Chinas Pompeji und die BibelflutArtikel erschienen in AiD 1/2026

Die Tageszeitung China Daily berichtete am 12. April 2002: »Beweis für Flut vor 4000 Jahren im Dorf Lajia, Kreis Minhe, am Oberlauf des Gelben Flusses gefunden, die in chinesischen Legenden mit dem Helden Yu und in der Bibel mit Noah zusammenhängt.« Diese Nachricht hat es in sich. Mythen, Gott und die Wissenschaft werden so miteinander verbunden, dass man ganz neugierig wird, was dahintersteckt. Anlass dieser Meldung war eine höchst seltene archäologische Entdeckung.

Ein menschliches Skelett liegt ausgestreckt auf einem staubigen, steinernen Boden. Die Knochen sind teilweise von Erde bedeckt. Neben dem Skelett befinden sich mehrere zerbrochene und intakte Keramikgefäße.
© Dominic Hosner / DAI-EA

Bei der Öffnung eines antiken Dorfes am Nordostrand des Tibet-Plateaus stießen Archäologen im Sommer 2000 auf Szenen eines plötzlich angehaltenen Lebens. In Lajia sieht man Menschen (das, was von ihnen übrig geblieben ist) in Fluchtbewegungen, über den Herd gebeugt oder ein Kind an sich gepresst an der Wand kauernd in rotem Schlamm fixiert. Er hatte sie in ihren Häusern überrascht und alles im Zustand der letzten Minuten konserviert. Der Anblick erinnerte Journalisten an Bilder von Opfern der weltweit berühmtesten Umweltkatastrophe aus dem Jahr 79 n. Chr., weshalb sie Lajia auch »Chinas Pompeji« nannten.

Insgesamt fand man damals 20 Personen in drei Grubenhäusern, in einem allein 14, sieben davon männlich zwischen 8 und 45 Jahre alt, zwei 28 bis 35 Jahre alte Frauen und fünf Kinder zwischen 1 und 9 Jahre alt, als sie starben. Das Keramikgeschirr und Handwerkszeug konnten die Ausgräber leicht als Typen der Qijia- Kultur identifizieren, die in der Region schon lange bekannt war und als recht gut untersucht und altersbestimmt galt. So wusste man auch gleich, dass das Unglück vor etwa 4000 Jahren geschehen war. Aber Tod am Gelben Fluss vor 4000 Jahren?! Das konnte nur eines bedeuten: Hier hatte man es mit Opfern einer der verheerenden Fluten zu tun, von denen China um diese Zeit heimgesucht wurde, bis der Große Yu sie regulierte. So jedenfalls lautet die Legende, die alle Chinesen von ihrer Schulzeit an kennen.

 

Skelett eines sitzenden Menschen in einer Ausgrabungsstätte neben einem großen Tongefäß
Frau mit Kind auf dem Schoß in Haus 3; laut mtDNA-Analyse nicht die leibliche Mutter. © Dominic Hosner, DAI-EA

 

Die Flutlegende

Jedes chinesische Geschichtsbuch beginnt mit der Reihe der mythischen Kaiser und Könige der ersten Dynastien. Einer von ihnen war Yu. Er gilt als »Weiser König« und Gründer der Dynastie namens »Xia«. Und zwar, so heißt es, nachdem er als Einziger in der Lage war, wilde Wassermassen in geordnete Bahnen zu lenken. Wie in vielen Gesellschaften weltweit, gibt es auch in China einen alten Flutmythos und zahlreiche Versionen davon. Dieser folgt dem bekannten Topos: Das Chaos wird hinweggewaschen, aufgelöst und durch menschliches Handeln eine geordnete Welt (wieder-) erschaffen, mit neuen Gesetzen, Institutionen und Praktiken. Doch im Unterschied zur biblischen Flutgeschichte und dem frommen Noah, der sich und wenige andere Auserwählte vor der Flut rettet, steht in den chinesischen Erzählungen ein idealer Herrscher im Zentrum, der die Flut bekämpft und damit seine Autorität rechtfertigt.

