Bislang unbekannte syrische Weltchronik aus dem 8. Jahrhundert analysiert

Neue Einblicke in die politischen und religiösen Brüche zwischen Spätantike und Frühislam liefern Forscher der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW): Im legendären Katharinenkloster auf dem Sinai stießen sie auf eine bislang unbekannte christliche Weltchronik aus dem frühen 8. Jahrhundert. Die ursprünglich auf Syrisch verfasste und später ins Arabische übersetzte Handschrift zählt zu den frühesten erhaltenen Quellen, die die Expansion des arabisch-islamischen Weltreichs aus christlicher Sicht schildern.

Handschriftliche arabische Schriftzeichen auf vergilbtem, fleckigem Papier. Die Zeilen verlaufen horizontal und sind teilweise verblasst oder durch Tintenflecken unterbrochen. Die Buchstaben sind klar voneinander abgegrenzt und in dunkler Tinte ausgeführt. Es sind keine Illustrationen oder grafischen Elemente zu erkennen.
Wendepunkt um 636 n.Chr.: Eine Chronikseite beschreibt die entscheidende Schlacht zwischen den Byzantinern und den Arabern bei Yarmuk und den Rückzug Kaiser Herakleios' aus Syrien.© Sinai Manuscripts Digital Library, a publication of St. Catherine’s Monastery of the Sinai in collaboration with EMEL and UCLA. sinaimanuscripts.library.ucla.edu. Images reproduced with permission from St. Catherine’s Monastery.

Die Chronik, datiert auf die Jahre um 712/713 n. Chr., eröffnet neue Perspektiven auf die Zeit des Umbruchs im östlichen Mittelmeerraum – von den letzten Kämpfen zwischen Byzanz und Persien bis zu den frühen arabisch-byzantinischen Auseinandersetzungen nach der Entstehung des Islam.

Entdeckung im digitalen Klosterarchiv

Der Historiker Adrian Pirtea vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW stieß auf den spektakulären Fund bei der Durchsicht digitalisierter Handschriften aus dem Katharinenkloster. Erste Ergebnisse seiner Analyse wurden kürzlich im Fachjournal Medieval Worlds veröffentlicht.

Die Chronik überdauerte die Jahrhunderte in einer Handschrift aus dem 13. Jahrhundert – schwer beschädigt, mit verklebten Seiten und teils verblasstem Text. Erst hochauflösende Digitalisierungen der Early Manuscripts Electronic Library und die online frei verfügbaren Bilder der Sinai Manuscripts Digital Library machten eine detaillierte Untersuchung möglich.

„Seit meiner Identifizierung und der ersten Analyse des Textes wird zunehmend deutlich, dass es sich um eine bislang unbekannte christliche Universalchronik handelt“, erklärt Pirtea.

Eine Chronik der Umbrüche

Das Werk, das heute als „Maronitische Chronik von 713“ bezeichnet wird, entfaltet den Anspruch einer Weltgeschichte – von Adam bis zu den Debatten der eigenen Zeit. „Innerhalb einer syrisch-christlichen Gemeinschaft geschrieben, die traditionell mit Konstantinopel verbunden war, sich aber allmählich aufgrund theologischer Streitfragen von der byzantinischen Hauptstadt entfernte, bietet das Werk eine einzigartige Perspektive auf die Transformation des östlichen Mittelmeerraums in der Spätantike und der frühislamischen Zeit“, erläutert Pirtea.

Besonders wertvoll ist die Darstellung des 7. Jahrhunderts: Der anonyme Autor beschreibt den byzantinisch-sassanidischen Krieg (602–628), den Aufstieg des Islam sowie die frühislamischen Expansionen bis zu den arabisch-byzantinischen Kriegen der Spätzeit. Bemerkenswert ist der breite geographische Horizont der Chronik – neben Ereignissen in Syrien und dem Nahen Osten finden auch Nachrichten über den Balkan, Sizilien und Rom Erwähnung.

Bedeutung für die historische Forschung

„Die Chronik könnte eng mit einer verschollenen Quelle des achten Jahrhunderts zusammenhängen, auf die mehrere spätere Historiker zurückgriffen. Damit eröffnet sich ein entscheidender Schlüssel zur Rekonstruktion einer ganzen Tradition frühmittelalterlicher syrischer Geschichtsschreibung“, ordnet Pirtea ein.

Mit der Entdeckung rückt eine bislang verlorene Perspektive auf die Frühphase des Islam und die Zeit unmittelbar nach dessen Entstehung erstmals wieder ins Blickfeld der Forschung. Pirtea arbeitet derzeit an einer kritischen Edition und vollständigen Übersetzung, die die „Maronitische Chronik von 713“ künftig der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft zugänglich machen soll.

Quelle ÖAW

Originalpublikation:

A Hitherto Unknown Universal History of the Early Eighth Century: Preliminary Notes on the Maronite Chronicle of 713, Adrian C. Pirtea, medieval worlds, no. 23/2025, pp. 155-167, 2025/11/27
DOI: 10.1553/medievalworlds_no23_2025s155

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