Über 200 Jahre haben wahrscheinlich hunderte Menschen an den Tempeln im libanesischen Baalbek gearbeitet. Unzählige kleine und große Entscheidungen wurden getroffen, sodass sich das Wollen und Können von mehreren Generationen überlagerte und ein vielschichtiges Bild ergibt, das sich in der Gestalt der mächtigen Kalksteinbauten bis heute abzeichnet. All dem nachzuspüren, es zu entdecken und zu verstehen, es nachzuzeichnen und zu erzählen, ist eine Lebensaufgabe. Während ein Mensch in der römischen Antike oft nur seinen kleinen Ausschnitt sah, wechseln der Archäologe oder der Historiker die Standpunkte und versuchen, durch viele fremde Augen zu schauen.
Ich war gerade mit meinem Studium fertig geworden, als ich das erste Mal in den riesigen Ruinen stand und mich zunächst vergeblich bemühte, mich in dem Gewirr von Mauern und tausenden herumliegenden Steinen zurechtzufinden. Heiß war die Sonne und heftig der Wind, und ich stand mit meiner Kamera da und versuchte, mich zu orientieren. Es waren die kleinen Details, die oft halfen, in der Fülle des Materials, in der Länge der Strecken erkennbare Punkte zu finden. Wo lag der Architravblock mit den Adlern im ionischen Kyma? Wo war das Geison mit seltenen Konsolen? Welches von den fünf nebeneinanderliegenden Kapitellen hatte die einzigartigen Blattformen? In welcher Exedra war das einzigartige Relief mit Eros und der Ägis, an welchem Wasserbecken fand ich das Medusenhaupt? Gerade nach langen Kampagnen, die oft hunderte Fotos als Ergebnis hatten, brauchte man diese Bezugspunkte, um nicht völlig verlorenzugehen.
Die riesigen Ruinen, die 20 m hohen Säulen, das verband sich mit oft nur wenige Zentimeter großen Blüten zu einem gewaltigen Ensemble. Erst nach und nach lernte ich, richtig hinzuschauen. Es eröffnete sich eine Welt, die durch ihre Selbstverständlichkeit in den Hintergrund trat, denn wer sieht bei tausend Blüten noch eine einzelne an? Ich lernte zu verstehen, wie sich Menschen in der Vergangenheit durch das Material ausgedrückt hatten. Nun gab es einen Zugang zu den Leuten, die ansonsten in der Geschichtsschreibung stumm und unsichtbar bleiben. Plötzlich sah man einen Steinmetzen, der sich unglaubliche Mühe gab, einen winzigen Vogel an einer Stelle auszuarbeiten, die wohl niemand mehr ansehen würde, und dafür drei- oder viermal mehr Zeit investierte, als eigentlich nötig war.
Es ist ein seltsames Gefühl, sich einzubilden, man wäre vielleicht der Erste, der nach langer Zeit wieder auf diese vielen kleinen, mit unglaublicher Raffinesse gestalteten Kunstwerke schaut. Es wurde geradezu ein Bedürfnis, immer wieder nach neuen Schätzen bildhauerischen Könnens zu suchen. Dieses Gefühl will ich hier mit Ihnen teilen.
Viele der kleinen Details sind sehr fragil, und sie sind nicht geschützt wie in einer Museumsvitrine, sondern befinden sich im Freien, an einer stehenden Ruine und sind der Witterung und den Menschen ausgesetzt. Vieles ist bereits verloren, manches wird auch in Zukunft verschwinden. All diese kleinen und großen Schätze zu zeigen, soll dazu beitragen, ein Bewusstsein dafür zu wecken, wie viel Schönheit im menschlichen Schaffen liegen kann, und wie gefährdet es ist.
Wie immer ist eine solche Arbeit nie ein Einzelwerk. Die Erforschung Baalbeks liegt in vielen Händen, ohne die meine Arbeit nie hätte gelingen können. Es ist zu viel, alle aufzuführen, und es war ein großartiges Team, das über viele Jahre lang die Arbeit des Deutschen Archäologischen Instituts in Baalbek durchgeführt hat. Für alle stellvertretend sei hier nur Margarete van Ess genannt, die uns geleitet hat.
Mein Dank gilt weiterhin der Redaktion der Antiken Welt, nach langer Zeit Holger Kieburg, mit dem die Idee ins Leben gerufen wurde, und Leoni Hellmayr, die unendliche Geduld mit langsamen Autoren hat.
Schließlich widme ich dieses Heft dem Andenken an die Kollegen, die nicht mehr bei uns sein können, und denen ich so viel zu verdanken habe: Irmgard Wagner, der Fotografin der Orient-Abteilung des DAI, Falah Wakim, libanesischer Architekt, Frank Henze, der uns in Baalbek alles eingemessen hat, Ernst Herdieckerhoff, der uns nicht nur in Baalbek bekochte und verpflegte, und vor allem meinem väterlichen Freund Konrad Hitzl, Professor für Klassische Archäologie.