Die ältesten aufgeschriebenen Flutgeschichten stammen aus einer Zeit, in der die Sehnsucht nach staatlicher Ordnung besonders groß war. Es war die Zeit der ungeordneten Verhältnisse Mitte des 1. Jt. v. Chr., als in China mehrere Königreiche und Fürstentümer um die Vormacht stritten. Schließlich besiegte das Reich Qin sie alle und der erste historische Kaiser von China, Qin Shihuangdi, ordnete das ganze Land neu. Die Figur des mit übernatürlichen Kräften begabten Umgestalters Yu allerdings gab es schon früher ohne Flut. Von ihm wird in Bronzeinschriften aus der Blütezeit der dritten Dynastie, der »Westlichen Zhou« (1046–771 v. Chr.), berichtet. Ein Lobgesang des Fürsten von Bin auf dem Boden einer Bronzeterrine, wahrscheinlich aus dem 9. Jh. v. Chr., beginnt so:

»Der Himmel befahl Yu, Erde zu verteilen, Berge einzuebnen und Flüsse zu vertiefen. Er unterschied die Regionen und richtete Regierungen ein, stieg zu den Menschen herab und brachte ihnen Einsicht. Dann vollzog Yu das erste Opferritual, um sie mit dem Himmel zu vereinen. Und die Menschen wurden Eltern, gebaren unseren König und dienten ihm. Das Volk sorgte für Nahrung für Alle unter dem Himmel [ …]«

Die 98 Zeichen dieser Inschrift lassen sich verschieden lesen und deuten. Doch darin stimmen alle Interpretationen überein: In diesem Gründungsmythos geht es um die Umgestaltung von Natur und Menschengemeinschaft zu Kultur und Zivilisation. Der Ausdruck »Alle unter dem Himmel«, wie er von der Zhou-Dynastie geprägt wurde, steht synonym für »die ganze Welt« und meint natürlich die ganze Zhou-Welt. Die Geschichte wirkt wie eine mythisch verbrämte Expansion des Königreiches Zhou und die Gründung eines lokalen Fürstentums (Bin), das Tribute liefert.

Als die Welt der Zhou im 8. Jh. v. Chr. zerbrach und das Herrscherhaus von den aus Westen einströmenden Völkern aus seiner Hauptstadt nach Osten »weggeschwemmt « wurde, war Yu der richtige Mann dafür, alles wieder ins Lot zu bringen. Später wurden die Flutlegende und die Leistungen von Yu als Wasserbauingenieur vorverlegt und zum Mythos über die Gründung des ersten Agrarstaates in China.

Die Erzählung von den drei aufeinanderfolgenden Dynastien Xia, Shang und Zhou als Beginn des Einheitsstaates China verfestigte sich im 2. Jh. v. Chr. im ersten Geschichtsbuch Chinas, den Aufzeichnungen des berühmten Chronisten Sima Qian, zur Gewissheit. Seit die Philosophen im 11. Jh. die Weltzeitalter berechneten und die Lebenszeit von König Yu auf 2205 bis 2147 v. Chr. festlegten, ist er schließlich vollends real und eine absolute Datierung der Flut(en) vorgegeben.

In einem Überblick über die prähistorischen Klimata und Umweltbedingungen schrieben namhafte chinesische Geowissenschaftler in einer internationalen Zeitschrift 1993: »Zwischen 4000 und 3000 Jahren vor heute ereigneten sich viele Katastrophen [ …] in Ostchina. Die legendäre, mehrere Dynastien andauernde Flutkatastrophe könnte zum Ende der Longshanund Liangzhu-Kulturen geführt haben. Die Geschichte über König Yu, der die Flüsse und Wasserläufe regulierte, zeigt, dass die Menschen zu dieser Zeit organisiert gegen Naturkatastrophen kämpften und große Erfolge erzielten.« Dieser Text ist ein Beispiel dafür, wie die Legende die Daten dominierte. Die »Flutperiode« wurde ein Axiom in der Archäologie und Klimawissenschaft, etwas Unumstößliches,
das keines Beweises bedurfte, sondern selbst genutzt werden konnte, um Entdeckungen und Phänomene zu datieren und zu erklären.

