Archäologen lesen vergessene Texte: Was römische Wachstäfelchen aus dem belgischen Tongeren verraten

Ein Team um den Frankfurter Archäologen und Epigraphiker Markus Scholz hat römische Wachstäfelchen aus Tongeren entziffert. Dabei konnten neue Einblicke in die Verwaltung, Bildung und das Alltagsleben einer multikulturellen Provinzstadt des Römischen Reiches gewonnen werden.

Ein rechteckiges, flaches Holzstück mit abgerundeten Ecken liegt auf weißem Untergrund. Die Oberfläche zeigt mehrere waagerechte, parallel verlaufende Linien und ist stellenweise rissig und unregelmäßig. Am oberen Rand ragt ein kleiner, abgebrochener Holzstift hervor. Am unteren Bildrand befindet sich ein Lineal mit Millimeter- und Zentimeter-Skala.
Atuatuca Tungrorum/Tongeren. Bruchstück eines hölzernen Schreibtäfelchens (Kat. Nr. 32) mit Erwähnung ehrenvoll entlassener Flottensoldaten (classici)© Gallo-Romeins Museum Tongeren-Borgloon

Vor einem Jahr stand Prof. Markus Scholz im Rampenlicht der internationalen Medien. Die Entzifferung der sogenannten Frankfurter Silberinschrift durch den Archäologen und Epigraphiker der Goethe-Universität Frankfurt hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. Sein Fund belegte erstmals eindeutig, dass der Glaube an Jesus Christus bereits im 3. Jahrhundert nördlich der Alpen verbreitet war.

Nun gelang Scholz ein weiterer sensationeller Erfolg: Gemeinsam mit dem Mainzer Emeritus Jürgen Blänsdorf entzifferte er Schriftspuren auf hölzernen Fragmenten römischer Wachstäfelchen, die im belgischen Tongeren entdeckt wurden. Dieser Fund ermöglicht einzigartige Einblicke in die Verwaltung, Bildung und Alltagskultur einer römischen Provinzstadt.

Wiederentdeckung eines lange übersehenen Schatzes

Tongeren, im Osten Belgiens gelegen, gilt als die älteste Stadt des Landes. Ihre Wurzeln reichen in die römische Zeit zurück, als hier Atuatuca Tungrorum entstand – eine lebendige Siedlung, die Mitte des 5. Jahrhunderts den Hunnen zum Opfer fiel.

Bereits in den 1930er Jahren wurden dort Holzstücke ausgegraben, die damals als unbedeutende Überreste von Brettern oder Kisten betrachtet wurden. Erst 2020 erkannte Else Hartoch, die Direktorin des Gallo-Romanischen Museums in Tongeren, ihren wahren Wert: Es handelte sich um römische Wachstäfelchen, also jene Schreibunterlagen, in die man Texte in Wachs einritzte. Das Wachs ist längst vergangen, doch manche Schriftzüge haben sich als feine Abdrücke im Holz erhalten.

Eine echte Herausforderung für Epigraphiker

Hartoch wandte sich an Markus Scholz, der sich 2021 – mitten in der Pandemie – gemeinsam mit Jürgen Blänsdorf den winzigen Schriftresten widmete. Für den erfahrenen Inschriftenleser stellte diese Aufgabe eine besondere Herausforderung dar.

„Das Holz, das ja auch über eine eigne Maserung verfügt, war komplett ausgetrocknet. Es war sehr schwierig zu erkennen, welche Kerben tatsächlich zu einem Schriftzeichen gehörten und nicht einfach Rillen im Holz oder Trockenheitsschäden waren“, erklärt der Archäologe. „Das waren schon größere Hürden als beim Amulett aus Nida, zumal die Täfelchen teilweise wiederbeschriftet worden waren und verschiedene Palimpseste übereinanderliegen“, betont er.

Die Forscher nutzten modernste Visualisierungstechniken wie Reflectance Transformation Imaging (RTI), um die feinen Einritzungen sichtbar zu machen. Dennoch blieb viel Handarbeit nötig: „Wir mussten trotz Corona persönlich an den Originalen arbeiten – natürlich mit Maske“, erinnert sich Scholz.

Antiker Datenschutz und römische Bürokratie

Insgesamt konnten 85 Fragmente untersucht werden. Sie stammen von zwei unterschiedlichen Fundorten innerhalb Tongerens.

Ein Teil davon lag in einem Brunnen in der Nähe des Forums und wurde offenbar absichtlich zerstört, um vertrauliche Informationen unleserlich zu machen – vielleicht ein früher Ausdruck des Datenschutzes. Diese Täfelchen enthielten offizielle Dokumente, darunter Verträge und Mitschriften, die Schreiber mit starkem Druck in das Wachs geritzt hatten, wodurch sich die Spuren besonders deutlich ins Holz übertrugen.

Andere Stücke wurden in einer mit Abfällen verfüllten Matschmulde gefunden. Unter anderem fanden sich darin Abschriften für Behörden, Schulübungen – das letzte Stadium eines Schreibmaterials – und sogar der Entwurf einer Inschrift für eine Statue des späteren Kaisers Caracalla aus dem Jahr 207 n. Chr.

Neue Einblicke in das Leben der Provinz

Scholz und Blänsdorf konnten nur auf etwa der Hälfte der Tafeln tatsächlich Schriftreste identifizieren. Doch diese wenigen Zeilen liefern bedeutsame Hinweise. So belegen sie beispielsweise, dass in Tongeren hohe Ämter vertreten waren, darunter ein Decemvir, ein städtischer Magistrat, sowie Liktoren, die Leibdiener staatlicher Beamter waren. Solche Belege sind in den nördlichen Provinzen des Römischen Reiches bisher ausgesprochen selten.

Auch die auf den Täfelchen aufgeführten Namen zeugen von kultureller Vielfalt: Hier lebten offenbar keltische, römische und germanische Personen Seite an Seite. Unter ihnen befinden sich einzigartige Namen. Einige der Schreiber oder Auftraggeber waren ehemalige Soldaten, die nach ihrem Dienst in der Rheinflotte oder anderen Einheiten in Tongeren sesshaft wurden.

Im Vergleich zur „Silberinschrift von Frankfurt“ wirkt das Tongeren-Projekt vielleicht weniger spektakulär – es ist kein glänzendes Objekt und es gibt keine neue religiöse Sensation. Doch der Erkenntnisgewinn ist wissenschaftlich enorm. Die entzifferten Tafeln ermöglichen einen seltenen Einblick in die römische Schriftkultur, Verwaltung und Bildungspraxis in einer Grenzregion des Römischen Reichs.

Quelle: Goethe Universität Frankfurt

Literatur: Else Hartoch (ed.), The writing tablets of Roman Tongeren (Belgium) and associated wooden finds (Turnhout 2025). (S. 21-32 Abschnitt 1.2 über die entzifferten Texte und ihre Bedeutung sowie kommentierter Katalog S. 185-280 Catalogue Part 1; S. 281-314 Catalogue Part 2 von Jürgen Blänsdorf and Markus Scholz)

Das Buch ist auch im open access erschienen: https://www.brepols.net/products/IS-9782503616872-1

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