Die Phönizier im WestenKüstenforschung zwischen Mittelmeer und Atlantik

Vor über 2500 Jahren bereisten bauchige Frachtschiffe mit viereckigen Segeln das Mittelmeer. An Bord befanden sich kostbare Waren: purpurfarbene Gewänder, Gold- und Silberschmuck, verziertes Elfenbein, bemalte Straußeneier oder Bernstein. Phönizische Segler etablierten ein Netzwerk von Niederlassungen, die weit in den Westen von Europa und an die Atlantikküsten Afrikas reichten. Seit nun mehr als 50 Jahren erforscht die Abteilung Madrid des Deutschen Archäologischen Instituts die Phönizier auf der Iberischen Halbinsel und in Marokko.

Abb. 1 Karte des Mittelmeers mit den wichtigsten phönizischen Niederlassungen im Westen und den Handelsrouten über das Meer sowie eine Detailkarte der phönizischen Siedlungen an der spanischen Küste.
Abb. 1 Karte des Mittelmeers mit den wichtigsten phönizischen Niederlassungen im Westen.© Peter Palm, Berlin

Wer heute bei Málaga an der von Touristen überfluteten Mittelmeerküste Andalusiens steht oder den Blick über die schroffe Atlantikinsel Mogador vor der marokkanischen Stadt Essaouira schweifen lässt, begegnet Landschaften, die auf den ersten Blick kaum miteinander verwandt erscheinen. Und doch waren beide Teil eines weit gespannten Handelsnetzes, das phönizische Seefahrer bis an die äußersten Ränder des bekannten Mittelmeerraums führte (Abb. 1).

Ihr Mutterland lag fern im Osten – an den Küsten des heutigen Libanon mit ihren urbanen Zentren Tyros, Sidon oder Byblos. Von hier aus dehnten die Phönizier ihre Reisen schrittweise bzw. «segelweise» über das gesamte Mittelmeer aus, erschlossen neue Märkte, gründeten Handelsstationen. Ab dem späten 10. Jh. v. Chr. etablierten sie ein weit verzweigtes Netzwerk, das von der Levante bis an den Atlantik reichte. Zwar lassen sich phönizische Funde – vor allem Importkeramik – auch in anderen Regionen des Mittelmeerraums nachweisen, etwa in Griechenland, auf dem italienischen Festland oder in Südfrankreich. Doch fehlen dort bislang Hinweise auf größere, dauerhafte phönizische Siedlungen. Die Präsenz scheint hier auf punktuelle Handelskontakte beschränkt geblieben zu sein.

Erst weit im Westen, insbesondere an den Küsten der Iberischen Halbinsel und Nordafrikas, treten eine Vielzahl von phönizischen Ansiedlungen auf. Doch auch sie folgten keinem klaren Plan von städtischen Neugründungen mit rechtwinkligen Straßensystemen wie etwa die Griechen mit Tarent oder Poseidonia (dem heutigen Paestum). Vielmehr nutzten phönizische Gruppen vorhandene lokale Strukturen: Sie siedelten sich an Flussmündungen, in der Nähe indigener Gemeinschaften und an strategisch günstigen Häfen an – mit dem Ziel, Rohstoffe wie Silber, Kupfer, Purpur oder Elfenbein für den überregionalen Austausch zu sichern.

Abb. 2 Halskette mit kleinen Masken und Schmuckelementen aus buntem Glas, wie sie in vielen phönizischen Niederlassungen gefunden wurden, aus Olbia auf Sardinien.
Abb. 2 Halskette mit Masken und Schmuckelementen aus buntem Glas, wie sie in vielen phönizischen Niederlassungen gefunden wurden, aus Olbia auf Sardinien. © Giovanni Dall’Orto / Wikimedia Commons, CC BY 4.0

