Die Villa Hadriana in Tivoli, rund 28 Kilometer östlich von Rom, zählt zu den beeindruckendsten Residenzen der Antike. Kaiser Hadrian ließ den rund 120 Hektar großen Komplex zwischen 118 und 138 n. Chr. errichten. Paläste, Thermen, Gärten, Theater und Zeremonialbauten verbanden sich hier zu einer monumentalen Kunstlandschaft, die zahlreiche Eindrücke aus den Provinzen des Römischen Reiches widerspiegelte.
Archäologen haben nun in der Villa Hadriana eine außergewöhnliche Inschrift entdeckt, die neue Einblicke in die religiöse Praxis der Römer ermöglicht. Der Fund wurde bei Ausgrabungen der Universität Urbino in Zusammenarbeit mit dem Istituto Villa Adriana e Villa d'Este freigelegt und bezieht sich auf einen sogenannten Fulgur Submanium, einen nächtlichen Blitzschlag, der dem Gott Summanus zugeschrieben wurde.
Besonders bemerkenswert ist, dass sich die beschriftete Steinplatte noch an ihrem ursprünglichen Ort befindet. Solche Funde sind selten und erlauben eine direkte Einordnung in ihren archäologischen Zusammenhang.
Heilige Orte nach einem Blitzschlag
Die Entdeckung erfolgte in einem Bereich zwischen dem sogenannten Amphitheater und dem Tuffsteinwall der kaiserlichen Residenz. Dort legten die Forscher ein kleines viereckiges Bauwerk aus vermörtelten Tuffsteinblöcken frei. An dessen Vorderseite ist eine 40 x 35 Zentimeter große Marmorplatte eingelassen.
Die Inschrift lautet vollständig: FVLGVR SVBMANIVM
Detail der Marmorplatte mit der Inschrift FVLGVR SVBMANIVM
© MiC
Antike Quellen unterscheiden zwischen Tagesblitzen, die Jupiter zugeschrieben wurden, und nächtlichen Blitzen, die als Zeichen des Gottes Summanus galten. Für die Römer war ein Blitzschlag weit mehr als ein Naturereignis. Er galt als Eingriff einer Gottheit in die menschliche Welt und verlieh dem betroffenen Ort einen besonderen sakralen Status.
Archäologen vermuten daher, dass das Bauwerk Teil eines sogenannten bidental war, eines heiligen Bereichs, der nach einem Blitzereignis eingerichtet wurde. Die materiellen Spuren des Einschlags wurden nach rituellen Vorschriften gesammelt und gemeinsam mit Opfergaben und Gebeten in der Erde beigesetzt. Dieses Ritual ist als fulgur conditum überliefert.
Bedeutender Fund zur römischen Religiosität
„Diese Entdeckung liefert uns ein seltenes und außerordentlich eindrucksvolles Zeugnis römischer Religiosität: die Spuren des Blitzes und das Ritual, durch das der getroffene Ort als zum Göttlichen gehörig anerkannt wurde. Dieses tief in der antiken Kultur verwurzelte Thema rückt dank der außergewöhnlichen Funde im Bagno Grande in San Casciano dei Bagni wieder in den Fokus. Dort lieferte ein bronzener Blitz, der neben einem Feuersteinpfeil gefunden wurde, eine aufschlussreiche Spur des Fulgur-Conditum-Rituals. Die Villa Hadriana fügt diesem religiösen Horizont nun ein neues, außergewöhnliches Puzzleteil hinzu, das noch immer in seinem ursprünglichen Kontext erhalten ist. Es ist die Fähigkeit der Archäologie, anhand materieller Spuren Gedanken, Rituale und Formen der Beziehung zum Göttlichen zu offenbaren. Ich danke den Archäologen der Universität Urbino und des Istituto Villa Adriana e Villa d'Este für diese Entdeckung, die unser Wissen über einen der außergewöhnlichsten Orte des italienischen Kulturerbes erheblich erweitert“, sagte Kulturminister Alessandro Giuli bei einem Besuch der Ausgrabungsstätte.
Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte der Villa
Neben ihrer religionsgeschichtlichen Bedeutung könnte die Inschrift auch zur Rekonstruktion der Baugeschichte des Areals beitragen. Die Forschungen deuten darauf hin, dass zwischen dem Ritual des Fulgur Conditum, dem Abriss eines Palastbereichs und späteren Umgestaltungen ein Zusammenhang besteht.
Quelle: Ministerio della cultura