Ausgrabungen am Augustäischen Forum in Barcelona liefern überraschende Ergebnisse

Bei den Erweiterungsarbeiten des Gran Hotel Barcino in der Carrer d'Hèrcules 3 in Barcelona kam ein archäologischer Befund von besonderer Bedeutung für die Erforschung des römischen Barcino zutage. Im Untergrund des spätmittelalterlichen Requesens-Hauses wurde ein monumentales Pflaster entdeckt, das dem Forum der römischen Kolonie zugeordnet werden kann. Die Entdeckung erfordert eine Neubewertung der Stadtplanung des antiken Barcelonas.

Große, rechteckige Steinplatten liegen in mehreren Reihen auf dem Boden einer Ausgrabungsstätte. Die Platten sind unterschiedlich groß und weisen eine raue Oberfläche auf. Im Hintergrund sind Mauern aus unregelmäßig geformten Steinen zu sehen. Oben verlaufen helle Kabel oder Schläuche entlang einer Holzkonstruktion. Die Szene ist von künstlichem Licht beleuchtet.
Steinplatten des römischen Forum in Barcelona© Jordi Amorós (Ager Archaeology)

Die römische Kolonie Iulia Augusta Faventia Paterna Barcino, gegründet von Kaiser Augustus zwischen 15 und 10 v. Chr., entstand um den Mons Tàber, einen langgestreckten Hügel in Meeresnähe. In diesem Bereich, unweit der heutigen Plaça de Sant Jaume, befand sich das Forum, der zentrale öffentliche Platz an der Kreuzung von Cardo und Decumanus Maximus. Diese beiden Hauptachsen der Stadt entsprechen in etwa den heutigen Straßen Llibreteria und Call sowie Bisbe, Ciutat und Regomir und strukturierten das politische, administrative und religiöse Leben der Kolonie.

An der Spitze des Forums erhob sich der Augustustempel, dessen Podium und vier bis zu 12 Meter hohe Säulen an der Carrer del Paradís erhalten sind. Bis vor Kurzem bildeten diese Relikte das einzige bekannte architektonische Element, das eindeutig dem öffentlichen Platz des Forums zugeordnet werden konnte. Vor diesem Hintergrund kommt den neuen Befunden in der Carrer d’Hèrcules 3 besondere Bedeutung zu, da sie erstmals großflächige bauliche Strukturen des Forums selbst greifbar machen.

Die Grabungskampagnen im Requesens-Haus

Die archäologischen Arbeiten im Requesens-Haus, einem gotischen Gebäude des 14. und 15. Jahrhunderts an der Ecke Carrer d'Hèrcules 3 und Carrer d'Arlet 5, erstreckten sich über mehr als zwei Jahre. Anlass war die geplante Erweiterung des Gran Hotel Barcino, im Zuge derer zunächst eine präventive Untersuchung für einen lediglich 6 m² großen Aufzugsschacht vorgesehen war. Der unerwartete Fund einer 2,5 Meter tief liegenden Plattenfläche veränderte den Charakter des Projekts jedoch grundlegend.

Auf Empfehlung des Archäologischen Dienstes von Barcelona (ICUB) und der Territorialen Kulturbehörde der Generalitat de Catalunya wurde die Ausgrabungsfläche von 6 m² auf 80 m² erweitert. Der Eigentümer, die Grup Gargallo, passte das Bauvorhaben so an, dass die antiken Strukturen weitgehend erhalten, wissenschaftlich dokumentiert und in die spätere Nutzung des Untergeschosses integriert werden konnten.

In einer zweiten Phase (Mai bis Juli 2024) erfolgten strukturelle Konsolidierungsmaßnahmen am Requesens-Haus: 70 Mikropfähle wurden eingebracht, um die vollständige Aushebung der Großen Halle, in der sich das Pflaster befindet, statisch zu sichern. Zwischen Februar und Juli 2025 wurden die Ausgrabungen in der Halle abgeschlossen und auf den Innenhof des gotischen Hauses ausgeweitet, wo weitere Überreste des Forums sowie spätere Schichten freigelegt wurden. Anschließend wurden die Befunde museal aufbereitet und seit September 2025 schrittweise für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Das Pflaster des Forums: Monumentale Struktur aus Montjuïc-Stein

Im Zentrum der neuen Entdeckung steht ein großflächiges Pflaster aus Montjuïc-Steinplatten aus der Gründungszeit der Kolonie (15–10 v. Chr.), das 42 m² einnimmt und fast vollständig innerhalb der heute museal genutzten Großen Halle liegt. Die Steinplatten variieren in der Breite zwischen 43 cm und 118 cm, erreichen Längen von bis zu 149 cm und weisen eine Dicke zwischen 18 und 35 cm auf, um die Unebenheiten des geologischen Untergrunds auszugleichen.