Findet König Yu!

Gleichzeitig gab es immer Kritiker, die einen physischen Nachweis verlangten, harte Fakten statt Legenden, Objekte, die vermessen werden konnten. Diese Forderungen wurden umso nachdrücklicher, je weltoffener und technologisch entwickelter China wurde. Seit den 1950er-Jahren suchten die Archäologen schon nach Spuren von König Yu und der Xia-Dynastie, fanden an einem Seitenfluss des unteren Gelben Flusses auch palastähnliche Baureste am Fundplatz Erlitou, die etwa in diese Zeit datieren, doch keine Inschrift verband die Funde mit den Texten. Eine wissenschaftliche Bestätigung der Historizität von König Yu blieb aus. Um die Zweifel ein für alle Mal auszuräumen, finanzierte die chinesische Regierung von 1996 bis 2000 das große »Xia-Shang-Zhou Chronologie- Projekt«. Es ging um nichts weniger als um den Ursprung der chinesischen Zivilisation.

Viel wurde gegraben und radiokarbondatiert, Neues gefunden und heiß debattiert. Erstmalig versuchte man einen komplizierten Abgleich der physikalischen Altersbestimmungen von Kulturschichten an verschiedenen Plätzen mit den astronomischen Daten aus den Texten. Das führte im Ergebnis des Projektes zur Neubestimmung des Beginns der Xia-Dynastie auf ca. 2070 v. Chr. Was jedoch König Yu und die große( n) Flut(en) betraf, halfen alle Bemühungen nichts: noch immer keine Spur. Sie blieben ein Mythos. In die heikle Schlussphase dieses Megaprojektes, das die Erwartungen nicht ganz erfüllt hatte, platzte die Entdeckung der mit Schlamm gefluteten Grubenhäuser in Lajia. Jedoch am oberen Gelben Fluss! Etwa 900 km Luftlinie von Erlitou entfernt. Folgt man dem Lauf des Gelben Flusses, sind es sogar mehr als 2000 km.

Die Eigenart des Gelben Flusses

Der Gelbe Fluss ist als berühmtester Fluss Chinas weltbekannt und doch wird er selten fotografiert. Kein Reiseunternehmen bietet Flussschifffahrten für Touristen an. Es gibt keine Frachtschiffe, Häfen oder Metropolen wie etwa Kairo am Nil. Was noch viel erstaunlicher ist: Keine der alten kaiserlichen Hauptstädte lag an den Ufern des Gelben Flusses. Warum liest man dann überall, er sei die Wiege der chinesischen Zivilisation? Im Grunde ist der Gelbe Fluss ein riesiges Entwässerungssystem, das an der Nordgrenze des Sommermonsuns das Lössplateau quert. Mit dem Löss, den der Monsunregen in den Fluss spülte, schüttete er die Ostchinesische Tiefebene auf und bereitete damit den Boden (die »Wiege«) für die ersten Agrarstaaten.

