Im Zuge der umfassenden Neugestaltung des Naumburger Domplatzes führen Archäologen seit dem Frühjahr großflächige Untersuchungen im Umfeld des Doms durch. Während die Baugeschichte des Sakralbaus aufgrund früherer Forschungen bereits vergleichsweise gut bekannt ist, gilt dies für die Außenbereiche nur eingeschränkt. Die aktuellen Grabungen schließen daher eine wichtige Forschungslücke.
Der erste Naumburger Dom entstand nach der Verlegung des Bistumssitzes von Zeitz nach Naumburg und war vermutlich bereits in den 1040er Jahren weitgehend vollendet. Errichtet wurde der Bischofssitz in der Vorburg der sogenannten „Neuen Burg“ der ekkehardinischen Markgrafen. Nach 1210 wurde dieser erste Dombau schrittweise durch den heutigen, deutlich größeren Dom ersetzt. Erhalten blieb dabei die Krypta des Vorgängerbaus, die in den spätromanischen Neubau integriert wurde.
Südlich des Ostchors befand sich zudem die bereits im 11. Jahrhundert errichtete Nikolaikapelle, die im 15. Jahrhundert durch die heute noch bestehende Dreikönigskapelle überbaut wurde.
13 Gräber zwischen Dom und Nikolaikapelle
Eine der bedeutendsten Entdeckungen der aktuellen Ausgrabungen ist ein kleiner Friedhof, der genau zwischen dem ursprünglichen Dom des 11. Jahrhunderts und der Nikolaikapelle lag. Insgesamt konnten bislang 13 Grabstellen dokumentiert werden.
Bemerkenswert ist die hochwertige Ausführung der Bestattungen. Fünf der Gräber waren als gemauerte Steinkisten angelegt. Deren Seitenwände bestanden überwiegend aus großen Steinplatten, die mit Kalkmörtel verbunden worden waren. Vor dem Verfüllen der Grabgruben wurden die Steinkisten mit Holz abgedeckt. Zwei weitere Bestattungen befanden sich ebenfalls in Steinkisten, deren aufrecht stehende Steinplatten jedoch ohne Mörtel gesetzt worden waren. Weitere Gräber verfügten über Steinplatten an Kopf- und Fußende der Grabgrube.
Hinweise auf eine exklusive Bestattungsgemeinschaft
Unter den Bestatteten befinden sich Männer, Frauen, Jugendliche sowie ein etwa einjähriges Kind. Das Kleinkind wurde als Nachbestattung in einer bereits vorhandenen gemauerten Steinkiste beigesetzt. Erste Untersuchungen deuten auf eine enge Verwandtschaft zwischen dem Kind und der darunter bestatteten Person hin.
Auch die räumliche Organisation des Friedhofs liefert wichtige Hinweise. Die Gräber überschneiden sich nur selten und dann lediglich in Randbereichen. Dies spricht dafür, dass die Grabstellen oberirdisch gekennzeichnet waren und der Friedhof nur über einen vergleichsweise kurzen Zeitraum genutzt wurde.
Datierung in das 11. Jahrhundert
Da mittelalterliche Gräber in der Regel kaum Beigaben enthalten, gestaltet sich ihre zeitliche Einordnung oft schwierig. Im vorliegenden Fall stützt sich die Datierung vor allem auf die charakteristische Bauweise der Gräber sowie auf deren Überlagerung durch den späteren spätromanischen Dombau.
Nach aktuellem Forschungsstand wurden die Bestattungen wahrscheinlich im 11. Jahrhundert angelegt. Präzisere Aussagen sollen naturwissenschaftliche Untersuchungen der Skelette ermöglichen.
Angehörige der frühmittelalterlichen Elite?
Die archäologischen Befunde sprechen dafür, dass die hier Bestatteten einer gesellschaftlich herausgehobenen Gruppe angehörten. Darauf weisen sowohl die aufwendigen Grabbauten als auch die außergewöhnliche Lage des Friedhofs hin. Der Bestattungsplatz befand sich zwischen zwei Sakralbauten und unmittelbar vor dem Hauptzugang zum damaligen Dom. Solche privilegierten Plätze waren im Mittelalter häufig Personen vorbehalten, die als Stifter oder Förderer kirchlicher Einrichtungen besondere Bedeutung besaßen.
Zugleich besteht die Möglichkeit, dass es sich bei den Bestatteten um einen größeren Familienverband handelt. Geplante DNA-Analysen durch das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sollen klären, ob zwischen den Verstorbenen tatsächlich engere verwandtschaftliche Beziehungen bestanden.
Naturwissenschaftliche Untersuchungen stehen bevor
Vor der Entnahme wurden sämtliche Gräber umfassend dokumentiert. Die geborgenen Skelette werden nun anthropologisch und naturwissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse sollen nicht nur neue Erkenntnisse zur Nutzung des Friedhofs liefern, sondern auch zur Erforschung frühmittelalterlicher Eliten beitragen. Damit fügen sich die Funde in die langfristigen Forschungsprojekte des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt ein, das seit Jahren moderne Analyseverfahren zur Untersuchung frühmittelalterlicher Gesellschaften einsetzt.