Entdeckt wurde die Inschrift im Wadi Khamila von Mustafa Nour El-Din vom Inspektorat Assuan des ägyptischen Antikenministeriums. Der Ägyptologe Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Universität Bonn konnte sie anschließend erstmals deuten. Für ihn zeigt das Motiv die klare Botschaft einer kolonialen Dominanz. „Der Südwesten des Sinai ist die Region, in der wir anhand von teilweise über 5.000 Jahre alten Bildern und Inschriften eine ökonomisch motivierte Kolonisierung feststellen können“, erklärt Morenz. „Bei dem nun entdeckten Motiv handelt es sich um eine der ältesten bekannten Erschlagungsszenen mit Bildbeischrift.“
Auf der Suche nach Kupfer und Türkis
Die ägyptische Expansion auf den Sinai war nicht militärisch motiviert, sondern wirtschaftlich. Die Region bot begehrte Rohstoffe wie Kupfer und Türkis, die für das frühdynastische Ägypten strategisch bedeutsam waren. Dem gegenüber standen lokale Bevölkerungsgruppen ohne Schriftkultur oder staatliche Organisation, die in einem asymmetrischen Verhältnis zu den ägyptischen Expeditionstruppen standen. „Das Wadi Khamila wurde bislang in der Forschung lediglich im Zusammenhang mit rund 3.000 Jahre jüngeren nabatäischen Inschriften erwähnt“, erläutert Morenz. „5.000 Jahre alte Zeugnisse der Ägypter waren dort bislang unbekannt.“ Die neue Entdeckung erweitert somit das bislang bekannte Spektrum ägyptischer Präsenz und Aktivität im südwestlichen Sinai erheblich.
Wie Felsbilder datiert werden
Die Datierung solcher Inschriften bleibt eine Herausforderung. „Hier geben Ikonographie, Stil und Epigraphik eine gute Basis“, sagt Morenz. „Dazu kommt der kulturelle Kontext: Wir wissen, dass 'die Ägypter' im späten 4. Jahrtausend für Wirtschaftsexpeditionen in den Südwest-Sinai zogen.“
Auch in anderen Trockentälern, etwa im Wadi Ameyra oder im Wadi Maghara, sind vergleichbare Szenen bekannt, die eine Art visuelles Netzwerk früher Kolonialpolitik erkennen lassen. „Zusammen mit der nun entdeckten Felszeichnung im Wadi Khamila lässt das eine Art koloniales Netzwerk der Ägypter erahnen“, erklärt Morenz. Orte mit auffälligen Felsen seien oft mehrfach beschriftet worden – auch über Jahrtausende hinweg. In Khamila fanden sich sogar moderne arabische Graffiti über den alten Darstellungen.
Götter als politische Legitimation
Besonders spannend ist der religiöse Bezug der Inschriften. Sowohl in Khamila als auch im Wadi Ameyra wird der Gott Min genannt – eine Gottheit, die im 4. und frühen 3. Jahrtausend als Schutzpatron ägyptischer Expeditionen galt. „Die Bilder und Inschriften sind in der Regel sehr kurz, aber die religiöse Rechtfertigung für die Kolonisierung spielte eine wichtige Rolle“, betont Morenz.
Der Bezug auf Min markiert den Beginn einer religiös legitimierten Kolonisationsphase, die Morenz als „Frühphase des ägyptischen Paläokolonialismus“ bezeichnet. Erst später wurden andere Götter wie Sopdu mit dieser Funktion betraut.
Neue Perspektiven auf den Sinai
Während aus dem Gebiet um Assuan zahlreiche Felsinschriften bekannt sind, bleibt das Wadi Khamila bislang ein archäologisch kaum erforschtes Terrain. Umso bemerkenswerter sei es, dass Mustafa Nour El-Din die Inschrift überhaupt entdeckte, wie Morenz betont. Der Bonner Ägyptologe, der auch dem Exzellenzcluster „Bonn Center for Dependency & Slavery Studies“ angehört, sieht darin den Auftakt für neue Forschungen: „Zunächst stehen jetzt aber Gespräche mit der ägyptischen Antikenverwaltung an, um die neuen Ergebnisse einzuordnen.“
Künftige Expeditionen sollen klären, ob sich in der Region weitere Felsinschriften finden lassen, die Einblick in die frühe Phase ägyptischer Abhängigkeiten, Kontrolle und symbolischer Repräsentation geben.
Quelle: Universität Bonn
Originalpublikation:
Wadi Khamila, the god Min and the Beginning of „Pharaonic“ Dominance in Sinai 5000 years ago, in: Blätter Abrahams 25, 2025, 75-95, https://www.freunde-abrahams.de/media/blaetter-abrahams/heft-25-2025/07.BAb.Nour-El-Din_Morenz.pdf