Aber: Weil der Wasserstand des Flusses von der Stärke des Monsuns abhängt, die nicht konstant ist, sinkt er in Sommern mit schwachem Monsun, in denen mit starkem Monsun läuft der Fluss über. Mit durchschnittlich 35 kg / m3 transportiert er mehr Sedimentfracht als jeder andere große Strom der Erde. Freude, wie der fruchtbare Schlamm des Nils, machen die Sedimente aber nicht. Ganz im Gegenteil. Sie setzen sich im Flussbett ab und erhöhen es, bis es weithin sichtbar über der Ebene steht. Bei Hochwasser stürzt der Fluss aus seinem Bett herab und baut sich anderswo, oft weit entfernt, ein neues auf. Flussbettverlagerungen gehören zu den tödlichsten Plagen, die seit Beginn der Geschichtsschreibung aufgezeichnet wurden. Allein zwischen 186 v. und 153 n. Chr. sollen die Dämme etwa alle 16 Jahre gebrochen sein. Vor 2000 Jahren waren Überschwemmungen eine ganz reale Ge- fahr am Unterlauf des Gelben Flusses. Warum also nicht auch vor 4000 Jahren in Lajia?

Flutforschung in Lajia

Lajia liegt auf 1800 m Höhe über dem Meeresspiegel im ca. 14 km langen (West-Ost) und 7 km breiten (Nord- Süd) Becken von Guanting. Vom Ti- bet-Plateau kommend, zwängt sich der azurblaue Gelbe Fluss durch Schluchten in diesen Gunstraum mit fruchtbaren Böden, auf der zweiten und dritten Terrasse 25 bis 35 m über dem Fluss. Etwa 3500 Jahre v. Chr. lie- ßen sich die ersten Bauern hier nieder. Mehr als 50 archäologische Fundstellen wurden bislang dokumentiert. Lajia gehört zu den Plätzen, die von Anfang an besiedelt wurden. Ob durchgehend oder mit Unterbrechungen, lässt sich schwer feststellen, weil noch heute ein Dorf über den alten Kulturschichten liegt und sie nur punktuell in den Gärten und Feldern der Bewohner geöffnet werden können.

Die Entdeckung der gefluteten Häuser und Radiokarbondatierungen von Skeletten und anderem Material auf 1980 bis 1900 v. Chr. ließen vermuten, dass zu diesem Zeitpunkt die Qijia-Kultur- Phase in Lajia endete. Also 100 Jahre nach der berechneten Gründung der Xia-Dynastie. Die örtlichen Umwelt- bedingungen sind nicht einfach. Das Becken liegt in einer tektonisch aktiven Zone und wird immer wieder von Erdbeben erschüttert. Etwa 40 Prozent der jährlichen Niederschlagsmenge von 250 bis 500 mm fallen oft als ein einziges Starkregenereignis. Obwohl dadurch die Hangsedimente ins Rutschen kommen, ist das Nordufer des Flusses heute noch bewohnt.

Als wir 2002 Lajia besuchten, trafen wir das erste Geologenteam aus Peking, das die Fluthypothese über- prüfte und sie (verstärkt durch ein Erdbeben) im Jahr darauf auch in einer Publikation präsentierte. Wir gingen einer anderen Spur nach. Zusammen mit Kollegen des Archäologischen Instituts Qinghai und Geoökologen der Universität Potsdam suchten wir nach der Quelle des roten Schlamms, der in die Häuser gelaufen war. Nur ca. 2 km nördlich des Dorfes liegen gut sichtbar die Großen Roten Berge, von denen tiefe Erosionsrinnen ausgehen.

In seiner Diplomarbeit entwickelte Carsten Hoffmann 2003 ein Geländemodell, das den Schwemmfächer zeigt, auf dem die verwitterten und gelösten Löss- und Tonsedimente ins Tal geflossen sind. Der Ostteil von Lajia liegt in der Gefahrenzone. So war für uns die plausibelste Hypothese: Tod durch Schlammlawine, die wahrscheinlich durch starken Regen oder Schnee – mit oder ohne Erschütterung durch ein Erdbeben – ausgelöst wurde. Doch am 5. August 2016 brachte die amerikanische Wissenschaftszeitschrift Science den Sensationsbericht »Ausbruchsflut um 1920 v. Chr. stützt Historizität von Chinas Großer Flut und der Xia-Dynastie«. Das internationale Autorenteam hatte 25 km von Lajia weiter den Gelben Fluss hinauf die Spuren eines natürlichen Damms gefunden, hinter dem sich so ungeheure Wassermassen gestaut haben sollen, dass sie bei seinem Bruch nicht nur das Becken von Guanting überschwemmten, sondern sich als riesige Süßwasserflut die 2000 km hinab bis an den Unterlauf wälzten.