Ein frühes Beispiel bietet Huelva an der spanischen Atlantikküste. Hier kamen Transportamphoren aus Tyros sowie Werkstattabfälle ans Licht, die auf elaborierte Elfenbein- und Metallbearbeitung hindeuten – Indikatoren phönizischer Handwerkstradition. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Art ‹Phönizisches Viertel› innerhalb einer bestehenden einheimischen Siedlung. Solche Ansiedlungen bildeten wirtschaftliche Brückenköpfe für den Import exotischer Waren und den Export lokaler Rohstoffe. Sie beherbergten Werkstätten zur Verarbeitung von Glas, Silber sowie Keramikproduktionen und zur Herstellung des Farbstoffs Purpur (Abb. 2). Aber nicht nur das Leben in den Siedlungen, auch die Lebenswelt der Küstenlandschaften selbst änderte sich stetig.

Küsten im Wandel

Ein zentrales Untersuchungsgebiet phönizischer Küstenforschung auf der Iberischen Halbinsel ist die Region Vélez-Málaga. Seit den 1960er-Jahren führt das Deutsche Archäologische Institut Madrid (DAI Madrid) gemeinsam mit spanischen Partnern systematische Ausgrabungen durch – unter anderem in Mezquitilla, Trayamar (Abb. 3) und vor allem Toscanos. Letztere, an der Mündung des Río Vélez gelegen, zählt zu den frühesten dauerhaft belegten Stationen phönizischer Präsenz im westlichen Mittelmeerraum. Die Fundstelle entstand im ausgehenden 8. Jh. v. Chr. als eine planvoll gestaltete Siedlung mit befestigter Umwehrung und architektonisch differenzierten Gebäuden.

Abb. 3 Das «Medaillon von Trayamar» (7. Jh. v. Chr.) Goldmedaillon mit ägyptisierenden Motiven aus der phönizischen Nekropole von Trayamar (heute im Museum von Málaga). Die Szene zeigt einen vorspringenden Erdhügel (Omphalos), aus dem zwei Kobras (Uraei) hervorgehen, auf deren Köpfen je ein Falke sitzt. Darüber der ägyptische Gott Horus mit ausgebreiteten Schwingen, der Sonne und Mondsichel hält.
Abb. 3 Das «Medaillon von Trayamar» (7. Jh. v. Chr.) Goldmedaillon mit ägyptisierenden Motiven aus der phönizischen Nekropole von Trayamar (heute im Museum von Málaga). Die Szene zeigt einen vorspringenden Erdhügel (Omphalos), aus dem zwei Kobras (Uraei) hervorgehen, auf deren Köpfen je ein Falke sitzt. Darüber der ägyptische Gott Horus mit ausgebreiteten Schwingen, der Sonne und Mondsichel hält. © J. Patterson / D-DAI-MAD-PAT-DMF-852

Die Ausgrabungen des DAI Madrid legten zahlreiche bauliche Strukturen frei – von Wohnquartieren über Werkstätten bis hin zu Hafenanlagen – und ermöglichten die Rekonstruktion von Toscanos in ein interdisziplinäres Netzwerk (Abb. 4): Die Siedlung stand in direkter Verbindung mit den nahen Produktionsplätzen in Mezquitilla, Alarcón und anderen. Bereits im 7. Jh. v. Chr. erreichte die Besiedlung eine Größe von mehreren Hektar mit bis zu 1000 Einwohnern. Sie wohnten in zum Teil zweigeschossigen Häusern aus Lehm und Bruchsteinen mit ihren charakteristischen Flachdächern, die sich über mehrere Ebenen erstreckten (Abb. 5).

