Die Arbeiten erfolgten im Auftrag der SDI GmbH & Co. KG unter Leitung von Sabine Watzlawik (ArchäoTeam GmbH). Wie in der Altstadt Regensburgs üblich, traten Spuren verschiedener Epochen zutage – von prähistorischen Siedlungsspuren bis zu mittelalterlichen Nutzungsschichten. Der besondere Charakter einzelner Befunde wurde jedoch erst nach und nach erkennbar, da sie aufgrund der beengten Baugrube nur in mehreren voneinander getrennten Etappen zwischen Frühjahr und Herbst 2023 ausgegraben werden konnten.
Eine Entdeckung auf den zweiten Blick
Erst die Zusammenführung aller Grabungsdaten brachte Gewissheit: Nach Auswertung der Funde durch den Archäologen Dr. Stefan Reuter wurde deutlich, dass sich an dieser Stelle ein römischer Tempel befunden haben muss – ein Heiligtum des orientalischen Gottes Mithras.
Das Bauwerk bestand ursprünglich aus Holz und ist daher nur in Spuren erhalten. Ausschlaggebend für die Identifizierung waren mehrere Begleitfunde: ein Weihestein mit nicht mehr lesbarer Inschrift, Fragmente von Votivblechen, Beschläge eines Schreins sowie Münzen, die eine Datierung ermöglichen.
Vorderseite einer Münze mit dem Abbild des Kaisers Hadrian (Regierungszeit 117 - 138 n. Chr.)
© Museen der Stadt Regensburg
Das Heiligtum entstand demnach zwischen 80 und 171 n. Chr., in der Zeit des Kohortenkastells in Kumpfmühl und der zugehörigen Donausiedlung – also noch vor Entstehung des späteren Legionslagers.
Hinweise auf den Mithras-Kult
Besondere Stücke lieferten den entscheidenden Hinweis auf den religiösen Kontext: Keramikscherben mit schlangenförmigen Verzierungen, Räucherkelche und Henkelkrüge. Solche Objekte sind charakteristisch für den Mithras-Kult, in dem rituelle Gelage eine zentrale Rolle spielten.
Fragment eines Votivblechs
© Museen der Stadt Regensburg
Maximilian Ontrup, M.A., Experte für provinzialrömische Archäologie bei den Museen der Stadt Regensburg, ordnet den Fund ein:
„Der Fund ist gleich zweifach singulär: Zum einen ist das Regensburger ‚Mithräum‘ das erste Heiligtum aus römischer Zeit, das überhaupt in der Altstadt identifiziert wurde. Und überregional ist es das älteste von insgesamt neun, die in Bayern bisher entdeckt worden sind.“
Da die Blütezeit des Mithras-Kults erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts beginnt, gilt das Regensburger Heiligtum als ausgesprochen früher Beleg für die Verehrung dieser Gottheit nördlich der Alpen.
Bedeutung für die Forschung
Die Entdeckung gilt als eine der bedeutendsten archäologischen Neufunde der letzten Jahre in Regensburg. Sie eröffnet neue Perspektiven auf die noch wenig erforschte Donausiedlung und wirft zugleich Licht auf die frühesten Formen römischer Religion in der Region.
Darüber hinaus liefert das Fundensemble wertvolle Hinweise auf die Kultpraxis der Mithras-Verehrung, deren genaue Rituale und Symbolik bis heute nur teilweise entschlüsselt sind. Gerade diese Verbindung von lokalem Kontext und überregionalem Forschungspotenzial macht das Regensburger Mithräum besonders bedeutsam.
Vom Grabungsfeld ins Museum
Angesichts der wissenschaftlichen Relevanz wurde ein gemeinsames Forschungsprojekt der Stadt Regensburg und des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege initiiert. Die geborgenen Objekte übergibt die SDI GmbH & Co. KG den Museen der Stadt Regensburg, wo sie künftig im Rahmen eines neuen Museumskonzepts präsentiert werden sollen.
Museumsleiter Dr. Sebastian Karnatz betont die Chancen dieser Aufgabe:
„Wir werden die zunächst unspektakulär erscheinenden Fundstücke kontextualisieren, visualisieren und dadurch zum Sprechen bringen. Der Aufwand wird sich lohnen: Die Funde des ‚Mithräums‘ im Museum werden das Bild vom römischen Regensburg um eine wesentliche Facette bereichern.“
Quelle: Stadt Regensburg