Das Pflaster ist in Reihen angeordnet, die von Nordwesten nach Südosten verlaufen, senkrecht zum Cardo und parallel zum Decumanus. Diese Ausrichtung entspricht dem orthogonalen Stadtraster von Barcino und stützt die Zuordnung der Struktur zum Forum. Es handelt sich um das erste Pflaster dieser Art, das in Barcelona dokumentiert werden konnte. Aufgrund der Lage und des städtebaulichen Kontextes wird der Befund daher dem Forum der römischen Kolonie Barcino zugewiesen. Noch ungeklärt ist, ob die Pflasterung zum Innenraum eines öffentlichen Gebäudes – politischer, juristischer, religiöser oder kommerzieller Funktion – oder zum Außenbereich des Forumsplatzes gehörte.

Hydraulik und Monumentalität: Brunnen, Siphon und römischer Beton

Am südöstlichen Rand wird das Pflaster von einer massiven römischen Betonstruktur begrenzt, die im Innenhof des heutigen Gebäudekomplexes sichtbar ist. Unmittelbar daneben befindet sich ein gepflasterter Bereich, flankiert von zwei quadratischen, 2,6 Meter tiefen Brunnen („9 römische Fuß“), die durch einen Siphon miteinander verbunden sind. Keramikanalysen legen nahe, dass diese Brunnen um die Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. außer Gebrauch kamen.

Im römischen Kontext wurde die spezielle Rohrleitungsführung mittels Siphon eingesetzt, um Wasserflüsse zu regulieren, Behälter zu reinigen, eine kontinuierliche Zirkulation zu gewährleisten und Geruchs- oder Stagnationsprobleme zu vermeiden. Die Archäologen vermuten, dass es sich in diesem Fall um ein Element eines komplexen hydraulischen Systems handelt, das möglicherweise im Zusammenhang mit einem Zierbrunnen oder der Wasserbewirtschaftung auf dem Forum steht.

Es ist denkbar, dass die massive Betonstruktur ursprünglich mit Marmorelementen oder -platten verkleidet war. Darauf deutet der Fund von über 150 Fragmenten importierten Marmors hin, darunter Material aus Carrara, vom griechischen Festland, von Inseln der Ägäis, aus Anatolien und aus Ägypten.

Nutzung und Umgestaltung vom 1. bis zum 7. Jahrhundert n. Chr.

Am nordöstlichen Ende zeigt das Forumspflaster deutliche Aushubspuren – ein Phänomen, das für die Hochkaiserzeit (1.–3. Jahrhundert n. Chr.) charakteristisch ist, wenn Steinplatten und Quader für neue Bauprojekte sekundär verwendet wurden. Keramiken, mit denen die durch diesen Steinraub entstandenen Hohlräume verfüllt wurden, deuten darauf hin, dass der Verlust der ursprünglichen städtischen Funktion und die sukzessive Aufgabe des öffentlichen Platzes in den Beginn des 5. Jahrhunderts n. Chr. zu datieren sind. Diese Phase fällt in die spätantike Krisenzeit (4.–5. Jahrhundert n. Chr.) mit dem Zerfall der römischen Verwaltungsstrukturen und dem Einmarsch der Westgoten in Katalonien.

In der Spätantike (6.–7. Jahrhundert n. Chr.) lassen sich innerhalb der Großen Halle mehrere Mauern und Fußböden nachweisen, die auf eine stärkere Parzellierung und eine zunehmend häusliche Nutzung des ehemaligen Forumsareals hinweisen. Das einst zentrale öffentliche Areal der Kolonie wurde damit funktional umgedeutet und in ein dichteres, kleinteiligeres Bebauungsmuster integriert.

Frühmittelalter, Gotik und Neuzeit: Kontinuität urbaner Nutzung

Auch im Frühmittelalter (8.–10. Jahrhundert n. Chr.) setzt sich die Nutzung des Areals fort. Umbaumaßnahmen dieser Zeit belegen eine Nutzung, die sich deutlich von der römischen Phase unterscheidet und den Wandel der städtischen Funktionen widerspiegelt. Aus den Schichten des Spätmittelalters stammen Baubefunde, die mit der Errichtung des gotischen Requesens-Hauses im 14. und 15. Jahrhundert in Verbindung stehen, ergänzt durch spätere Umbauten der Neuzeit.

Im Hof, der direkt auf der massiven römischen Betonstruktur errichtet wurde, kommen zwei parallele Steinmauern aus Kalkmörtel zum Vorschein, die im Abstand von zwei Metern verlaufen und um 14,5° gegenüber dem antiken Pflaster gedreht sind. Sie deuten auf einen alten Durchgang oder eine Straße hin, die im Zuge einer städtebaulichen Neuordnung zwischen dem 6. und 7. Jahrhundert entstand. Ihr Verlauf lässt sich mit der frühchristlichen Kirche Sant Just i Pastor aus dem 6. Jahrhundert in Verbindung bringen, deren gelappte Apsis heute unter der gotischen Nachfolgebaukirche an der Carrer d'Hèrcules sichtbar ist.