Abb. 4 Moderne trifft Antike. Ausgrabungen in der phönizischen Siedlung Toscanos vor den Wohnblöcken der südspanischen Stadt Vélez bei Málaga. Mehrere Arbeiter graben in einem Raum, um sie herum erheben sich die erhaltenen Mauern des Raums, eine Leiter lehnt an der Seite.
Abb. 4 Moderne trifft Antike. Ausgrabungen in der phönizischen Siedlung Toscanos vor den Wohnblöcken der südspanischen Stadt Vélez bei Málaga. © P. Witte / D-DAI-MADWIT- R-3-82-02
Abb. 5 Die Zeichnung einer Gruppe phönizischer Häuser in Toscanos bei Málaga. Die Wohnungen aus Lehm und Bruchsteinen mit ihren charakteristischen Flachdächern befanden sich auf mehreren Ebenen. Daneben befindet sich eine kleine Skizze des Fundaments, das die Verteilung der Innenräume in dem Gebäudekomplex zeigt.
Abb. 5 Phönizische Häuser in Toscanos bei Málaga. Die Wohnungen aus Lehm und Bruchsteinen mit ihren charakteristischen Flachdächern befanden sich auf mehreren Ebenen. © F. Arnold / D. Marzoli

Um 550 v. Chr. erfolgte die Aufgabe zugunsten eines neuen Siedlungskerns gegenüber auf dem Cerro del Mar. Im Zentrum der DAI-Forschung stand nicht nur die Architektur, sondern auch die Analyse des Siedlungsraums im Verhältnis zur antiken Küstenlinie. Stratigrafische Untersuchungen in Toscanos erlaubten die Rekonstruktion eines damaligen Flusshafens mit Anlegezonen und Lagerbereichen. Früh wurde deutlich, dass sich die phönizischen Siedlungen an den sich wandelnden geomorphologischen Gegebenheiten orientierten – Flussverlagerungen und Lagunenbildung prägten die Nutzbarkeit der Standorte (Abb. 6).

Abb. 6 Die Veränderung der Küstenlinie bei Vélez-Málaga und dem Río de Vélez nach den Forschungen des DAI Madrid.
Abb. 6 Die Veränderung der Küstenlinie bei Vélez-Málaga und dem Río de Vélez nach den Forschungen des DAI Madrid. © H. Schubart u. a.

Was zog die Phönizier gen Westen?

Aber was trieb phönizische Seefahrer an, sich über weite Distanzen hinweg bis an die äußersten Ränder des Mittelmeerraums und darüber hinaus auszubreiten? Es war vor allem die Suche nach neuen Absatzmärkten und das Erschließen neuer Ressourcen – insbesondere metallischer Rohstoffe, an denen das phönizische Kernland weitgehend arm war. Die geopolitische Lage verschärfte diesen Druck zusätzlich: Mit der assyrischen Annexion der Levante in der zweiten Hälfte des 8. Jhs. v. Chr. wurden die Städte der phönizischen Küste zu erheblichen Tributzahlungen verpflichtet.

Der Blick auf die Topografie der phönizischen Niederlassungen auf der Iberischen Halbinsel unterstreicht die Zielrichtung der Bewegung. Fast alle liegen in unmittelbarer Nähe des sog. Pyritgürtels, einem der bedeutendsten metallurgischen Abbaugebiete der antiken Welt: Die Regionen jenseits der Straße von Gibraltar verfügten über reiche Lagerstätten an Silber, Kupfer und Zinn. Dass daher gerade dort – wie in Huelva – die ältesten archäologischen Nachweise phönizischer Präsenz vorliegen, ist kein Zufall. Doch der Zugriff auf Rohstoffe allein erklärt nicht das gesamte Bild. Die weiter im Landesinneren gelegenen indigenen Siedlungen bildeten nicht nur zuverlässige Lieferanten für Metalle, Holz und Agrarprodukte, sondern zugleich auch einen florierenden Absatzmarkt für phönizische Waren.

