Die Region, einschließlich des Deltas im Norden Deutschlands, der Niederlande und Belgiens, bot ideale Bedingungen für Jagd und Fischfang neben landwirtschaftlichen Ansätzen. Im Gegensatz zum Rest des Kontinents führte die Einführung des Ackerbaus um 4500 v. Chr. hier nicht zu einem raschen genetischen Umschwung – anders als in vielen Gebieten, wo 70 bis 100 Prozent des Jäger-Sammler-Erbguts verschwanden. Stattdessen blieb der Anteil west-europäischer Jäger-Sammler-DNA prominent und hielt sich rund 3.000 Jahre länger auf hohem Niveau als anderswo.
Karte mit Angaben zum Anteil der Jäger- und Sammlerbevölkerung in Europa zwischen 4500 und 2500 v. Chr.
© Olalde, I., Altena, E., Bourgeois, Q. et al. Lasting Lower Rhine–Meuse forager ancestry shaped Bell Beaker expansion. Nature (2026).
Rolle der Frauen bei der Wissensvermittlung
Besonders auffällig: Der genetische Beitrag einwandernder Bauern aus dem Nahen Osten floss hauptsächlich über Frauen ein, die in lokale Jäger-Sammler-Gruppen eintraten und landwirtschaftliches Wissen sowie Keramik-Innovationen mitbrachten. Dieses Muster konzentrierte sich auf Flussauen und Küsten, wo natürliche Ressourcen eine selektive Übernahme ermöglichten, ohne Jäger-Sammler-Praktiken vollständig aufzugeben. Die spezifische Ökologie der Feuchtgebiete verhinderte eine schnelle Adaption der Linearbandkeramik und förderte getrennte Gruppen mit begrenztem Genfluss, aber ideellem Austausch wie keramischen Innovationen.
Der Wandel durch Glockenbecher-Kultur
Erst mit der Glockenbecher-Kultur um 4400 bis 3900 Jahre vor heute vollzog sich ein rapider Umschwung: Zuwanderer beiderlei Geschlechts vermischten sich mit Einheimischen, was zu einer 90–100%igen Verdrängung neolithischer Abstammung führte – ähnlich wie in Großbritannien. Auch dort zeigte sich trotz der kulturellen Veränderung eine gewisse Kontinuität: So wurden offenbar zumindest eine Zeit lang spätsteinzeitlichen Monumenten, wie Stonehenge, Avebury oder Woodhenge weiter genutzt.
Experten zur überraschenden Kontinuität
Der Paläoökologe Professor John Stewart von der Bournemouth University und Archäologen der Universität Lüttich in Belgien kommentierte: „Wir hatten einen deutlichen Wandel zwischen den älteren Jäger- und Sammlerbevölkerungen und den jüngeren Ackerbauern erwartet, aber anscheinend verlief der Wandel im Tiefland und entlang der Flüsse der Niederlande und Belgiens weniger unmittelbar. Es ist wie in einer Waterworld, wo die Zeit stillstand.“
Dr. Maria Pala von der Universität Huddersfield sagte: „Studien alter DNA enthüllen oft unerwartete Kapitel unserer Vergangenheit. Wir können erwarten, Unerwartetes zu finden, wenn wir Proben aus unerforschten oder abgelegenen Regionen der Erde analysieren. Doch hier untersuchen wir das Herz Europas, was diese Ergebnisse umso bemerkenswerter macht. Es ist ein Beweis für die Aussagekraft der Forschung an alter DNA, dass uns solche Erkenntnisse immer noch überraschen können. Diese Studie hat auch die entscheidende Rolle der Frauen bei der Wissensweitergabe von den einwandernden Ackerbaugemeinschaften an die einheimischen Jäger und Sammler verdeutlicht.“
Quelle: University of Huddersfield
Originalpublikation:
Olalde, I., Altena, E., Bourgeois, Q. et al. Lasting Lower Rhine–Meuse forager ancestry shaped Bell Beaker expansion. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10111-8