Ein besonders aussagekräftiger Befund für die Nutzungsgeschichte des Areals ist ein mittelalterliches Silo im Hof des gotischen Hauses. Mit einem Fassungsvermögen von rund 3.000 Litern wurde seine untere Hälfte in die römische Betonstruktur eingetieft, während die obere Hälfte in Mauerwerk ausgeführt ist – ein Aufbau, der Parallelen zu den Silos der Domus Sant Honorat aufweist. Das Silo diente vermutlich bis zur Neuzeit als zentraler Getreidespeicher des Hauses und illustriert die langfristige Einbindung der antiken Bausubstanz in neue Nutzungszusammenhänge.

Funde: Keramik, Münzen und Marmor

Die Ausgrabungen brachten neben der monumentalen Architektur eine große Menge von Kleinfunden zutage. Zahlreiche importierte Keramiken und insgesamt 58 Münzen belegen die lange Nutzungsgeschichte des Ortes und seine Einbindung in überregionale Wirtschafts- und Austauschbeziehungen. Zusammen mit den über 150 Fragmenten hochwertigen Marmors unterstreichen sie die Einzigartigkeit des Fundortes und den hohen repräsentativen Anspruch des Forums. Alle Fundobjekte befinden sich derzeit in der Auswertung, die weitere Einblicke in Chronologie, Nutzung und soziale Dimensionen des Platzes erwarten lässt.

Neue Hypothese zur Ausrichtung des Forums

Die Befunde in der Carrer d'Hèrcules 3 erzwingen eine kritische Neubewertung der traditionellen Rekonstruktion der Forumstopographie in Barcino. Bislang ging man davon aus, dass das Forum parallel zum Cardo Maximus orientiert war und einen großen Teil des Areals des Palau de la Generalitat und der Plaça Sant Jaume einnahm.

 

Im Zentrum der Karte ist ein rechteckiger Bereich mit der Beschriftung 'FORUM' und 'TEMPLE' zu sehen, umgeben von mehreren Portiken. Die Karte zeigt eine schematische Darstellung der traditionellen Stadtstruktur von Barcino mit grünen Linien für Straßen und Gebäudekonturen. Die Umrisse der Stadtmauer sind ebenfalls markiert. Unten befindet sich eine Legende mit den Begriffen 'Hércules 3 / Acta 5' und 'Muralla altimperial (s. I dC)'. Die Beschriftung am unteren Rand lautet: 'Hipòtesi tradicional de la trama urbana de Barcino'.
Traditionelle Hypothese zur Lage des Forums von Barcino. © Jordi Amorós (Ager arqueologia)
Schwarz-weiße Linienzeichnung eines Stadtplans mit hervorgehobenen Bereichen in Grün und Rot. Die Karte zeigt Straßen und Gebäudeumrisse, darunter das Forum, einen Tempel und weitere markierte Orte. Zwei breite Linien verlaufen vertikal durch die Karte und teilen das Gebiet. Unten steht ein Text in spanischer Sprache.
Neue Hypothese zur Lage des Forums von Barcino. © Jordi Amorós (Ager arqueologia)
Die neuen Grabungsdaten sprechen nun deutlich für eine Ausrichtung parallel zum Decumanus Maximus, also für eine Drehung des Forums um 90°. Diese Orientierung passt exakt zur Richtung des dokumentierten Pflasters und zu seiner zentralen Lage innerhalb der römischen Stadt. Die vorgeschlagene Neuinterpretation erlaubt ein differenzierteres Verständnis der Organisation der öffentlichen Räume und eröffnet neue Perspektiven für die Erforschung der Stadtmorphologie des antiken Barcelona.

 

Noch offen bleibt die Frage, ob der Augustustempel, der im Bereich des Forums verortet wird, diese Neuausrichtung mitvollzieht oder seine bisher angenommene Orientierung beibehält. „Dieser Vorschlag zur Neuausrichtung des Forums geht jedoch nicht darauf ein, ob der im selben Bereich des Forums gelegene Augustustempel diese Drehung mitnimmt oder seine traditionelle Ausrichtung beibehält. Dieser Aspekt wird in der vorliegenden Pressemitteilung nicht behandelt und bleibt Gegenstand zukünftiger Forschung.“

Archäologie im Herzen Barcelonas

Die nun museal präsentierten Strukturen unter dem Requesens-Haus machen die Entwicklung Barcelonas von der augusteischen Kolonie über die Spätantike und das Mittelalter bis in die Neuzeit exemplarisch sichtbar. In unmittelbarer Nähe zu zentralen modernen Institutionen und Plätzen ermöglicht der Fund, die historische Tiefenschichtung des städtischen Raums zu erleben und zugleich zentrale Fragen der römischen Stadtplanung neu zu stellen. 

Quelle Servei d'Arqueologia de Barcelona

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