Sie datierten die Gründung des ersten Staates (Xia) auf ca. 1900 v. Chr. um und zusammen damit gleich noch den »wesentlichen soziopolitischen Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit im Tal des Gelben Flusses«. Erregte Kritiker reagierten prompt. Vor allem chinesische Geologenschulen, die bei ihren Analysen derselben Sedimente zu anderen Resultaten kamen. Science druckte am 31. März 2017 drei Kritiken und eine Verteidigung des Teams. Noch mehr Gegenargumente und Dissertationsschriften erschienen, die den Science-Artikel widerlegten. Sein vorläufiges Ende fand der Disput am 18. Dezember 2023.

Ein Erdbeben löste nur 4 km entfernt von Lajia ein Schlammfließen aus. Als zehn Minuten nach dem Beben verflüssigtes Sediment mit so hoher Geschwindigkeit um und in die Häuser der Dörfer Jintian und Caotan lief, wurden viele Bewohner völlig überrascht darin eingeschlossen, 151 Menschen starben. In einem Haus fanden die Rettungskräfte in der Schlammpackung drei Erwachsene über zwei Kinder gebeugt, die sie versucht hatten, unter einer Decke zu schützen. In ihrer Körperhaltung glich die Gruppe auf tragische Weise dem archäologischen Befund in Haus 4 von Lajia.

Was die Archäologen in Lajia fanden

Während die Geologen wetteiferten, ob die Katastrophe in Lajia lokale oder nationale Auswirkungen hatte, legten Teile der alten Siedlung frei und sorgten selbst auch für Schlagzeilen. Am 12. Oktober 2005 veröffentlichte die britische Zeitschrift Nature in der Rubrik »Kulinarische Archäologie« die Entdeckung und archäobotanische Identifikation von 4000 Jahre alten Hirsenudeln in Spaghettiform. Man fand sie unter einer umgekippten Schale in Haus Nr. 20. Obwohl nachfolgende Experimente und Analysen zu dem Schluss kamen, dass Hirseteig nicht gezogen werden kann und Weizen nicht beteiligt war, gelten seither trotzdem die Chinesen als Nudelerfinder.

Großer Ausstellungsraum mit goldfarbenen Wänden, die beidseitig mit großflächigen Schriftzeichen versehen sind. In der Mitte steht eine runde Vitrine, umgeben von mehreren Skulpturen, die Menschen bei der Arbeit darstellen. Die Decke ist dunkel und gerippt, der Boden hell und glatt. Im Hintergrund sind weitere Ausstellungsstücke und Wandtafeln zu sehen.
Ausstellungssaal im Fundplatzmuseum Lajia, in dem »Die erste Schale Nudeln der Welt« vorgestellt wird. © Dominic Hosner / DAI-EA

 

Der vollständige Grabungsbericht steht noch aus. Doch schon die Vorberichte und Einzelstudien zeigen eines ganz deutlich: Lajia war in Qijia-Zeiten, das heißt in den 300 Jahren von etwa 2200 bis 1900 v. Chr., kein einfaches Bauerndorf. Allein mit einer Fläche von ca. 67 ha und einem Schutzgraben von 13 m Breite und 5 bis 6 m Tiefe (wohl sogar mehreren, nacheinander ausgebauten Gräben) gehörte es zu den größten Siedlungen der Zeit im Einzugsbereich des oberen Gelben Flusses.

Die bislang 70 untersuchten Häuser zeigen eine konstruktive Vielfalt, wie sie zuvor an keinem anderen Platz beobachtet wurde. Einige standen in Reihen, einige in Gruppen um kleine Plätze, manche als Wohnhöhlen in Lösshänge gegraben, viele eingetieft ohne Pfosten. Um ihre fensterlosen Wohnungen aufzuhellen, legten die Bewohner Kalkfußböden ein und strichen die Wände weiß. Drei waren mit Kaminöfen nebst Rauchabzügen in der Wand ausgestattet, in einem Haus gab es Wandnischen für Lampen. Das »Nudelhaus« Nr. 20 war der einzige ebenerdige Hallenbau von 30 m2 Grundfläche mit drei Reihen von je vier Holzpfosten. Gleich daneben erhob sich ein Ständerbau, vermutlich ein Turm, auf neun Holzpfosten. Beide grenzten an einen Platz mit einer 2 m hohen Altarplattform in seiner Mitte und dem größten in China je entdeckten Klangstein (91 cm x 64 cm x 4 cm) darauf. Das ist eine durchbohrte, wie eine Glocke aufzuhängende und mit einem Klöppel an- schlagbare dünne Steinplatte. In der Plattform war ein 45- bis 50-jähriger Mann in ostchinesischer Manier mit sieben Jadebeigaben auf der Brust und einem Schweineunterkiefer in einem Holzsarg bestattet.

Drei grünlich-braune Steinobjekte, darunter eine runde Scheibe mit Loch und zwei längliche, abgeflachte Steine
Jadescheibe (D. 21 cm), Amazonitanhänger (L. 6 cm), Türkisröhrchen (L. 3,74 cm), ausgestellt im Fundplatzmuseum Lajia. © Dominic Hosner, DAI-EA

 

Allem Anschein nach wurden auf dem Altar Menschen geopfert, denn in einer kleinen Grube fanden sich Skelettteile neben Orakelknochen (Schulterblätter von Rindern oder Schafen mit Brandmustern darauf). Zehn Personen, man hält sie für Ritualopfer, lagen ohne Beigaben am Rand. Wie die Architektur, zeigt auch das Keramikgeschirr eine außergewöhnliche Mischung verschiedenster Formen und Macharten, als stammten sie aus unterschiedlichen Traditionen. Viele der Gefäßtypen und der aufgezählten Phänomene kommen auch in anderen Regionen Nordchinas in der Zeit zwischen 2500 und 1900 v. Chr. vor, manche aber zeigen Verbindungen zu weiter westlich lebenden Gesellschaften.

Die Bewohner von Lajia gehörten zu den wichtigsten Lieferanten der besonders in Ostchina hochgeschätzten grünen Steine – meist unter dem Begriff »Jade« zusammengefasste Minerale wie Nephrit, Serpentin und grüner Marmor. Sie wurden gebraucht für die Fertigung von Zeichen der Macht: Beile, Haumesser und Ringscheiben zur Verwendung in Zeremonien. Das viele Rohmaterial feinster Qualität und die Halbprodukte in den Häusern und auf dem Altar deuten darauf hin, dass hier die Gesteinsspezialisten beheimatet waren. Sie verfügten auch über den seltenen Türkis und Amazonit, entweder aus lokalen Adern oder von Vermittlern aus Zentralasien. Mineralogen gehen davon aus, dass die Amazonitperlen im »Königsgrab« von Taosi, einem prominenten rituellen Zentrum im Osten zwischen 2100 und 2000 v. Chr., aus Lajia stammen. Nicht nur, dass man in einem Haus Gesteinsschätze transportfertig verpackt in einem Tontopf fand, der ganze Ort ist eine wissenschaftliche Schatztruhe. Pompeji wird seit 1748 erforscht, Lajia seit 1981, dem Jahr der ersten Prospektion. Auch wenn es nur wenig mit dem echten Pompeji gemein hat, so dürfen wir doch viele Überraschungen anderer Art von Lajia erwarten.

Autoren:

Mayke Wagner, Dominic Hosner und Pavel E. Tarasov

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