Alte DNA offenbart widerstandsfähige Jäger-Sammler-Populationen im Rhein-Maas-Gebiet

Eine neue Studie offenbart, dass Jäger- und Sammlergemeinschaften in der Rhein-Maas-Region des heutigen Belgiens, der Niederlande und Norddeutschlands rund 3.000 Jahre länger als anderswo in Europa überdauerten. Forscher analysierten vollständige Genome von 112 Individuen aus der Zeit zwischen 10.500 und 3.700 Jahren vor heute, um genetische Kontinuitäten in dieser fruchtbaren Wasserlandschaft zu rekonstruieren.

Eine Person trägt einen weißen Ganzkörperschutzanzug, eine Schutzbrille, eine medizinische Maske und Handschuhe. Sie arbeitet in einem Labor an einer sterilen Werkbank und hält eine Pipette in der Hand. Die Umgebung wirkt sauber und technisch, mit reflektierenden Oberflächen und Laborutensilien.
Labor an der Universität von Huddersfield© Universität von Huddersfield

Die Region, einschließlich des Deltas im Norden Deutschlands, der Niederlande und Belgiens, bot ideale Bedingungen für Jagd und Fischfang neben landwirtschaftlichen Ansätzen. Im Gegensatz zum Rest des Kontinents führte die Einführung des Ackerbaus um 4500 v. Chr. hier nicht zu einem raschen genetischen Umschwung – anders als in vielen Gebieten, wo 70 bis 100 Prozent des Jäger-Sammler-Erbguts verschwanden. Stattdessen blieb der Anteil west-europäischer Jäger-Sammler-DNA prominent und hielt sich rund 3.000 Jahre länger auf hohem Niveau als anderswo.

Karte von Europa mit Farbverlauf von Rot bis Gelb zur Darstellung hoher und niedriger Jäger-Sammler-Dichte
Karte mit Angaben zum Anteil der Jäger- und Sammlerbevölkerung in Europa zwischen 4500 und 2500 v. Chr. © Olalde, I., Altena, E., Bourgeois, Q. et al. Lasting Lower Rhine–Meuse forager ancestry shaped Bell Beaker expansion. Nature (2026).

Rolle der Frauen bei der Wissensvermittlung

Besonders auffällig: Der genetische Beitrag einwandernder Bauern aus dem Nahen Osten floss hauptsächlich über Frauen ein, die in lokale Jäger-Sammler-Gruppen eintraten und landwirtschaftliches Wissen sowie Keramik-Innovationen mitbrachten. Dieses Muster konzentrierte sich auf Flussauen und Küsten, wo natürliche Ressourcen eine selektive Übernahme ermöglichten, ohne Jäger-Sammler-Praktiken vollständig aufzugeben. Die spezifische Ökologie der Feuchtgebiete verhinderte eine schnelle Adaption der Linearbandkeramik und förderte getrennte Gruppen mit begrenztem Genfluss, aber ideellem Austausch wie keramischen Innovationen.

Der Wandel durch Glockenbecher-Kultur

Erst mit der Glockenbecher-Kultur um 4400 bis 3900 Jahre vor heute vollzog sich ein rapider Umschwung: Zuwanderer beiderlei Geschlechts vermischten sich mit Einheimischen, was zu einer 90–100%igen Verdrängung neolithischer Abstammung führte – ähnlich wie in Großbritannien. Auch dort zeigte sich trotz der kulturellen Veränderung eine gewisse Kontinuität: So wurden offenbar zumindest eine Zeit lang spätsteinzeitlichen Monumenten, wie Stonehenge, Avebury oder Woodhenge weiter genutzt.

Experten zur überraschenden Kontinuität

Der Paläoökologe Professor John Stewart von der Bournemouth University und Archäologen der Universität Lüttich in Belgien kommentierte: „Wir hatten einen deutlichen Wandel zwischen den älteren Jäger- und Sammlerbevölkerungen und den jüngeren Ackerbauern erwartet, aber anscheinend verlief der Wandel im Tiefland und entlang der Flüsse der Niederlande und Belgiens weniger unmittelbar. Es ist wie in einer Waterworld, wo die Zeit stillstand.“

Dr. Maria Pala von der Universität Huddersfield sagte: „Studien alter DNA enthüllen oft unerwartete Kapitel unserer Vergangenheit. Wir können erwarten, Unerwartetes zu finden, wenn wir Proben aus unerforschten oder abgelegenen Regionen der Erde analysieren. Doch hier untersuchen wir das Herz Europas, was diese Ergebnisse umso bemerkenswerter macht. Es ist ein Beweis für die Aussagekraft der Forschung an alter DNA, dass uns solche Erkenntnisse immer noch überraschen können. Diese Studie hat auch die entscheidende Rolle der Frauen bei der Wissensweitergabe von den einwandernden Ackerbaugemeinschaften an die einheimischen Jäger und Sammler verdeutlicht.“

Quelle: University of Huddersfield

Originalpublikation:

Olalde, I., Altena, E., Bourgeois, Q. et al. Lasting Lower Rhine–Meuse forager ancestry shaped Bell Beaker expansion. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10111-8

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