Zwischen 2019 und 2024 wurden im Kurpark von Bad Dürrenberg gezielte Nachuntersuchungen der Fundstelle durchgeführt, um verbliebene Partien der Grabgrube der Schamanin zu dokumentieren und unter Laborbedingungen zu analysieren. Die Arbeiten bestätigten, dass Teile der mit Rötel durchsetzten Grabschicht noch im Boden erhalten waren. Diese konnten als Block geborgen und von einem internationalen Forschungsteam mit modernsten naturwissenschaftlichen Methoden untersucht werden. Dabei kamen bislang übersehene Funde sowie mikrobiologische und botanische Spuren zutage, die neue Interpretationen des Bestattungskontexts ermöglichen.
Pollenanalysen und Hinweise auf florale Beigaben
Aktuelle Aufmerksamkeit gilt den mikrobiologischen Proben aus dem Kopfbereich der Verstorbenen. Dort identifizierte die Pollenanalytikerin Elisabeth Endtmann vom Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt eine Konzentration von Blütenpollen. Nachgewiesen wurden unter anderem Arten wie Mädesüß, Königskerze, Hahnenfuß und Teufelsabbiss bzw. Scabiosa – Pflanzen, die durch ihre auffälligen Blütenfarben und wohltuenden Düfte charakterisiert sind.
Möglicher Blütenschmuck im Kopfbereich der Schamanin, von links nach rechts: Kleines Mädesüß, Königskerze, Kriechender Hahnenfuß, Gewöhnlicher Teufelsabbiss, Tauben-Skabiose.
© Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt, Elisabeth Endtmann
»Vermutlich verfingen sich die Pollen im Haar der Schamanin noch zu ihrer Lebzeit. Denkbar ist aber auch, dass bei der Bestattung ihr Kopf auf Blumen gebettet wurde. Abschließende Gewissheit wird es aufgrund der geringen Anzahl von Pollenfunden leider nicht geben«, erläutert Elisabeth Endtmann.
Die Zusammensetzung der identifizierten Pollenarten legt nahe, dass Blütenpflanzen gezielt als Grabbeigaben genutzt wurden. Ihre Blühperioden überschneiden sich vor allem im Juli, sodass ein möglicher Bestattungszeitpunkt im Hochsommer wahrscheinlich ist.
Medizinisch relevante Pflanzen und Umweltbezug
Unter den nachgewiesenen Pflanzenarten finden sich mehrere, die auch in der Volksmedizin bekannt sind. Birkenblätter dienen als harntreibendes Mittel, Faulbaumrinde gilt als natürliches Abführmittel, Hopfen besitzt beruhigende Eigenschaften, und Frauenmantel wird traditionell bei Verletzungen oder Schmerzen verwendet.
»Ob der Schamanin von Bad Dürrenberg die medizinischen Eigenschaften der Pflanzen bewusst waren, bleibt selbstverständlich unklar«, betont Landesarchäologe Harald Meller. »Doch gibt es zahlreiche ethnographische Beispiele dafür, dass Schamanen Heilpflanzen einsetzen und Jäger und Sammler, die von und im Einklang mit ihrer Umwelt leben, über solches Wissen verfügen.«
Diese Beobachtungen lassen Rückschlüsse auf ein komplexes Verhältnis der damaligen Gemeinschaft zur natürlichen Umwelt zu. Die Schamanin könnte eine vermittelnde Rolle zwischen Mensch und Natur eingenommen haben – ein Aspekt, der durch die Kombination aus rituellen, symbolischen und praktischen Elementen der Bestattung gestützt wird.
Hinweise auf Wasser und Tierbeigaben
Im Rahmen der Laboranalysen wurden zudem Grünalgenreste festgestellt, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit an Federn von Wasservögeln befanden. Solche mikroskopischen Nachweise belegen, dass Vögel – möglicherweise als symbolisch bedeutsame Tiere – Teil der Grabbeigaben gewesen sein könnten. Diese Entdeckung erweitert das Verständnis der materiellen und geistigen Dimensionen der Grabgestaltung.
Forschungsperspektive
Die aktuellen Untersuchungen zeigen das hohe Erkenntnispotenzial des Grabes noch Jahrzehnte nach seiner Entdeckung. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Archäologinnen, Archäobotanikern, Anthropologinnen und Geochemikern ermöglicht nicht nur detaillierte Rekonstruktionen einzelner Aspekte der Bestattung, sondern auch neue Einblicke in das rituelle und spirituelle Denken mesolithischer Gesellschaften.
Ab dem 27. März 2026 werden die jüngsten Ergebnisse im Rahmen einer großen Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) der Öffentlichkeit vorgestellt.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt