Die Chronik, datiert auf die Jahre um 712/713 n. Chr., eröffnet neue Perspektiven auf die Zeit des Umbruchs im östlichen Mittelmeerraum – von den letzten Kämpfen zwischen Byzanz und Persien bis zu den frühen arabisch-byzantinischen Auseinandersetzungen nach der Entstehung des Islam.
Entdeckung im digitalen Klosterarchiv
Der Historiker Adrian Pirtea vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW stieß auf den spektakulären Fund bei der Durchsicht digitalisierter Handschriften aus dem Katharinenkloster. Erste Ergebnisse seiner Analyse wurden kürzlich im Fachjournal Medieval Worlds veröffentlicht.
Die Chronik überdauerte die Jahrhunderte in einer Handschrift aus dem 13. Jahrhundert – schwer beschädigt, mit verklebten Seiten und teils verblasstem Text. Erst hochauflösende Digitalisierungen der Early Manuscripts Electronic Library und die online frei verfügbaren Bilder der Sinai Manuscripts Digital Library machten eine detaillierte Untersuchung möglich.
„Seit meiner Identifizierung und der ersten Analyse des Textes wird zunehmend deutlich, dass es sich um eine bislang unbekannte christliche Universalchronik handelt“, erklärt Pirtea.
Eine Chronik der Umbrüche
Das Werk, das heute als „Maronitische Chronik von 713“ bezeichnet wird, entfaltet den Anspruch einer Weltgeschichte – von Adam bis zu den Debatten der eigenen Zeit. „Innerhalb einer syrisch-christlichen Gemeinschaft geschrieben, die traditionell mit Konstantinopel verbunden war, sich aber allmählich aufgrund theologischer Streitfragen von der byzantinischen Hauptstadt entfernte, bietet das Werk eine einzigartige Perspektive auf die Transformation des östlichen Mittelmeerraums in der Spätantike und der frühislamischen Zeit“, erläutert Pirtea.
Besonders wertvoll ist die Darstellung des 7. Jahrhunderts: Der anonyme Autor beschreibt den byzantinisch-sassanidischen Krieg (602–628), den Aufstieg des Islam sowie die frühislamischen Expansionen bis zu den arabisch-byzantinischen Kriegen der Spätzeit. Bemerkenswert ist der breite geographische Horizont der Chronik – neben Ereignissen in Syrien und dem Nahen Osten finden auch Nachrichten über den Balkan, Sizilien und Rom Erwähnung.
Bedeutung für die historische Forschung
„Die Chronik könnte eng mit einer verschollenen Quelle des achten Jahrhunderts zusammenhängen, auf die mehrere spätere Historiker zurückgriffen. Damit eröffnet sich ein entscheidender Schlüssel zur Rekonstruktion einer ganzen Tradition frühmittelalterlicher syrischer Geschichtsschreibung“, ordnet Pirtea ein.
Mit der Entdeckung rückt eine bislang verlorene Perspektive auf die Frühphase des Islam und die Zeit unmittelbar nach dessen Entstehung erstmals wieder ins Blickfeld der Forschung. Pirtea arbeitet derzeit an einer kritischen Edition und vollständigen Übersetzung, die die „Maronitische Chronik von 713“ künftig der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft zugänglich machen soll.
Quelle ÖAW
Originalpublikation:
A Hitherto Unknown Universal History of the Early Eighth Century: Preliminary Notes on the Maronite Chronicle of 713, Adrian C. Pirtea, medieval worlds, no. 23/2025, pp. 155-167, 2025/11/27
DOI: 10.1553/medievalworlds_no23_2025s155