Die Ausgrabungen der Universität Catania in Tava Tepe im Westen Aserbaidschans liefern neue Erkenntnisse über das gesellschaftliche Leben der späten Bronzezeit im Kaukasus. Die aktuellen Untersuchungen zeigen, dass die 2024 freigelegte Zeremonialküche keine einzelne Nutzungsphase repräsentiert, sondern Teil einer langfristigen Tradition war. Über Jahrhunderte hinweg wurde die Anlage mehrfach erneuert und umgebaut, während ältere Strukturen, Kochstellen und Speisereste weitgehend erhalten blieben.
Das Forschungsprojekt steht unter der Leitung von Professor Nicola Laneri von der Universität Catania und wird in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften in Baku durchgeführt.
Mehrere Bauphasen statt einer einzelnen Küche
Die neuen Grabungen förderten die bislang älteste Nutzungsphase der Anlage zutage. Dabei wurde deutlich, dass das Gebäude wiederholt an derselben Stelle errichtet wurde. Geschirr, Öfen und Rückstände früherer Mahlzeiten blieben in den Bereichen erhalten, in denen sie ursprünglich verwendet worden waren.
„Die Entdeckung der Zeremonialküche von Tava Tepe in Aserbaidschan durch die Universität Catania, die aus der späten Bronzezeit (1300–1000 v. Chr.) stammt, hat in den letzten Jahren eine unglaubliche Bedeutung erlangt, da sie eine einzigartige Stätte darstellt, die im Kaukasus noch nie zuvor entdeckt wurde“, erklärt Professor Nicola Laneri.
Weiter führt er aus: „Insbesondere die älteste Schicht, die im Rahmen der diesjährigen Ausgrabungskampagne freigelegt wurde und an der zahlreiche Nachwuchswissenschaftler der Universität Catania und der Akademie der Wissenschaften Baku beteiligt waren, hat die Einzigartigkeit der Stätte durch die Entdeckung einer Terrasse mit einer zentralen Feuerschale und weiteren Einrichtungen zur Zubereitung von Speisen nochmals unterstrichen.“
Zentrale Feuerstelle als Herzstück der Anlage
Zu den wichtigsten Funden zählt eine große runde Feuerstelle, die in der ältesten Schicht als zentrale Kochstelle diente. Rund um das Feuer befanden sich mehrere Installationen zur Speisenzubereitung sowie zahlreiche Keramikgefäße. Kochgefäße standen unmittelbar neben der Feuerstelle, während Schüsseln in einem mit Asche gefüllten Ofen niedergelegt worden waren.
Besonders bemerkenswert ist die Architektur des Bauwerks. Die Küche wurde auf einer erhöhten Terrasse aus Stampflehm errichtet. Ein Dach aus Holz und Ästen machte die Anlage vermutlich schon aus größerer Entfernung sichtbar. Nach aktuellem Forschungsstand ist eine derartige Bauweise im archäologischen Kontext des Kaukasus bislang ohne bekannte Parallelen.
Hinweise auf das Speisenangebot vor 3.200 Jahren
Die Untersuchung organischer Rückstände in den Gefäßen ermöglicht erste Einblicke in die Ernährung der Teilnehmer. Den bisherigen Analysen zufolge könnte eines der Hauptgerichte einer mit Honig verfeinerten Hirse-Polenta entsprochen haben, die überwiegend mit Rindfleisch serviert wurde.
Die außergewöhnliche Erhaltung der Speisereste bietet den Forschern die seltene Möglichkeit, nicht nur die baulichen Strukturen, sondern auch konkrete Aspekte des kulinarischen Alltags und der Zeremonien zu rekonstruieren.
Gemeinschaft, Rituale und soziale Bindungen
Die Küche war Teil eines größeren Komplexes. Im Umfeld des Zeremonienplatzes identifizierten die Archäologen Hütten mit Böden aus gestampftem Kalkstein, Holzkonstruktionen sowie Bereiche zur Verarbeitung von Lebensmitteln.
Las pintaderas: Terrakottaformen, die wahrscheinlich zum Dekorieren oder Markieren des Brotes während des Backens verwendet wurden.
© Universität Catania
Besondere Aufmerksamkeit erregten zudem verzierte Terrakottaformen, sogenannte Pintaderas. Diese könnten dazu gedient haben, geometrische Muster auf Brot zu prägen oder Backwaren zu kennzeichnen.
Für die Forscher deuten die Befunde darauf hin, dass Tava Tepe weit mehr als ein Ort der Nahrungszubereitung war. Die Anlage könnte als regionaler Treffpunkt verschiedener Gemeinschaften entlang des Kura-Flusses gedient haben.
„Die Entdeckung eröffnet eine neue Perspektive auf das Leben der bronzezeitlichen Gemeinschaften entlang des Kura-Flusses“, erklärt Professor Nicola Laneri. „Tava Tepe war möglicherweise ein Treffpunkt, an dem sich verschiedene Gruppen regelmäßig versammelten, um zu kochen, zu essen und durch das Teilen von Speisen die sozialen Beziehungen zu stärken. Mehr als nur eine einfache Küche scheint es sich bei dem Fund in Tava Tepe um einen echten Gemeinschafts- und Zeremonienraum zu handeln: einen Ort, an dem vor über dreitausend Jahren das gemeinsame Essen am Feuer dazu beitrug, die Gemeinschaftsidentität und den Zusammenhalt zu festigen.“
Weitere Analysen sollen Ernährung genauer rekonstruieren
Die Untersuchungen in Tava Tepe sind noch nicht abgeschlossen. Geplant sind weitere Analysen tierischer und pflanzlicher Überreste sowie der in den Gefäßen erhaltenen Speiserückstände. Ziel ist es, die Ernährungsgewohnheiten der bronzezeitlichen Besucher des Platzes möglichst detailliert nachzuvollziehen.
„Wir hoffen, dank der Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Instituten, die sich der Analyse der tierischen und pflanzlichen Überreste sowie der in den Gefäßen gefundenen Speisen widmen, in Zukunft die in diesem außergewöhnlichen Ort, einem Knotenpunkt kaukasischer Gemeinschaften in der späten Bronzezeit, verzehrten Lebensmittel genau rekonstruieren zu können“, fügte er hinzu.
Die bisherigen Ergebnisse sprechen bereits dafür, dass Tava Tepe eine herausragende Rolle im sozialen und rituellen Leben der Region spielte. Die Fundstätte liefert damit wichtige neue Erkenntnisse über die Organisation, Identität und kulturellen Praktiken bronzezeitlicher Gemeinschaften im Kaukasus.
Quelle: Universität von Catania