanzen einsetzen und Jäger und Sammler, die von und im Einklang mit ihrer Umwelt leben, über solches Wissen verfügen.«

Diese Beobachtungen lassen Rückschlüsse auf ein komplexes Verhältnis der damaligen Gemeinschaft zur natürlichen Umwelt zu. Die Schamanin könnte eine vermittelnde Rolle zwischen Mensch und Natur eingenommen haben – ein Aspekt, der durch die Kombination aus rituellen, symbolischen und praktischen Elementen der Bestattung gestützt wird.

Hinweise auf Wasser und Tierbeigaben

Im Rahmen der Laboranalysen wurden zudem Grünalgenreste festgestellt, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit an Federn von Wasservögeln befanden. Solche mikroskopischen Nachweise belegen, dass Vögel – möglicherweise als symbolisch bedeutsame Tiere – Teil der Grabbeigaben gewesen sein könnten. Diese Entdeckung erweitert das Verständnis der materiellen und geistigen Dimensionen der Grabgestaltung.

Forschungsperspektive

Die aktuellen Untersuchungen zeigen das hohe Erkenntnispotenzial des Grabes noch Jahrzehnte nach seiner Entdeckung. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Archäologinnen, Archäobotanikern, Anthropologinnen und Geochemikern ermöglicht nicht nur detaillierte Rekonstruktionen einzelner Aspekte der Bestattung, sondern auch neue Einblicke in das rituelle und spirituelle Denken mesolithischer Gesellschaften.

Ab dem 27. März 2026 werden die jüngsten Ergebnisse im Rahmen einer großen Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) der Öffentlichkeit vorgestellt.

Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

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