Die wirtschaftliche Blüte, die mit der Ausdehnung des phönizischen Netzwerkes im 7. Jh. v. Chr. einherging, zeigt sich auch in der Entwicklung der Siedlungslandschaft: Kleinere Niederlassungen wurden zugunsten größerer urbaner Zentren aufgegeben, die sich in den Fernhandel integrierten. Als treibende Kraft der frühen Expansion blieb die Stadt Tyros auch in dieser Phase dominierend und unterhielt mit Cádiz (phönizisch Gadir) einen leistungsfähigen westlichen Brückenkopf. Die Kombination aus transmaritimem Handel, lokaler Produktionswirtschaft und gezielter Integration zog zunehmend auch einheimische Bevölkerungskreise an. Sie führte so zu einem demografischen und wirtschaftlichen Aufschwung in vielen Regionen des westlichen Mittelmeerraums und einem Anwachsen der Siedlungen. Ein gänzlich anderer Fall von Niederlassung zeigt sich auf Mogador – der westlichsten bislang bekannten phönizischen Präsenz.

Am Ende der phönizischen Welt

Wo heute die Gischt des Atlantiks an die Felsen der Insel Mogador schlägt, einer Insel vor der Küste des marokkanischen Essaouira, verband in phönizischer Zeit ein schmaler Isthmus die vorgelagerte Felsformation mit dem Festland. Die Lage bot nicht nur Schutz vor der offenen See, sondern erlaubte zugleich eine kontrollierte Verbindung zum Hinterland. Für das Forschungsteam des DAI Madrid und des marokkanischen Denkmalamts bot sich so die Möglichkeit (Abb. 7), Küstenveränderungen über stratigrafische Profile und paläogeografische Rekonstruktionen zu analysieren – eine Methode, die an das Vorgehen in Toscanos anknüpft und zugleich die Besonderheit der Fundstelle Mogador herausstellt. Die Anlage wurde ab dem 7. Jh. v. Chr. von phönizischen Seefahrern offenbar saisonal genutzt und diente vermutlich als logistische Etappe im Warenaustausch zwischen Südandalusien und dem Atlantikraum.

Abb. 7 Eine Gruppe Männer gräbt in der phönizischen Ansiedlung auf der Insel Mogador (Marokko), im Hintergrund das Meer. Die Insel diente phönizischen Seefahrern ab dem 7. Jh. v. Chr. als saisonaler Warenaustauschplatz zwischen der afrikanischen Westküste und Südspanien.
Abb. 7 Ausgrabungen in der phönizischen Ansiedlung auf der Insel Mogador (Marokko). Die Insel diente phönizischen Seefahrern ab dem 7. Jh. v. Chr. als saisonaler Warenaustauschplatz zwischen der afrikanischen Westküste und Südspanien. © Arie Kai-Browne / D-DAI-MAD-AKB-DG- 036-2009-104

Einzelne Keramikformen weisen deutliche Ähnlichkeit mit denen aus Gadir (heute Cádiz) auf, andere lassen eine Einbindung in die südandalusischen Verbindungen belegen. Bemerkenswert ist die ungewöhnlich hohe Anzahl an Tierresten, die hier gefunden wurde: darunter solche von Pfauen, einem jungen Löwen, einem Steppenelefanten sowie weiteren exotischen und domestizierten Arten. Ihre selektive Deponierung spricht für kultische Praktiken, bei denen Tiere eine zentrale Rolle spielten: Wurden sie als symbolische Akteure, als Opfergaben oder als Träger von ritueller Bedeutung verwendet? Mogador erscheint somit nicht nur als Handelsplatz, sondern für die Phönizier auch als kultischer Ort am Rand der antiken Welt.

In der vergleichenden Perspektive zwischen der iberischen Mittelmeerküste und dem Atlantik zeigt sich, wie wichtig die Küstenforschung für das Verständnis phönizischer Expansion ist. In der letzten Jahrhunderthälfte haben die Forschungen des DAI Madrid entscheidend dazu beigetragen, die Phönizier im Westen als maritime Akteure zu verstehen, deren Netzwerk von Siedlungen und Umschlagplätzen das Meer zu einem nachhaltigen Verbindungselement machte.

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