Um die zeitliche Einordnung der Funde zu klären, untersuchte das Forschungsteam die Sedimente um die Wetzsteine mittels optisch stimulierter Lumineszenz (OSL). Dieses Verfahren misst, wann Quarzkörner zuletzt dem Sonnenlicht ausgesetzt waren. Das gespeicherte „Lichtgedächtnis“ der Mineralien verrät, wie lange sie sich bereits im Erdreich befinden.
Die Messungen ergaben Datierungen zwischen 42 und 238 n. Chr. – eindeutig innerhalb der römischen Besiedlungsphase Britanniens. Damit ist belegt, dass das Areal schon frühzeitig Teil der römischen Infrastruktur war.
Offerton als Produktionszentrum
Wetzsteine spielten im römischen Alltag eine Schlüsselrolle: Sie dienten zum Schärfen von Werkzeugen, Waffen und medizinischen Instrumenten und waren damit für Handwerk, Landwirtschaft und Militär gleichermaßen unentbehrlich. Die außergewöhnliche Menge der Funde legt nahe, dass sich in Offerton ein spezialisiertes Produktionszentrum befand.
Ein Sandsteinaufschluss auf der gegenüberliegenden Flussseite deutet darauf hin, dass hier gezielt Rohstein für die Herstellung gewonnen wurde – möglicherweise die erste bekannte römische Wetzsteinproduktion in Britannien. Das Team schätzt, dass im Boden noch Hunderte, vielleicht sogar Tausende weiterer Schleifsteine verborgen liegen.
Spuren unterschiedlicher Herstellungsphasen
Unter den Funden befinden sich Schleifsteine in allen Produktionsstadien: von grob behauenen Rohlingen mit Werkzeugspuren bis zu fein bearbeiteten, fast fertigen Exemplaren. Besonders bemerkenswert sind 65 sogenannte „Doppelstücke“, also Rohlinge, die vor der Teilung miteinander verbunden waren, sowie ein äußerst seltenes „Dreifachstück“.
Da alle Steine Beschädigungen aufweisen, geht das Team davon aus, dass sie während der Qualitätskontrolle aussortiert wurden – vermutlich, weil sie die strengen Maßvorgaben der römischen Armee nicht erfüllten.
Steinanker und Flusshandel
Neben den Wetzsteinen legten die Archäologinnen und Archäologen auch fünf Steinanker frei, die das Bild des Handelsplatzes am Wear komplettieren. Zusammen mit sechs bereits 2022 entdeckten Exemplaren ergibt sich die größte bekannte Ansammlung von Steinankern an einem nordeuropäischen Fluss.
Die Forschenden vermuten, dass die Anker von Flussschiffen stammten, die Rohsandstein über den Wear transportierten – möglicherweise direkt zu den Werkstätten, in denen die Wetzsteine hergestellt wurden.
Jahrtausende der Ufernutzung
Neben den römischen Funden kamen Relikte aus deutlich jüngeren Epochen ans Licht: eine hölzerne Anlegestelle aus der nachmittelalterlichen Zeit, eine ältere steinerne Landungsrampe, Werkzeuge wie Meißel und Steinspalter, ein Lederschuh aus der Tudorzeit sowie Kanonenkugeln und Bleischrot aus dem Englischen Bürgerkrieg.
Diese Entdeckungen zeigen, dass das Ufer des Wear über viele Jahrhunderte hinweg genutzt wurde – ein durchgehender Bogen menschlicher Aktivität, der sich nun über fast zwei Jahrtausende spannt.
Quelle: Durham University